Düren hin, Berlin her: Noch ein falscher Arzt verurteilt

Von: Anne Baum und Marlon Gego
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Amtsgericht Düren, Saal 107: Dort war der falsche Arzt von Düren zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Ein falscher Arzt aus Sachsen-Anhalt wurde nun vom Landgericht Berlin weniger milde beurteilt. Foto: Kubiak

Berlin/Düren. Eigentlich hatten alle nur gut über ihn gesprochen, ein Behandlungsfehler war ihm nicht unterlaufen, und einer seiner Kollegen sagte vor Gericht gar über ihn: „Er war der beste Arzt, den wir hatten.“ Das Problem war, dass der 41 Jahre alte Mann aus Sachsen-Anhalt, der zuletzt als Arzt auf einem Schiff der Aida-Flotte gearbeitet hatte, überhaupt kein Arzt ist, sondern Krankenpfleger.

Deswegen verurteilte ihn das Landgericht Berlin wegen 63 Fällen von Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Betrug, Urkundenfälschung und Titelmissbrauchs am Montag zu drei Jahren Haft.

Das Urteil ist insofern interessant, als am Amtsgericht Düren am 12. Juli ein Urteil in einem ähnlichen Fall gesprochen wurde, in dem aber Staatsanwaltschaft und Richterin zu ganz anderen Schlüssen kamen als die Kollegen in Berlin. So kam der falsche Arzt von Düren, ebenfalls 41, mit einer Bewährungsstrafe davon: 22 Monate, ins Gefängnis muss er im Gegensatz zum 41-Jährigen aus Sachsen-Anhalt nicht. Der Dürener war wegen 336 Fällen von Körperverletzung und einer Urkundenfälschung angeklagt gewesen.

Hochstapler ja oder nein?

Der Prozess am Dürener Amtsgericht hatte eine Stunde und 51 Minuten gedauert, Richterin Verena Neft hatte weder Zeugen noch Sachverständige geladen. Die einzigen Beweismittel im Prozess waren zwei Urkunden und die Aussage des Beschuldigten, die für das Publikum im Saal akustisch kaum zu verstehen gewesen war, was Richterin Neft nicht weiter gestört hatte. Wegen Titelmissbrauchs war P. gar nicht erst angeklagt gewesen, obwohl er zu Unrecht zwei Doktortitel geführt hatte.

Das Landgericht Berlin hingegen nahm sich sechs Verhandlungstage Zeit, bevor Richter Frank Klamandt am Montag das Urteil über den falschen Schiffsarzt sprach. Mehrere Zeugen wurden gehört, Sachverständige auch, dann stand für das Gericht fest: Der 41-Jährige war zehn Jahre lang in einem Krankenhaus in Stendal als Pfleger tätig gewesen, engagiert und gelobt. „Doch er wurde mit seiner beruflichen Situation zunehmend unzufriedener“, sagte Richter Klamandt am Montag. Der Krankenpfleger nahm eine Auszeit. Sie endete mit dem kriminellen Plan, sich den Aufstieg zum angeblichen Anästhesisten mit Fälschungen selbst zu basteln. „Er hatte jeden Tag Ärzte vor der Nase und sah für sich keine Aufstiegsmöglichkeit“, sagte der Richter. Es sei dem Angeklagten auch darum gegangen, sich selbst aufzuwerten und mehr Geld zu verdienen.

Die Karriere des falschen Dürener Arztes war ähnlich verlaufen. Er hatte jahrelang Medizin studiert, verfügte also wie der am Montag Verurteilte über eine gewisse fachliche Vorbildung. Auch er entschloss sich, Urkunden zu fälschen. Ab 2006 arbeitete er als Chirurg zunächst in Köln, ab 2009 dann am Krankenhaus Düren. Obwohl er keines der drei Staatsexamen abgelegt hatte, wurde ihm vom Amtsgericht Düren bestätigt, seine medizinische Ausbildung „im Wesentlichen abgeschlossen“ zu haben. Es handele sich bei dem Mann, der zwei Promotions-, eine Approbations- und eine Facharzturkunde gefälscht hatte, „nicht um einen klassischen Hochstapler“.

Das Landgericht Berlin erkannte in dem falschen Schiffsarzt sehr wohl „einen Hochstapler“, obwohl er im Gegensatz zum Dürener nur eine Approbations- und eine Promotionsurkunde gefälscht hatte. „Er wäre nicht in der Lage gewesen, bei Komplikationen einzugreifen“, stellte das Gericht fest. 21 der Fälle, in denen er Spritzen setzte oder Infusionen legte, flossen in die Anklage ein. Es ging für alle Patienten gut aus.

In Düren und Köln hatte der Mann unbefugt an Hunderten Operationen teilgenommen und an Menschen herumgeschnitten, 336 dieser Operationen waren noch nicht verjährt. Kein Patient hatte sich über seine Arbeit beschwert, höchstens über seine Großmäuligkeit, Vorgesetzte hatten sich lobend geäußert. Das hatte letztlich dazu beigetragen, dass Staatsanwaltschaft und Amtsgericht es für unangemessen hielten, ihn ins Gefängnis zu schicken.

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