Aachen - Dompropst Poqué mag den Dom, wenn es ganz still ist

Dompropst Poqué mag den Dom, wenn es ganz still ist

Von: Claudia Schweda
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Hat seit März 2008 die Steine des Aachener Doms zusammengehalten: Dompropst Helmut Poqué. Er scheidet am 30. September aus dem Amt. Seinem Nachfolger wünscht er, dass es ihm gelingt, dass der Dom weiterhin als Kirche wahrgenommen wird – und nicht als Museum. Foto: Jaspers

Aachen. Ende des Monats verabschiedet sich der Aachener Dompropst Monsignore Helmut Poqué aus dem Dienst. Eigentlich hatte er schon im März die Altersgrenze von 75 erreicht. Doch wegen des ereignisreichen Jahres mit Karlsausstellung, Heiligtumsfahrt und der am Sonntag abgeschlossenen Festwoche zu 600 Jahren Chorhalle blieb er gerne, um seine Erfahrung einzubringen.

Davon konnte er in seinen 48 Priesterjahren viele sammeln: Er war bis 1979 zehn Jahre Oberstudienrat am Wirteltor-Gymnasium in Düren und danach 25 Jahre Regens des hiesigen Priesterseminars.

Als Dompropst sind Sie ein reicher Mann, nicht wahr?

Poqué: (lacht) Ja, wenn Sie von der Voraussetzung ausgehen, dass der Dom dem Domkapitel gehört und damit dem Dompropst als Person in besonderer Weise, dann bin ich ein reicher Mann. Aber der Dom ist Eigentum aller.

Sie verwalten alle irdischen Güter des Domkapitels, also die Einkünfte, Immobilien und Stiftungen. Können Sie deren Wert beziffern?

Poqué: Den gesamten Wert natürlich nicht. Immobilien sind sehr schwer einschätzbar. Aber man darf nicht übersehen, dass bestimmte Bereiche gar nicht so viel Gewinn abwerfen, wie viele das vermuten. Der Dom zum Beispiel: Er ist ein riesiges Gebäude. Aber er bringt nur Unkosten. Das sind riesige Summen, die da in Instandsetzung, Reparatur, Restauration usw. eingesetzt werden müssen. Und da er vor allem eine Kirche, ein Gotteshaus ist, nehmen wir keinen Eintritt.

Sie dürften den Dom ja sogar verkaufen, wenn Sie wollten. Das würden Sie natürlich nicht tun. Trotzdem die Frage: Welchen Wert würden Sie ansetzen?

Poqué: Solche Gebäude sind unverkäuflich. Wie will man die einschätzen? Und wer auch immer den Dom kauft: Er würde sich in riesige Verpflichtungen einkaufen. Denen kann kein Privatmann und kein Unternehmen allein gerecht werden. Wir brauchen im Jahr allein 800.000 Euro, um den Dom in seiner jetzigen Form zu erhalten – ohne Betriebs- und Personalkosten. Der Dom ist davon abhängig, dass sich verschiedene Bereiche dort engagieren: die Bürgerschaft, die Kirche selber, Stadt, Land, Bund. Viele Spender lassen dem Dom regelmäßig Gelder zukommen, weil sie wissen: Dieses Gebäude muss der Nachwelt erhalten bleiben – und zwar nicht als Gebäude, sondern als eine Einrichtung, die auch ideelle Werte darstellt. Für uns ist der Dom eben kein Museum, sondern eine funktionierende Kirche, in der sich die Gemeinde immer wieder trifft.

Welcher Moment ist Ihnen aus Ihren Jahren als Dompropst in Erinnerung geblieben?

Poqué: Die vielen Begegnungen mit den Menschen, die begeistert sind von der theologischen Erschließung dieses Bauwerks. Aber auch die Begegnungen mit politischen Persönlichkeiten – etwa vor den Karlspreisverleihungen mit Bundeskanzlerin Merkel. Ich erinnere mich an ein sehr schönes Erlebnis mit Bundespräsident Gauck, als er die drei Karlsausstellungen in diesem Jahr eröffnet hat. Er wollte sich in der Domschatzkammer nur sieben Exponate anschauen, sein Zeitplan erlaubte keinen Dombesuch. Als ich ihn aber beim Lotharkreuz darauf hinwies, dass dieses Kreuz im Gottesdienst gebraucht wird und es mit dem Dom fest verbunden ist, hat er das Protokoll über Bord geworfen. Er war dann sehr begeistert, als er dann doch diesen wunderbaren sakralen Raum gesehen hat, auch in der Funktion als Gottesdienstraum.

Übt der Dom auf jemanden, der immer dort hinein kann, noch eine Faszination aus? Oder ist das wie die Firma für andere: der Ort, an dem man arbeitet?

Poqué: So würde ich das nicht umschreiben. Der Dom ist für jeden Aachener – und ich bin Aachener – praktisch die zentrale Kirche. Er ist wunderbar, wenn er ganz gefüllt ist. Und ich habe als Dompropst den Vorteil, dass ich ihn auch erlebe, wenn er ganz leer ist. Das Ambiente, das der Dom ausstrahlt, wenn es ganz still ist, ist faszinierend. Dann predigen die Steine und die Schätze des Doms.

