Doris Casse-Schlüter: Die große Dame der Designs

Von: Naima Wolfsperger
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Ihr jüngstes Werk: Ein Porträt des 2007 verstorbenen Autors und Schauspielers George Tabori. Die Designerin Doris Casse-Schlüter versucht das Wesen des Porträtierten in ihren Zeichnungen zu erfassen. Foto: Andreas Herrmann
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Ein kleiner Überblick über Arbeiten und Auftraggeber: Darunter sind Modefirmen, Universitäten, Städte, Brauereien und und und... Foto: Doris Casse-Schlüter
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Zwischen Handarbeit und Digitalisierung: Doris Casse-Schlüter ist technisch versiert, gleichzeitig fesselt sie das Zeichnen aus freier Hand.
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Die alte Eva gibt´s nicht mehr: Ein Plakat der Serie, das sie 1985 für die Katholische Frauengemeinschaft Deutschland (KFD) designt hat. Foto: Doris Casse-Schlüter
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Ein Lieblingsprojekt der Grafikerin: Mit „L'esprit d'Europe“ haben Studenten ihre Verbindung mit Europa ausgedrückt. Foto: Doris Casse-Schlüter
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Der Bonner Kussmund: Mit ihm gewann Casse-Schlüter 1971 den Plakatwettbewerb „Bonn Bundeshauptstadt“. Foto: Doris Casse-Schlüter

Region. An ihrem ersten Unterrichtstag als Dozentin an der Fachhochschule Aachen verschläft Doris Casse-Schlüter. Am Abend zuvor hat sie in Bonn eine neue Designreihe für die Katholische Frauengemeinschaft Deutschland vorgestellt. Um zwölf Uhr nachts will sie sich entschuldigen lassen – schließlich stehe am kommenden Morgen eine Horde Studenten vor ihr.

„Das ist nicht schlimm“, habe jemand gesagt, erinnert sich Casse-Schlüter und lacht: „Die müssen nur hinter Ihnen stehen.“ Als das Sekretariat der Universität sie anruft und nach ihrem Verbleiben fragt, lässt sie den Studenten ausrichten, dass sie erst nachmittags komme. Eine Szene, die verrät, wie unwichtig Doris Casse-Schlüter der Lehrberuf damals, Mitte der 80er Jahre, noch war.

Doch dann erwärmt sie sich für die Arbeit mit den jungen Menschen, die ihr durchaus strenges Regiment zu schätzen wissen und zum Anlass nehmen, sich sehr zu bemühen. Ein Bestreben, das Casse-Schlüters eigener Persönlichkeit entspricht. Und so kommt es, dass sie wenige Wochen später auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto vor Freude Schlangenlinien fährt.

Doris Casse-Schlüter ist die wohl erfolgreichste Designerin der Region. Und selbst, wer ihren Namen nicht kennt, der kennt ihre Designs – und das deutschlandweit. Unter anderem wird ihr Signet für die Kieler Woche gerade erneut aufgegriffen. Der Stadt Bonn hat sie ihren Kussmund aufgedrückt. Und aus dem Aachener Erscheinungsbild ist sie nicht wegzudenken – sie hat zum Jahr 2000 das Logo der Stadt entworfen.

Vor 50 Jahren, 1967, hat sich die heute 75-Jährige selbstständig gemacht. Ein Jubiläum, das einlädt, zurückzublicken. „Vor allem, weil sich ja so viel verändert hat. Früher musste man alles von Hand machen“, sagt Casse-Schlüter, die sich immer noch darüber wundert, dass man heute in acht Stunden leisten kann, wofür sie zu Beginn ihrer Laufbahn 14 bis 16 Stunden gebraucht hat. Deshalb ist sie der Computertechnik nicht abgeneigt. Seit den 80er Jahren arbeitet sie mit einem Mac, und seit 2016 archiviert sie ihre Werke sorgfältig auf ihrer eigenen Webseite.

Sorgfältig sortiert wirkt auch ihre Wohnung am Kaiserplatz: Dieses Design-Arrangement, in dem alles seinen festen Ort hat, ist eine Mischung aus herrschaftlichen, antikisierenden Säulen auf einer Empore und aus modernen Stahlelementen. Hier steht der Untersatz eines Blumenkastens mit Steinen unter der Heizung, dort eine Leinwand, an der eine ihrer jüngsten Zeichnungen hängt.

Nichts wirkt hier zufällig oder nachlässig in die Ecke gelegt. Casse-Schlüter ist Perfektionistin. Das ist auch an ihren strukturierten Designs zu erkennen. Und auch an ihrem Auftreten, aus dem das Selbstbewusstsein einer Frau spricht, die sich einerseits ihrer Fähigkeiten bewusst ist und die andererseits immer weiter an sich und an ihren Werken gearbeitet hat.

„Mit meinen Designs habe ich immer versucht, die Sache auf den Punkt zu treffen“, sagt Casse-Schlüter. „So, wie Sie jetzt versuchen, mich zu begreifen, so habe ich damals versucht, das richtige Signet aus den Wünschen des Auftraggebers und aus dem Charakter des Unternehmens zu gestalten.“ Sie lacht verschmitzt und wartet neugierig darauf, wie ihr Gegenüber auf ihre Analyse reagiert. Ganz einfach machen möchte sie es einem nicht. Die richtigen Fragen müssen schon gestellt werden.

