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Dominic Musa Schmitz war acht Jahre lang Salafist

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
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Er kennt ein Leben in zwei unterschiedlichen Welten: Als Jugendlicher wird Dominic Musa Schmitz Salafist. Jahre später bemerkt er aber, dass er sich an „diese Steinzeit-Muslime“ verkauft hatte. Heute wirbt der 28-Jährige für einen friedlichen Islam. Foto: Hans Scherhaufer
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Salafistische Propaganda: Hassprediger Pierre Vogel (r.) interviewt den jungen Konvertiten Dominic Musa Schmitz. In dem Video geht es um die Frage, warum Schmitz Muslim wurde. Screenshot: Youtube

Köln. Dominic Musa Schmitz erzählt die Geschichte, wie er Salafist wurde oft: Samstagabend im Kölner Schauspielhaus, in seinem gerade erschienenen Buch und in seinen Youtube-Videos. „Vom ultraorthodoxen Gläubigen zum weltoffenen Muslim – das ist meine Geschichte“, sagt er.

Der 28-Jährige gehörte zum harten Kern der salafistischen Szene um die bekannten Hassprediger Sven Lau und Pierre Vogel, bis er sich 2013 entschied, kein Salafist mehr sein zu wollen. Statt Gebetsmütze oder Turban und Kaftan trägt Schmitz wieder Jeans und T-Shirt.

Der Bart ist ab. Es habe gedauert, bis er aus dem Alptraum aufgewacht sei, sagt er mit ruhiger Stimme. Manche Sätze hören sich wie auswendig gelernt an. Vermutlich hat er sie schon häufig gesagt.

Dass der 28-Jährige nun an die Öffentlichkeit geht, gefällt seinen ehemaligen Weggefährten nicht – zumal er sie mitunter als Heuchler beschreibt. Mehrfach wurde Schmitz bedroht. In seinem Buch beschreibt er, wie ein junger Mann vor seiner Haustür steht und ihn beschimpft.

„In seinen Augen bin ich ein Verräter, ein Aussteiger, kein wahrer Muslim mehr.“ Drei Mal wäre es in seiner Heimat Mönchengladbach beinahe zu Schlägereien gekommen. Bevor „Ich war ein Salafist“ erschien, ist Schmitz deshalb aus Mönchengladbach weggezogen. Wo er jetzt wohnt, verrät er nicht. Zu gefährlich.

Ohnehin ist Schmitz gerade viel unterwegs, er ist ein gefragter Ansprechpartner. „Schön ist anders“, sagt er, wenn man ihn dann mal ans Telefon bekommt. Doch das öffentliche Interesse, das er suche, sei eine Chance. Schmitz scheint das Rampenlicht zu genießen.

Orientierungsloser 17-Jähriger

Rückblickend, kann sich Schmitz nicht mehr erklären, wie er in die Fänge der Salafisten kam, wie er auf sie hereinfiel. „Ich habe nicht gemerkt, dass ich quasi in einer Sekte bin.“ Jahrelang habe er nicht mehr eigenständig gedacht, nur blind fremden Regeln vertraut.

Salafisten vertreten einen rückwärtsgewandten Islam. Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet die islamistische Bewegung seit langem intensiv und sorgfältig. Salafisten nehmen den Koran als Handlungsanleitung, sind gegen Demokratie und für einen Gottesstaat. Die intensive Missionierung gilt vor allem jungen, noch nicht gefestigten Menschen. Genau so war es bei Schmitz.

Mit 17 Jahren suchte er nach einem Sinn im Leben. Er war damals orientierungslos, auf die Gesamtschule hatte er keine Lust, er schwänzte lieber den Unterricht. Die Scheidung seiner Eltern nahm ihn mit, sagt er. „Kiffen, Saufen, Mädels, Rap-Songs bestimmen meinen Alltag – bis ich durch einen marokkanischen Freund den Koran entdeckte.“ Schmitz ging mit seinem Freund in die Moschee, er fühlte sich in der Gemeinschaft wohl und war fasziniert von den Antworten, die der Islam ihm auf seine Fragen gab. „Wahrscheinlich habe ich damals zum ersten Mal einen Ausweg gesehen“, sagt er, der sich rückblickend als faulen, egoistischen und labilen Jugendlichen beschreibt.

Und dann waren da plötzlich „einfache Antworten auf alles“. Dominic Schmitz wurde zu Musa – das arabische Wort für Moses. Musa trug einen Turban und einen Kaftan, ein langes Hemd. Er fühlte sich erhaben, wenn er durch die Straßen Mönchengladbachs ging und seltsam angeschaut wurde.

„Wirst aber keiner, der sich in die Luft sprengen soll“, fragte seine Mutter nur. Nein, nein, entgegnete er. Doch in seiner Heimat entstand zu dem Zeitpunkt eine salafistische Szene. Für den Konvertiten gab es keine Musik mehr, kein Fernsehen, keine Frauen, keine Partys, kein Spaß. Stattdessen pilgert er mit Vogel nach Mekka.