In zwei Jahren feiern Sie Ihr 50-jähriges Priesterjubiläum. Was ist in Ihren Augen die wesentlichste Veränderung der Kirche in dieser Zeit?

Poqué: Als ich damals Priester wurde, war die Kirche als Volkskirche dominierend. Mittlerweile ist es so, dass die Kirche diesen Volkscharakter leider verloren hat. Wir haben nicht mehr die große Deutungshoheit, die der Kirche früher einmal zu eigen war. Heutzutage ist der missionarische Aspekt wesentlich stärker zu betonen als je zuvor.

Auch in Deutschland?

Poqué: Auch in Deutschland. Früher konnten wir sagen: Kommt her zu uns! Heute gilt für die Priester: Geh‘ hin! Nimm die Möglichkeiten wahr, damit Du mit den Leuten ins Gespräch kommst, dass Du die Fragen, die Sorgen der Menschen mitbekommst.

Warum ist diese Rolle der Volkskirche verloren gegangen?

Poqué: Da schließe ich mich den Worten von Benedikt XVI. an: der Relativismus. Uns Menschen berühren heute viele Ideen, und auf diese Weise werden Einzelaspekte relativiert. Es gibt viele andere Sinnträger als Kirche in unserer Gesellschaft, aus denen jeder wählen kann und muss. Dass es kein festes Gefüge mehr gibt, ist für manchen auch ein Problem. Wir als Kirche machen da ein Angebot, wir helfen. Aber diese Hilfe kommt nur an, wenn wir selber glaubwürdig sind. Es ist aber leider so, dass Kirche in ihren Institutionen für manch einen nicht mehr glaubwürdig ist.

An diesem Glaubwürdigkeitsverlust sind Teile der Kirche nicht unschuldig.

Poqué: Die Kirche ist eine riesige Gemeinschaft. Innerhalb dieser Gemeinschaft gibt es natürlich auch Fehlentwicklungen in einzelnen Bereichen oder Fehler einzelner Menschen. Wir im Bistum Aachen können da nur gegensteuern, indem wir bei uns Strukturen haben, die zum Beispiel alle Geldbewegungen offenlegen und durch Außenstehende überprüfen lassen. So etwas wie im Bistum Limburg könnte bei uns wirklich nicht passieren, wir legen unsere Vorgänge offen dar.

Wo genau? Die Finanzen des Domkapitels sind im Internet nicht zu finden. Dort steht auch nicht, dass Teile der Personalkosten für die Domkapitulare vom Land gezahlt werden – geschweige denn die Summe. Und auf der Seite des Bistums existiert das Stichwort „Domkapitel“ nicht einmal. Nennen Sie das transparent?

Poqué: Genau an diesem Punkt, unsere Haushaltssituation transparenter zu machen, arbeiten wir gerade. Wir stellen unser Rechnungswesen aktuell Schritt für Schritt auf die kaufmännische Buchhaltung um. Ziel ist es, dass wir dann auch nach dem Handelsgesetzbuch Bilanzen vorlegen können. Darin werden auch die Vermögenswerte genannt. Der Dom etwa wird dann mit dem Wert von einem Euro aufgeführt, wie alle über 900 Kirchen im Bistum. Diese Haushaltsumstellung ist ein Prozess, der auch im Bistum und im Bischöflichen Stuhl intensiv läuft. Und ich bin überzeugt, dass die Finanzen des Domkapitels in ein oder zwei Jahren ganz anders – transparenter – dargestellt werden.

Welche Aufgabe hat Ihr Nachfolger als erstes vor der Brust?

Poqué: Wir haben eine große Baumaßnahme vor uns: Das Dach des Sechszehnecks muss saniert werden. Das heißt: neue Holzsparren und neue Bleieindeckung für 1,5 Millionen Euro. Da muss mein Nachfolger mit Hilfe der Mitarbeiter schauen, dass die Gelder zusammenkommen.

Wer wird denn Ihr Nachfolger?

Poqué: Das weiß ich nicht. Die Statuten sehen vor, dass der Dompropst mit 75 Jahren emeritiert wird. Das ist bei mir um ein halbes Jahr verlängert worden, damit ich die Aktivitäten, die jetzt im Karlsjahr anstanden und vorbereitet werden mussten, auch durchführen konnte. Ich bin vom Domkapitel gewählt worden und dann dem Bischof vorgeschlagen worden. Bei meinem Nachfolger läuft das nun umgekehrt. Jetzt hat der Bischof das Vorschlagsrecht an das Domkapitel, das ein Anhörungsrecht hat. Und erst dann wird der Bischof den Dompropst ernennen. Wann das geschieht, weiß ich nicht.

Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Poqué: Dass er weiterhin mit den tollen Mitarbeitern, die wir haben, arbeiten kann. Dass dem Dom auch Schenkungen zukommen, so damit er über ausreichende Gelder verfügt. Vor allem aber, dass es ihm gelingt, dass der Dom von den Besuchern weiterhin als eine Kirche, als ein Gotteshaus wahrgenommen wird – und nicht als ein Museum.

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