„Dom im Licht“ in Aachen: Nächstes Mal mit Sicherheitskonzept

Von: Madeleine Gullert
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Ganz schön voll: Besonders an den Zugängen drängten sich die Menschen am Freitag auf den Katschhof, um sich „Dom im Licht“ anzusehen. Panikforscher erklären, dass es gerade an Ausgängen zu Großveranstaltungen Probleme geben kann. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Kurt Savelsberg hat die vergangenen beiden Nächte wenig geschlafen. Das Gedränge auf dem Katschhof bei „Dom im Licht“ macht dem Veranstalter noch zu schaffen. „Ich weiß, ich habe Glück gehabt“, sagt er und meint Glück, dass nichts passiert ist.

Am Freitag waren bei Live-Kirchenmusik Bilder auf den Dom projiziert worden. Statt der erwarteten 3500 Besucher waren laut Polizei 6000 gekommen. War das gefährlich? Und wie kann so etwas passieren? Das beschäftigt Besucher der Veranstaltung auch nach dem Wochenende noch. Savelsberg berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung von nicht immer netten Kommentaren bei Facebook. Er beteuert, dass er nicht mit so einem großen Publikumsinteresse gerechnet hatte.

Der Veranstalter ging maximal von 3500 Besuchern aus. Bei der Heiligtumsfahrt habe es auf dem Katschhof 1700 Plätze gegeben, beim Domspringen kämen immer rund 5000. Das sei das Top-Event. Zum eher ruhigen „Dom im Licht“ mit Kirchenmusik, das auch noch im Herbst stattfand, habe man mit weniger Besuchern gerechnet. Außerdem habe es weder Getränke- noch Essensstände gegeben, die Platz wegnehmen oder den Weg versperren. Die Einschätzungen habe man für plausibel gehalten, sagt auch der Leiter des Aachener Ordnungsamtes, Detlev Fröhlke.

Ein Sicherheitskonzept ist erst Pflicht für Veranstaltungen ab 5000 Personen. So hat es das Land NRW nach der Loveparade-Katastrophe 2010 festgelegt. Ein Sicherheitskonzept ist außerdem erforderlich, wenn ein gewisses Gefahrenpotenzial besteht. Bei einer Aufstiegsfeier der Alemannia beispielsweise gehe man von einer ganz anderen Klientel aus als bei „Dom im Licht“, erklärt Fröhlke. Dann könne und würde die Stadt auch ein Sicherheitskonzept anfordern, wenn der Veranstalter weniger als 5000 Besucher erwarte. Veranstalter und Stadt sind sich aber einig: Man habe sich völlig verschätzt. Dass es so voll wurde, führen alle Beteiligten auch darauf zurück, dass das Wetter so gut war und dass es parallel keine größere Veranstaltung in Aachen gegeben habe. Wenn „Dom im Licht“ noch einmal stattfindet, wird es ein Sicherheitskonzept geben, erklären Savelsberg und Fröhlke. „Es war uns eine Lehre“, sagt der Ordnungsamtsleiter. Hinterher sei man eben immer schlauer.

Es hätte Sperrungen, bessere Zu- und Abgänge, Notausgänge und zusätzliches Personal geben müssen. Zwar waren Ordnungsamt und Feuerwehr vor Ort, aber eben nicht in der erforderlichen Stärke.

Als es Savelsberg beim Anblick der vielen Menschen am Freitagabend mulmig wurde, entschied er, das Event einige Minuten früher abzubrechen. „Das war für einige Menschen aber schon zu spät – vom Empfinden“, sagt er geknickt. Dass es so einen Hype gab, habe ihn überrascht. Er habe erst einen Tag vorher gesehen, dass bei Facebook 6000 Leute ankündigten, kommen zu wollen. „Aber ist ein Klick auch eine feste Zusage?“

Nicht ungewöhnlich findet das Michael Schreckenberg, Panikforscher an der Universität Duisburg-Essen. Heutzutage sei es immer schwieriger vorauszusagen, wie viele Menschen tatsächlich zu einer Veranstaltung kommen – besonders dann, wenn wie in Aachen der Eintritt frei ist. „Über die sozialen Medien lassen sich viel schneller und unkontrollierter große Menschenmenge mobilisieren“, sagt Schreckenberg.

2011 gab es beispielsweise in Oberhausen eine Autogrammstunde mit den Teilnehmern der RTL-Sendung „Deutschland sucht den Superstar“. Erwartet waren 5000 Menschen, es kamen 19.000. Die Steigerung in Aachen von 3500 auf 6000 Besucher sei im Vergleich dazu noch moderat, sagt Schreckenberg. Berechnungen und Schätzungen von Veranstaltern beruhen auf Erfahrungswerten früherer Events, erklärt er. Aber die seien heute nichts mehr wert. Prognosen stimmten immer seltener. „Jede Veranstaltung ist mit einem gewissen Risiko verbunden, weil sich nicht voraussagen lässt, was für eine Dynamik in sozialen Netzwerken entsteht.“ Schreckenberg fordert deshalb: „Man sollte immer Sicherheitskonzepte haben für den Fall, dass mehr Leute kommen.“ Außerdem sei es für die Wissenschaft eine dringliche Aufgabe, bessere Prognosemöglichkeiten zu erarbeiten.

„Das war wohl eine klassische Fehleinschätzung“, sagt Günter Wieneke, Leiter der Stabstelle für Events bei der Stadt Köln, über „Dom im Licht“. Er kenne Aachen gut und bewertet die Topographie als schwierig für große Veranstaltungen, weil die Plätze klein und die Zugänge eng sind. „Da sollte man immer die Frage aufwerfen, wie man reagiert, wenn es zu voll wird“, sagt Wieneke. „Als Veranstalter ist man mit einem Plan B immer auf der besseren Seite.“ In Köln sei das inzwischen üblich. Egal, ob beim Festival „Birlikte“ in Mülheim oder bei der Großkundgebung gegen „Hogesa“ kürzlich – es stehe immer ausreichend Personal bereit, um die Zugänge zu den Plätzen und Bühnen abzuriegeln. Das lasse sich schnell und unkompliziert realisieren, wenn ausreichend Sicherheitskräfte vor Ort sind, sagt Wieneke. Kostenaufwendig seien die Vorkehrungen auch nicht. Kurt Savelsberg hingegen geht davon aus, dass ein Sicherheitskonzept für „Dom im Licht“ ihn mindestens 10.000 Euro gekostet hätte. „Aber das wäre doch kein Problem gewesen“, sagt er.

Manfred Piana, der in Aachen den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt organisiert, kennt sich mit den Sicherheitsvorschriften aus. Er nimmt die „Dom im Licht“-Planer in Schutz: Im Nachhinein könne man immer sagen, dass es ein Konzept hätte geben müssen. „Aber man wird niemals jegliches Risiko ausschließen können – auch nicht mit Sicherheitskonzept.“

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