„Du schottest dich völlig ab. Was zählt, sind nur noch deine täglichen Gebete, die Moschee, deine Brüder, die Mission für die salafistische Bewegung um Sven Lau und Pierre Vogel“ – so beschreibt es Schmitz. In ihren Reden propagierten sie Hass auf alles Westliche. Die Radikalen wollten keine Wahlen, kein Grundgesetz, kein Parlament.

Der Salafismus ist derzeit die am stärksten wachsende islamistische Strömung, zu der viele Terroristen Beziehungen hatten, erklärt das nordrhein-westfälische Innenministerium. Nicht jeder Salafist zieht in den Heiligen Krieg, aber es ist eben auch diese Strömung, die dem Islamischen Staat (IS) als Grundlage dient.

Bei aktuell geschätzten rund 1,5 Millionen Muslimen im Land beläuft sich der Anteil der vom Verfassungsschutz beobachteten Salafisten auf rund 0,1 Prozent. Insgesamt ist die Zahl der Salafisten aber gestiegen. Gab es 2011 nur 500 in NRW, sollen es laut Ministerium inzwischen 2500 sein. Mindestens 700 Deutsche, so schätzt man, zogen in den Dschihad, vor allem für den IS.

Auch Freunde des 28-Jährigen sind in Syrien, kämpfen an der Front. Ob Schmitz das je gereizt hat? Nein, ist die klare Antwort. „Ich wollte nie als Kanonenfutter für irgendeinen Diktator enden.“ Aber nicht nur das, vor allem „wollte ich nie jemanden töten“, sagt Schmitz, für den der Islam eine friedliche Religion ist. 2010 sei ihm klar geworden, dass er sich verkauft habe. „Ich war zu einem hypergläubigen Freak geworden.“ Das wollte er ändern, 2013 löste er sich komplett von den Salafisten.

Er lebt einen friedlichen Islam. Das versucht er auch in seinen Youtube-Videos darzustellen. Etwas krude und verwirrt wirkt das manchmal. Wenn er in einem Video eine Parodie auf die Auftritte extremer Salafisten gibt, merkt vielleicht nicht jeder Zuschauer gleich, dass Schmitz gerade Kritik übt.

Es mag auf den ersten Blick irritieren, dass Schmitz der Religion, die ihn so verführte, treu geblieben ist. „Ich habe darin das Bild von Gott gefunden, das ich mir immer vorgestellt hatte.“ Missionieren will er nicht mehr, er, der katholisch getauft wurde, hat gelernt, andere Religionen zu respektieren.

Genau darum soll es auch in dem Theaterstück am Schauspielhaus Köln gehen. „Es ist der Versuch in einen Dialog miteinander zu kommen, der im Moment in unserer Gesellschaft etwas vergiftet ist“, sagt Regisseur Nurat David Calis. Schmitze_SSLq Biografie fasziniert ihn. Wie der Regisseur Schmitz erlebt, wie die Zusammenarbeit ist, dazu möchte Calis nichts sagen. Vielleicht liegt es daran, dass Schmitz eine schwer zu fassende Person ist.

Wenn er vor blumigen Sätzen der Salafisten warnt und dann selbst Sätze sagt wie: „Zur Prävention muss man einen Samen im Herzen sähen, der dann vielleicht im richtigen Moment wächst.“ Und wenn Schmitz die Tatsache, dass er von Frauen großgezogen wurde, die Schuld an seiner Schwäche gibt, wenn er den Lehrern die Schuld an seinem schulischen Versagen gibt, wirkt das noch nicht ganz so, als wäre er mit sich im Reinen.

Und wenn Schmitz seine Jahre als Salafist nicht als verlorene Jahre sieht, irritiert das auch. „Es öffnet mir Türen, die sonst nicht möglich wären“, sagt er. Einen normalen Lebenslauf würde er seinem nicht vorziehen.

Fremde Frau geheiratet

Schmitz spricht derzeit vor vielen Schulklassen über seine Vergangenheit. Es ärgert ihn ein bisschen, wenn die Kinder „zu banale“ Fragen stellen. Zum Beispiel, ob er beschnitten sei, oder, ob er denn jetzt wieder Musik höre. So etwas interessiert Jugendliche nun einmal.

Aber Schmitz würde lieber die Frage beantworten, welcher der größte Fehler in seinem Leben war. Was war der größte Fehler? „Eine Frau geheiratet zu haben, die ich nicht kannte“, antwortet Schmitz ohne zu zögern. Nur drei Mal hatte er sie zuvor in der Moschee gesehen.

Warum? „Man lässt sich auf die Ehe ein, weil es die einzige Möglichkeit ist, seine sexuellen Bedürfnisse zu stillen“, sagt er offen. Zwei Jahre lang gab es für Schmitz, der zuvor Freundinnen gehabt hatte, getreu den antiquierten salafistischen Regeln keinen Kontakt zu Frauen: kein Händedruck, kein Umarmen, nicht einmal eine SMS.

„Ich habe die erstbeste Frau geheiratet, die mir zur Verfügung stand.“ Glücklich war er nicht, nach drei Jahren trennte er sich – auch wenn er zwei Kinder mit seiner Ex-Frau hat. Ihnen soll es gut gehen. „Ich liebe meinen Sohn und meine Tochter. Und es ist mir völlig gleich, ob sie jemals Muslim, Christ oder Atheist werden.“

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