Für ihre Signets suchte sie also das perfekte grafische Element, das minimalistisch das Wesentliche erfasst und ausdrückt. „Wichtig war mir dabei ein konzeptioneller Ansatz. Wenn jemand ein Design für ein Plakat bestellt hat, dann habe ich nachgefragt, und gemeinsam mit dem Auftraggeber erörtert, ob das denn alles ist, was er braucht.“ Vielleicht sei das Unternehmen durch ein T-Shirt oder andere Produkte besser oder ebenso gut repräsentiert. „Design bedeutet auch, ein ganzheitliches Konzept zu entwerfen.“

1985 wird Doris Casse-Schlüter zur Professorin für Visuelle Kommunikation im Fachbereich Design der FH Aachen berufen. „Eigentlich wollte ich nie unterrichten“, betont sie wieder. Casse-Schlüter hatte Design an der Folkwangschule für Gestaltung, der heutigen Folkwang Universität der Künste in Essen, studiert. Bereits zu Studienzeiten gewann sie Preise – unter anderem den Folkwang Leistungspreis 1965. Auch als sie sich nach dem Studium mit ihrem damaligen Mann 1967 selbstständig machte, war sie erfolgreich. Finanzielle Gründe, Dozentin zu werden, gab es also keine. Persönliches Interesse auch nicht. Als die Anfrage der FH Aachen kommt, lehnt sie also schlicht ab.

Einer ihrer ehemaligen Professoren hatte sie in Aachen aber wärmstens empfohlen und rief bald nach ihrer Absage an: „‚Hör mal Mädchen, ich habe mich da für dich eingesetzt‘, sagte er.“ Casse-Schlüter lacht erneut, mit einem schelmisch wirkenden Leuchten in den Augen. Sie weiß, dass es vielleicht ein wenig vorschnell war, eine solche Stelle abzulehnen. „Er rang mir das Versprechen ab, es zumindest zu probieren.“

Der Umzug nach Aachen bewirkt auch, dass sich Doris Casse-Schlüter viel stärker als Europäerin fühlt: „Der Karlspreis hat in mir ein starkes Bewusstsein dafür geweckt.“ Und auch bei ihren Studenten hat sie versucht, sie für Europa zu begeistern. „Die Ersten, mit denen ich nach Luxemburg gefahren bin, die sprachen nur von abstrusen europäischen Verordnungen und Butterbergen. Schlussendlich habe ich es dann doch über die Kunst und die Menschen geschafft, sie zu überzeugen.“ Die Studenten sollten Europäer porträtieren, die ihnen gefielen – „ob Sportler, Künstler oder Politiker spielte dabei keine Rolle. Am Ende hatte jeder zwei Europäer porträtiert.“

Dieses Bestreben, sich für eine Wertschätzung Europas einzusetzen, mündet schließlich in ihr Lieblingsprojekt, „L’esprit d’Europe – Junge Designer für Europa 1996 – 2006“, bei dem einige ihrer Studenten das Thema in eigene Botschaften gefasst haben: zum Beispiel in durchaus kritischen Arbeiten, in Plakaten mit Porträts berühmter Europäerinnen und Europäer, in Videoserien und Dia-Shows.

2008 ging Casse-Schlüter in Rente. Nicht mehr arbeiten zu gehen, war für sie dabei weniger Verlust als Gewinn an Freiheit. Freier und persönlicher ist dadurch auch ihre Arbeit geworden: „Ich beschäftige mich mit Porträts von Menschen, die mir etwas bedeuten.“

Angefangen hat das mit dem Tod von Pina Bausch (geboren am 27. Juli 1940 in Solingen; gestorben am 30. Juni 2009 in Wuppertal). Die Tänzerin hatte sie in jungen Jahren bereits an der Folkwangschule bei einem Auftritt sehen können. Als Bausch mit 68 Jahren starb, da begann die Designerin ein Porträt der Tänzerin. „So fing das an.“

Es scheint aber, als wäre ihr auch hier, wie in ihren Designs, der Minimalismus am liebsten. „Dass man nur ein paar Akzente setzt, und mit ihnen doch das Wesen erfasst, so möchte ich zeichnen.“ Je weniger Striche nötig sind, desto besser. „Noch bin ich dabei zu üben. Es ist das Spontane, das ich noch nicht so gut kann. Ich bin zu strukturiert.“

Derzeit seien ihre Zeichnungen noch regelrecht modelliert, „ich zeichne zwei Tage an einem Porträt.“ Das Zeichnen, das sei es, was sie im Kern antreibe, sagt Casse-Schlüter. Und wie bei allen Dingen, die sie ausmachen, hat sie auch zu ihrem inneren Motor eine Geschichte: „Meine Geschwister sagten mir, dass ich schon mit zwei Jahren kaum Interesse an dem hatte, worum sie sich gerade zankten, sondern ruhig in der Ecke saß und vor mich hinkritzelte.“

Von außen betrachtet scheint die Kunst vor allem das Ventil für eine grenzenlose Neugier zu sein. Um ein Porträt zu zeichnen, beschäftigt sich Doris Casse-Schlüter mit dem Lebenslauf dieses Menschen, mit dessen Einstellungen und Werken. Es geht ihr darum, den Menschen in seiner Persönlichkeit darzustellen. Ähnlich wie sie in den Signets versucht, eine Ganzheit erkennbar zu machen.

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