Aachen - Droht eine Zunahme der Infektionskrankheiten?

Droht eine Zunahme der Infektionskrankheiten?

Von: Sabine Rother
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Was können Viren und Bakterien? Wie kommt es zu Antibiotikaresistenzen? Und was kann man dagegen einsetzen? Die mikrobiologische Forschung läuft auf Hochtouren. Bei der Medizinischen Gesellschaft erläutert am Dienstag, 24. März, Professor Mathias Hornef, Direktor der Instituts für Medizinische Mikrobiologie der RWTH Aachen, wo die Schwerpunkte liegen. Foto: stock/Wladimir Bulgari
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Professor Mathias Hornef ist Leiter der Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der RWTH Aachen Foto: Ralf Roeger

Aachen. Begriffe wie „Ebolafieber“, „Krankenhauskeim“ und „Antibiotikaresistenz“ machen die Runde und wecken Ängste. Droht eine Zunahme der Infektionskrankheiten? Mutieren die Erreger so schnell, dass sie einer Entwicklung möglicher Medikamente zuvorkommen?

Die Medizinische Gesellschaft Aachen widmet sich am Dienstag, 24. März, diesem Thema. Wir sprachen im Vorfeld mit Professor Mathias Hornef, Direktor der Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der RWTH Aachen, der zu den Referenten gehört, über diese Problematik.

Im Titel der Veranstaltung heißt es: „Infektionskrankheiten auf dem Vormarsch“. Wie schätzen Sie die Situation ein? Müssen wir uns Sorgen machen?

Hornef: Es gibt keinen Grund zur Hysterie. In der Sterblichkeitsstatistik führen in Europa seit der breiten Anwendung von Antibiotika klar Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen. Richtig ist allerdings, dass Infektionen auch bei uns nach wie vor eine wichtige Krankheitsursache darstellen. Auch beobachten wir regelmäßig Ausbrüche durch bisher unbekannte oder veränderte Infektionserreger sowie einen Anstieg von Antibiotika-resistenten Erregern. Weltweit spielen Infektionskrankheiten eine herausragende Rolle. Wir müssen also wachsam bleiben und versuchen, Infektionserreger besser zu verstehen und neue Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Spielt die Zuwanderung eine Rolle, wenn bestimmte Erkrankungen verstärkt auftreten?

Hornef: In Einzelfällen kann das mal so sein. Wir müssen eine ausreichende medizinische Vorsorge zum Beispiel durch Impfung bei Migranten gewährleisten. Wichtiger scheint mir aber die große Reiseaktivität vieler Einheimischer, die Erkrankungen wie Malaria, Wurmerkrankungen, Dengue- oder Gelbfieber aus dem Urlaub mitbringen.

Haben wir noch genug Widerstandskräfte oder sind wir durch ein Leben ohne Mangel verweichlicht?

Hornef: Unsere Widerstandskräfte sind prinzipiell in Ordnung. Unser Immunsystem wird durch die ständige Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von meist nicht sehr gefährlichen Erregern vor allem im Kindesalter recht gut trainiert. Allerdings haben wir durch die immer bessere medizinische Versorgung eine zunehmende Zahl von empfindlichen Menschen, wie Patienten nach Chemotherapie, Frühchen oder sehr alte Menschen.

Haben manche einen Hygienewahn entwickelt?

Hornef: Da gibt es vereinzelt eine irrationale Haltung. Vergessen wir nicht, dass der Mensch sich in einer mit Mikroorganismen bewohnten Umwelt entwickelt hat. Bakterien besiedeln in großer Zahl unsere Haut und unseren Darm und das fast immer zu unserem Vorteil. Wir nutzen Bakterien bei der Lebensmittelherstellung.

Wie geht man mit der Angst vor einer Erkrankung um?

Hornef: Man sollte Infektionserkrankungen ernst nehmen und die empfohlenen Schutzmaßnahmen wie Impfungen und persönliche Hygiene durchführen. Wir müssen auch in Zukunft Anstrengungen zu einem besseren Verständnis von Infektionserregern unternehmen. Es gibt aber keinen Grund zur Panik. Deutschland hat ein gutes Überwachungssystem von Infektionserkrankungen. So ist etwa an der Uniklinik Aachen das Nationale Referenzzentrum für Streptokokken.

Können wir auf unser Wasser vertrauen?

Hornef: Das Leitungswasser in Deutschland wird nach der Trinkwasserverordnung ständig überwacht und hat eine ausgezeichnete Qualität.

Sind Legionellen, wie sie kürzlich in einem Kühlturm des Kraftwerks Weisweiler in extrem hoher Zahl aufgetreten sind, ein Risiko?

Hornef: Legionellen sind Wasserkeime und gedeihen überall, wo Wasser über 20 und unter 50 Grad längere Zeit steht – zum Beispiel in Rohrleitungen, Klimaanlagen und in Kühltürmen. Werden sie von abwehrgeschwächte Menschen eingeatmet, kann es zu Infektionen kommen. Die niedrigeren Warmwassertemperaturen im Zuge des Energiesparens erleichtern den Legionellen die Besiedlung von Rohrleitungen..

Was sagen Sie zum Problem der Antibiotika-Resistenzen? Das ist ja längst keine Seltenheit mehr.

Hornef: Wir kennen Antibiotika-Resistenzen fast solange, wie wir Antibiotika kennen. Bakterien sind sehr gut darin, Wege zu finden, der Wirkung von Antibiotika zu entgehen. Die Resistenzraten steigen dann mit dem Verbrauch der Antibiotika. So werden durch Antibiotikagabe besonders im Krankenhaus resistente Keime vereinzelt, sie bekommen einen Wachstumsvorteil und können sich schneller als andere Bakterien vermehren.

