Düsseldorfer K21: Richtig spannend, auch für die Ingenieure

Von: Thorsten Karbach
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Besucherinnen gehen in Düsseldorf durch die riesige Rauminstallation "in orbit" des argentinischen Künstlers Saraceno. In mehr als 20 Metern Höhe über der Piazza des K21 Ständehauses installierte der Künstler eine Konstruktion aus Netzen in der Glaskuppel. Foto: dpa
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Weltweit unterwegs: Das Aachener Büro Feldmann + Weynand Ingenieure mit Jürgen Kuck und Christian Müller hat an Tomás Saracenos Kunstinstallation im Düsseldorfer K21 ebenso mitgewirkt wie am Tivoli-Dach, der Elbphilharmonie, dem Aspire Tower in Doha, der BMW-Welt in München und der Spirale der Fußgängerbrücke in Oberhausen. Foto: Andreas Steindl
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Weltweit unterwegs: Das Aachener Büro Feldmann + Weynand Ingenieure mit Jürgen Kuck und Christian Müller hat an Tomás Saracenos Kunstinstallation im Düsseldorfer K21 ebenso mitgewirkt wie am Tivoli-Dach, der Elbphilharmonie, dem Aspire Tower in Doha, der BMW-Welt in München und der Spirale der Fußgängerbrücke in Oberhausen. Foto: Andreas Steindl
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Weltweit unterwegs: Das Aachener Büro Feldmann + Weynand Ingenieure mit Jürgen Kuck und Christian Müller hat an Tomás Saracenos Kunstinstallation im Düsseldorfer K21 ebenso mitgewirkt wie am Tivoli-Dach, der Elbphilharmonie, dem Aspire Tower in Doha, der BMW-Welt in München und der Spirale der Fußgängerbrücke in Oberhausen. Foto: dpa
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Weltweit unterwegs: Das Aachener Büro Feldmann + Weynand Ingenieure mit Jürgen Kuck und Christian Müller hat an Tomás Saracenos Kunstinstallation im Düsseldorfer K21 ebenso mitgewirkt wie am Tivoli-Dach, der Elbphilharmonie, dem Aspire Tower in Doha, der BMW-Welt in München und der Spirale der Fußgängerbrücke in Oberhausen. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Düsseldorf. Spannend. Ja, das ist diese Kunst von Tomás Saraceno in jedem Fall. Auch für Christian Müller und Jürgen Kuck. Das Konzept des argentinischen Künstlers, der mit seinen Installationen – er hat auch schon ein fliegendes Gewächshaus erdacht – weltweit für Furore sorgt, war, ist und bleibt wirklich etwas Besonderes.

In der Kuppel des K21, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im alten Ständehaus, ließ Saraceno in 25 Metern Höhe über der Piazza des Museums eine Konstruktion aus Stahlnetzen spannen, die nicht nur bestaunt, sondern von den Museumsbesuchern auch spinnengleich erkundet werden kann. Was zunächst auf drei Monate angelegt war, hängt seit einem Jahr unter der Kuppel des Ständehauses. Und „In orbit“, so hat Saraceno seine Installation genannt, wird dort mindestens bis Frühjahr 2015 hängen bleiben. Weil dem Museum die Menschen buchstäblich ins Netz gehen.

Auch wenn nur zehn Besucher gleichzeitig in den Netzen unterwegs sein dürfen und bei Weitem nicht jeder Museumsbesucher auch das schwindelerregende Abenteuer in Angriff nimmt, spricht Gerd Korinthenberg von vielen Zehntausend Netzgästen im K21. Und das übertrifft die kühnsten Erwartungen. „Wir sind sehr froh, dass die Installation noch länger hängt“, sagt er. Denn das Netz zieht Besucher nahezu magisch an.

