Düren - Dürener wollen „ihre” Kirche übernehmen

Dürener wollen „ihre” Kirche übernehmen

Von: Stephan Johnen
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Peter Lochner (Mitte), seine F
Peter Lochner (Mitte), seine Frau Monika und viele weitere Gemeindemitglieder wollen ihre Kirche behalten und die Dinge an St. Bonifatius jetzt selber in die Hand nehmen. Alexander Bledowski von der polnischen Gemeinde hat bereits Unterstützung zugesagt. Foto: Stephan Johnen

Düren. Kirche ist mehr als ein umbauter Raum. Sie ist Heimat, sie stiftet Identität. Das jedenfalls finden Peter Lochner aus Düren und seine Mitstreiter der Initiative „St. Bonifatius soll Gemeindekirche bleiben”.

„Ohne die Kirche als Mittelpunkt kommt das Gemeindeleben zum Erliegen”, hat Peter Lochner im März gesagt, als der Entschluss der Pfarre bekanntgegeben wurde, für das Gotteshaus eine andere, „möglichst kirchennahe” Nutzung zu finden.

Der 61-Jährige hat daraufhin an den Bischof geschrieben. Es war ein Brief, der viele Unterschriften von Menschen aus St. Bonifatius im Dürener Osten trug. Sie wollen, dass die Kirche im Sprengel bleibt. Später sammelten sie Unterschriften, 1566 bisher. Der Stadtrat verabschiedete mehrheitlich eine Resolution zum Erhalt der Kirche. Heute, am 23. Juni, soll ein Förderverein gegründet werden, um die Reparaturrücklage für den Sakralbau zu finanzieren. Die Christen im Dürener Osten wollen in einer bislang einmaligen Initiative im Bistum Aachen ihre Kirche „übernehmen”. Oder anders formuliert, mit den Worten Peter Lochners: „Alles, was wir wollen, ist eine Chance.”

„Wie vor den Kopf gestoßen”

Jede zweite der aktuell 374 Gemeinden im Bistum sondiert bereits, von welchen Gebäuden man sich trennen kann. Bis 2015 soll dieser Prozess beendet sein. Die Zielvorgabe des Kirchlichen Immobilienmanagements (KIM) lautet: 33 Prozent der Instandhaltungskosten müssen eingespart werden. Weniger Katholiken, weniger Zuschüsse: „Was tun?” lautete auch die Frage in der Großgemeinde St. Lukas, zu der St. Bonifatius und fünf weitere Gemeinden seit 2010 gehören.

Die Antwort wurde Ende März bekanntgegeben. Im Vorfeld der Entscheidung seien alle Gebäude von Gutachtern untersucht und bewertet worden. Weiterhin sei von allen Beteiligten ermittelt worden, wie die Gebäude genutzt werden. Dabei hätten vor allem pastorale Aspekte im Vordergrund gestanden. So sei überlegt worden, wie Aktivitäten und Treffpunkte so verlegt oder kombiniert werden können, dass alle Gruppen in den Gemeinden einen Raum finden.

Für St. Bonifatius wurde in der Folge die Suche nach einer neuen, „möglichst kirchennahen Nutzung” beschlossen, für das „Haus der Begegnung” und die Kaplanei werden Vermietung und Verkauf geprüft. Als Gemeindekirche für den Osten der Stadt bleibt die Antoniuskirche in der Nachbarschaft erhalten. „Mit Hilfe des Immobilienmanagements hat die Pfarre ein zukunftsfähiges Gebäudekonzept entwickelt”, hieß es in dem Beschluss.

Peter Lochner und andere Gemeindemitglieder sehen das anders: „Wir waren wie vor den Kopf gestoßen.” Auf Erstaunen folgte Trauer, dann Wut. Dann reifte der Entschluss, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. „Wir empfinden uns nicht als Sterbebegleiter”, betont Lochner. Es möge sein, dass das Gemeindeleben in der Vergangenheit nicht immer herausragend rege gewesen sei. „Aber das Bestreben, St. Bonifatius als Gemeindekirche zu erhalten, hat einen neuen Schub gebracht.”

Diese Entwicklung soll der Förderverein verstärken. Auch die polnische Gemeinde, die zweimal in der Woche in der Kirche Gottesdienst feiert, hat ihre Unterstützung zugesagt, erklärt Gemeindemitglied Alexander Bledowski. „Geld und Arbeit” biete er dem Förderverein.

Es gibt Formeln, mit denen sich berechnen lässt, welche Kosten statistisch für jedes Gebäude für Reparaturen zurückgelegt werden müssen. Für die Bonifatiuskirche sind es rund 35 000 Euro pro Jahr. Geld, das ein zu gründender Förderverein einwerben möchte. Die Kirche müsse natürlich weiter pastoral bedient werden. Peter Lochner ist zuversichtlich, spricht von Spendenzusagen, Mitteln aus Stiftungen. „Die Menschen investieren gerne in etwas Sichtbares”, sagt er. „Wenn es nicht klappt, haben wir es zumindest versucht.”

Ist dies so? Ist es eine Frage des Geldes - oder bringt eine „Rettungsaktion” wie die in St. Bonifatus auch ein auf veränderte Umstände zugeschnittenes Pastoralkonzept durcheinander?

Johannes Schnettler vom Generalvikariat Aachen möchte die anstehende Gründung des Fördervereins nicht kommentieren. Am Montag seien Peter Lochner und seine Mitstreiter schließlich auf Einladung des Hauptabteilungsleiters Pastoral, Rolf-Peter Cremer, zu einem Gespräch nach Aachen eingeladen, bittet Schnettler um Verständnis. Dann werden sie auch die Unterschriftenlisten übergeben. „Der Prozess in Düren ist beispielhaft gewesen”, sagt Johannes Schnettler dann doch. Keine Entscheidung sei übereilt getroffen worden. „Natürlich sind es manchmal schmerzhafte Entscheidungen”, fügt er hinzu.

„Kirche neben der Kirche”

Die offiziellen Pfarrgremien vor Ort wollten sich zur Gründung des Fördervereins auf Anfrage nicht äußern. Eine „persönliche Einschätzung” der Lage ermöglicht aber das aktuelle Gemeindeblatt von St. Bonifatius. „Hier bildet sich eine Kirche neben der pfarrlich strukturierten Kirche”, beschreibt Pastor Josef Wolff aus seiner Sicht das Problem. „Es geht nicht nur um eine Werbung von Spendengeldern, sondern um eine massive Einflussnahme auf das kirchliche Leben und somit um eine Konkurrenz zur bestehenden kirchlichen Struktur”, heißt es weiter.

Der Aufbau einer Parallelstruktur lasse Konflikte erwarten und sei kaum geeignet, perspektivisch gemeinsam nach „Umnutzungsmöglichkeiten” für St. Bonifatius zu suchen. Denn auch, wenn es dem Förderverein gelingen sollte, die Unterhaltungsmittel aufzubringen: „Die Verantwortung für die bauliche Instandhaltung bleibt bei der Pfarre.” Ein Risiko, das die Pfarre nicht schultern könne.

Wolff schreibt an die Gemeindemitglieder: „Nach meiner Einschätzung steht das kirchliche Leben noch vor weiteren gewaltigen Umbrüchen, bei denen uns die Immobilität und Vielzahl kirchlicher Gebäude wertvolle Ressourcen nimmt...”
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