Wirklich? Man hat doch gegenwärtig den Eindruck, das sei ein relativ neues Problem.

Hornef: Wir befinden uns gewissermaßen ständig im Wettstreit mit den Bakterien. Die Zeit arbeitet dabei für die Mikroorganismen. In der letzten Zeit steigen allerdings die Resistenzraten gegenüber medizinisch besonders wichtigen und früher fast ausnahmslos wirksamen Antibiotika.

Warum kommt dieses Phänomen mit all seinen Folgen erst jetzt so deutlich zum Vorschein, wenn es immer schon da war?

Hornef: Die Resistenzraten bei vielen Bakterien stiegen in den letzten Jahrzehnten an, weil Antibiotika in der Tiermast aber auch beim Menschen zu unkritisch eingesetzt wurden. Auch wurden in den letzten Jahrzehnten immer weniger neue Antibiotika entwickelt und zugelassen. Gleichzeitig entwickelten bestimmte Bakterien bisher bei ihnen nicht bekannte Resistenzmechanismen.

Wie kommt es zu dieser Stagnation?

Hornef: Das hat seinen Grund in den zunehmend hohen Kosten für die Entwicklung und Zulassung von neuen Medikamenten. Und die Leitlinien stufen ein neues wirksames Präparat dann zunächst als Reserveantibiotikum ein, das nur bei einer Resistenz eingesetzt wird wodurch sich der Gewinn während der ersten patentrechtlich geschützten Zeit reduziert. Damit ist die Entwicklung für Firmen wirtschaftlich nicht mehr so interessant.

Sind Sie in Ihrem Institut auch auf der Suche nach neuen Wirkstoffen?

Hornef: Wir beschäftigen uns nicht direkt mit der Entdeckung neuer Substanzen. Aber eine Arbeitsgruppe im Institut arbeitet an der Identifizierung von Viren, die Bakterien abtöten können.

Wo findet man diese Stoffe und wie kann man sie nutzen?

Hornef: Sie werden vor allem an Körperoberflächen im Darm, in der Lunge und auf der Haut gebildet. Man kann sie synthetisch herstellen und zur Therapie lokaler Infektionen verwenden.

Das ist ein hoffnungsvoller Weg. Wo ist der Haken bei der Sache?.

Hornef: Diese körpereigenen Verteidigungsstoffe – man nennt sie auch Defensine – sind im Vergleich mit Antibiotika nicht besonders effektiv. Man braucht deshalb recht hohe Konzentrationen, um Bakterien abzutöten. Die Herstellung ist teuer. Auch wissen wir noch nicht genug über ihre Regulation und Wirkungsweise im Körper.

Stichwort Krankenhaushygiene. Warum ist der Krankenhauskeim nicht auszurotten?

Hornef: Da wir im Krankenhaus schwer kranke Patienten mit Antibiotika behandeln müssen, ist dort das Auftreten von resistenten Keimen besonders häufig. Das wird immer so sein und bedeutet noch nicht, dass der Patient wirklich eine Infektion mit den resistenten Bakterien entwickeln wird.

Was unternimmt man gegen diese Krankenhauserreger?

Hornef: In erster Linie gilt es, ihre weitere Entstehung und Verbreitung zu verhindern. Dazu gehören in jedem Krankenhaus genaue Untersuchungen zum Vorkommen resistenter Erreger. Die Krankenhaushygiene überwacht dieses Auftreten und sorgt dafür, dass resistente Keime nicht auf andere Patienten übertragen werden.

Die Menschen sind verunsichert und besorgt, denn immer wieder gelangt zudem das Ebolavirus in die Schlagzeilen. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?

Hornef: : In Mitteleuropa ist eine Ausbreitung von Ebola kein Thema selbst wenn vereinzelt Erkrankte in Krankenhäusern behandelt werden. Eine Infektion braucht direkten Körperkontakt mit einem Erkrankten, was in Afrika im kulturellen Kontext etwa durch das Küssen von Verstorbenen zum Abschied geschieht. Im Krankenhaus herrschen bei uns in diesem Fall sehr strenge Hygienemaßnahmen.

Heftig diskutiert wird bei uns auch über das Thema Impfen, besonders im Hinblick auf Masern.

Hornef: Impfungen haben einen wesentlichen Anteil an den Errungenschaften der modernen Medizin. Auch die Masernimpfung gehört dazu. Im vorliegenden Fall eines Masern-Ausbruchs in Berlin gibt es drei empfindliche Personengruppen. Es sind zunächst Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen und gar nicht die Chance einer Impfung hatten, Menschen, die in Deutschland leben und gegen die Impfung sind, sowie eine Gruppe, die sich nicht impfen lassen kann, weil bei ihnen ein Immundefekt vorliegt. Die zweite Gruppe muss sich fragen lassen, wie sie die Gefahr rechtfertigt, die sie für andere bedeutet.

Wo liegen zurzeit die Schwerpunkte in der Forschung der Medizinischen Mikrobiologie?

Hornef: Im Unterschied zu Tumor- oder Herz-Kreislauferkrankungen haben wir es mit Problemen zu tun, die sich beständig wandeln. Wir brauchen auch in Zukunft eine starke angewandte und grundlagenorientierte Forschung.

Wie sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Hornef: Wir brauchen die Unterstützung aus der Politik, die Bereitstellung von Mitteln und gute gesetzliche Rahmenbedingungen für die Forschung.

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