Enorme Zugkräfte

Der Faszination konnten sich auch Müller und Kuck nicht entziehen. Doch die Ingenieure des Aachener Büros Feldmann + Weynand GmbH hatten von Anfang an eine besondere Beziehung zu Saracenos Netzen. Sie waren als Prüfer involviert, haben sämtliche Netze und Lasten, die sie aushalten müssen, berechnet, waren beim Aufbau vor Ort. Es sind letztlich enorme Kräfte, sogenannte Zugkräfte, die dort wirken, wo das Netz mit dem Ständehaus zusammenkommt, insbesondere an den sogenannten Fußpunkten. „Solche Membrantragwerke sind wirklich hochgradig kompliziert“, sagt Müller. Es war monatelange Arbeit.

Sicherheit ist bei einer solchen begehbaren oder besser bekrabbelbaren Installation das oberste Gebot. Schließlich bewegen sich die Menschen in 25 Metern Höhe. Es ist ein eindrucksvolles Bild, was diese Netze mit ihren sechs Ballons, die sie auseinanderhalten, abgibt. „Es gibt nichts, was mit einem normalen Gebäude zu tun hat“, schaut Bauingenieur Müller auf die Konstruktionen. Und genau das war die Herausforderung. Er hat sie angenommen – am Ende mit Helm auf dem Kopf und Zollstock in der Hand.

Gebäude sollen sich in der Regel nicht verformen, Saracenos „In orbit“ soll es sich aber sehr wohl. Dies ist ausdrücklich gewünscht. So können die zehn Besucher, die gleichzeitig im Netz sind, ganz nah beieinander stehen und wenige Augenblicke wieder überall in der Installation verteilt sein. „Die Lasten verteilen sich also ständig neu“, erklärt der Experte. Damit war zu rechnen. Aber alles passt. Und noch dazu wird jeden Tag von den Museumsmitarbeitern nach offensichtlichen Schäden geschaut, wöchentlich von Fachleuten, die die Netze montiert hatten, und halbjährlich von den Tragwerksplanern ganz genau geprüft, ob alles in Ordnung ist. „In orbit“ soll ja ausschließlich Freude bereiten.

Drei Jahre hat der Künstler es geplant, drei Tonnen wiegen die Netze insgesamt, 300 Kilo die Kugeln, die der Künstler Sphären nennt. Für ihn ist „In orbit“ Teil des Großprojektes einer schwebenden Stadt der Zukunft, er versteht sie als Antwort auf die zunehmende Unbewohnbarkeit der Erde.

Am Boden hatten alle Beteiligten damit eine ganze Menge Arbeit. Es ist ein sehr dicker Ordner, der vor Christian Müller liegt und genau davon erzählt.

Die tollkühne Brücke

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Aachener Experten für Stahlkonstruktionen mit den geradezu tollkühnen Ideen von Kunstschaffenden auseinander gesetzt haben. Ein paar Kilometer hinter Düsseldorf, also in Oberhausen, führt die „Slinky springs to fame“-Brücke über den Rhein-Herne-Kanal. Es ist aber nicht bloß eine Brücke, es ist ein schwingender Überweg mitten in einer Spirale. Sieht nicht nur toll aus, ist auch noch ein formidables Vergnügen: Die Brücke kann, darf und soll von ihren Begehern in Schwingung versetzt werden und wippen. Dabei schiebt sich auch die umfassende Spirale zusammen und auseinander. Aber alles hat seine Grenzen – und die haben die Ingenieure von Feldmann + Weynand im Falle der Aluminiumspiralen ausgelotet und geprüft.

Es geht um Gebrauchstauglichkeit, wie es formal heißt, aber eben auch um Sicherheit.

Düsseldorf, Oberhausen, Paris, Indien, Doha – wer in die Auftragsbücher des Ingenieurbüros blickt, der sieht: Die Aachener haben überall in der Welt Spuren hinterlassen beziehungsweise an spannenden Bauwerken mitgewirkt. Da ist die prächtige Rheinbrücke zwischen Kehl und Straßburg, wo Feldmann + Weynand die Dämpfer verantworteten. Die auffällige Fassade des Citroën-Hauses an der Champs-Élysées mit ihren Tetraedern haben sie entwickelt. „Wir bauen leicht und filigran“, sagt Jürgen Kuck, einer der Geschäftsführer des Aachener Unternehmens.

Es ist nicht immer ganz leicht, die Vorstellungen von Architekten letztlich umzusetzen. Da sind Architekten wie Künstler. Sie sind in erster Linie kreativ. Deswegen braucht es Ingenieurbüros, die die tatsächlichen Konstruktionen genauestens berechnen. So war es im Fall von Feldmann + Weynand beim Justizzentrum in Bordeaux ebenso wie beim Aspire Tower in Doha, einem 300 Meter hohen Wolkenkratzer. Bei solchen Hochhäusern geht es natürlich um Bauwerkaerodynamik, denn es ist vor allem Wind, der auf solche Gebäude wirkt. Windkanaltests nehmen in der Arbeit von Feldmann + Weynand großen Raum ein: da hilft die enge Zusammenarbeit mit dem Institut für Stahlbau und Leichtmetallbau der RWTH Aachen, in deren Hallen ein solcher Windkanal steht. Das Büro ist der Kooperationspartner. Einer der beiden Gründer, Markus Feldmann – der andere ist Klaus Weynand –, leitet das Institut mit Europas größtem Lehrstuhl für Stahlbau (40 Mitarbeiter).

Getestet wurde darin beispielsweise die futuristische BMW-Welt in München, noch so ein mindestens tollkühner Architektenentwurf. Oder Calatravas eindrucksvoller Lütticher Bahnhof. Aber auch Fußballstadien – von Mönchengladbach bis Danzig – standen hier schon im Windkanal.

Das Luftschloss

Es gibt reihenweise solche Leuchtturmprojekte, die in großen Fotografien im Flur des Büros hängen. Bald werden sie eingepackt und ziehen um – mit dem gesamten Büro geht es für die 25 Mitarbeiter von der Vaalser Straße in den Aachener Süden nach Oberforstbach. Dort kommen die Aufnahmen bestimmt wieder an die Wand – etwa die von der Elbphilharmonie. Am Hamburger Prachtbau, lange mehr ein Luftschloss als eine Konzertstätte, kommt so viel Stahl wie sonst nur in Brücken zum Einsatz. Die Aachener Ingenieure waren als Gutachter an der Elbe. Es galt, technische Fragen bezüglich der Decke über dem großen Konzertsaal zu lösen.

Seit 1999 gibt es das Büro, es ist ein Spin-off der RWTH und hat mittlerweile auch ein Büro in Stuttgart. Es gibt nicht viele Büros in Deutschland, die sich derart mit Stahlbau beschäftigen – sei es am Jade-Weser-Port, bei der NordLB in Hannover, beim Dach des Letzi-grund-Stadions in Zürich, bei einem Kraftwerk in Indien (Erdbebensicherheit) oder einer riesigen Klappbrücke im Antwerpener Hafen, an der sich Risse in den Trägern zeigten. Die Brücke war mehr noch eine Maschine als ein Bauwerk, noch so eine Herausforderung, bei der die Hafenbetreiber sehr bewusst die Aachener aufsuchten. Und über all dies hinaus entwickeln die Aachener auch noch Software, die mittlerweile europaweit eingesetzt wird.

Die Spur von Feldmann + Weynand führt über Düsseldorf dann aber doch noch nach Aachen – in die Heimat: Auf dem Campus war gerade erst Grundsteinlegung für einen Entwurf des renommierten New Yorker Architekturbüros Kohn Pedersen Fox (KPF), nach dem nun das Cluster Photonik gebaut wird (es geht um Licht als Werkzeug). Die verschachtelte Fassade ist ein Hingucker. Und Feldmann + Weynand Ingenieure haben sie sich schon genau angeschaut, die Planung liegt in ihren Händen. Es ist keine Standardlösung, heißt es. Aber was ist das schon? Saracenos „In orbit“-Installation ist das ganz gewiss nicht.

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