Aachen - Diskussionsrunde „Welches Europa wollen wir?“ im Aachener Rathaus

Diskussionsrunde „Welches Europa wollen wir?“ im Aachener Rathaus

Von: Isabelle Hennes
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Sie haben eine genaue Vorstellung davon, welches Europa sie wollen: Jürgen Linden, Benedikt Kolbinger, Pascal Förster, Fabia Söhngen, Katja Watznauer, Hans-H. Kasten, Angelica Schwall-Düren, Michael Breuer, Marcel Philipp, Ulrich Lüke, Benjamin Fadavian, René van der Linden (von links nach rechts). Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „Welches Europa wollen wir?“ Über diese einfache und zugleich komplexe Frage haben am vergangenen Freitag junge und erfahrene Europäer im Krönungssaal des Aachener Rathauses diskutiert. Die Rotary-Clubs der Region Aachen hatten zur Veranstaltung „Mehr Europa wagen“ im Rahmenprogramm des Internationalen Karlspreises geladen.

Wie aber wagen wir mehr Europa, wenn die Menschen das Gefühl haben, Europa ist ein in Brüssel sitzender Verwaltungsapparat? Wenn Jugendliche für sich keine Perspektive mehr in ihrer europäischen Heimat sehen? Wenn einige Länder glauben, ihr Nachbar bringe das Gleichgewicht der Kräfte durcheinander? Oder haben wir vielleicht schon zu viel Europa? Fragen, die Moderator Jürgen Linden, Ex-Oberbürgermeister Aachen, vor Beginn der Diskussion dem Publikum stellte.

Wirtschaft und Finanzen: „Wir haben keine Krise des Euro, sondern eine der Wettbewerbsfähigkeit“, sagteMichael Breuer, Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes. Einige Länder seien zu früh in die Eurozone gekommen – nun werde dafür die Rechnung präsentiert, nun müsse gespart werden. Es sei wichtig, sich an den Geist des Lissabon-Vertrages zu erinnern und mit neu gesteckten Zielen die Wettbewerbsfähigkeit in Mittel- und Südeuropa wieder herzustellen. Obwohl in der Vergangenheit viel schief gelaufen sei, verbreitete Breuer Optimismus: „Es wird dauern und es wird einiges kosten.

Aber Europa wird es schaffen.“ Rund 15 Jahre müssten die Rettungsschirme halten. Sein Gegenüber, Benedikt Kolbinger, Maschinenbau-Student an der RWTH, fürchtete vor allem eines: „Wenn wir Europa jetzt aufgeben, verlieren wir viel Geld.“ Deshalb sei Europa schon lange keine Frage der Freiwilligkeit mehr, sondern eine der Notwendigkeit. Auf die Frage, ob Kolbinger denn keine Scheu vor dem Wettbewerb mit jungen Asiaten habe, sagte er lächelnd: „Ich freue mich auf Menschen mit anderen Wurzeln. Nur eines kann ich nicht: 24 Stunden am Tag arbeiten.“ Einen Kritikpunkt hatte Breuer am Ende doch noch: Er könne nicht nachvollziehen, dass Menschen in Frankreich früher in Rente gehen als in Deutschland. Aber: „Andere Europäer zu kritisieren heißt ja nicht, gegen Europa zu sein.“

 

Hegemonie und Nationalismen: Auch René van der Linden, Ehrenpräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, sprach nicht von einer Eurokrise. Es gebe vielmehr eine politische Krise in Europa. „Mir macht Angst, dass das Misstrauen untereinander in Europa wächst.“ Deutschland habe einerseits viel aus seiner Geschichte gelernt. Andererseits habe es Angst vor sich selbst – vielleicht genau wegen der Geschichte. Dass sich seine Diskussionspartnerin Katja Watznauer, Biologie-Studentin, selbstbewusst als Deutsche positionierte, machte klar, dass sich einiges getan hat im Bewusstsein der Deutschen. Nicht immer hätten junge Leute das so offen gesagt.

„Ich fühle mich in erster Linie als Deutsche. Ich könnte auch sagen, ich fühle mich als Dortmunderin. Für mich hat das viel mit der Heimatsprache zu tun.“ Für van der Linden spielt das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland für die Zukunft Europas eine wichtige Rolle: „Deutschland und Frankreich müssen sich vertragen, sonst ist in Europa kein Fortschritt möglich.“

 

Gemeinsame Werte: Der für den erkrankten Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff eingesprungene Ulrich Lüke, Theologe und Biologe, nannte drei Orte, die für ihn stellvertretend für europäische Werte stehen: Jerusalem, Athen und Rom. Mit anderen Worten: die Zehn Gebote, Monotheismus, Philosophie und die Idee der Rechtstaatlichkeit. Fabia Söhngen, Master in Europastudien, ergänzte Lükes Ausführungen um einen neuzeitlichen Aspekt: den Umweltschutz.

Aber wo steht die Kirche in einer Krise, wie wir sie gerade erleben? Vielleicht habe sich Rom etwas zu sehr mit sich selbst beschäftigt, gab Lüke zu. Der Vatikan und die Deutsche Bischofskonferenz müssten sich in Zukunft deutlicher positionieren. „Wir brauchen einen Trend von unten nach oben, dann werden die oben gar nicht mehr anders können, als den Weg mitzugehen“, sagte Lüke. Und Söhngen ergänzte: „Die Kirche muss ihren Absolutheitsanspruch aufgeben. Davon hat die katholische Kirche nichts und Europa auch nicht.“

 

Regionen und Bürgerengagement: Angelica Schwall-Düren, Europa-Staatsministerin der NRW-Landesregierung, sprach das an, was wohl aktuell das dringlichste Problem in Europa ist: die hohe Jugendarbeitslosigkeit. „Ich mache mir Sorgen. Wie sollen diese Menschen Vertrauen in Europa fassen?“ Selbst wenn die Krise in 15 Jahren vorbei sei – diese jungen Menschen haben diese Zeit nicht. Deshalb müssten Ausbildungskooperationen mit Griechenland und Spanien geschlossen werden.

„Europa braucht keine Elite mehr. Wir müssen die Bürger stärker an Europa teilhaben lassen.“ An die Kommunen gerichtet sagte Schwall-Düren: „Sie müssen ihre Bürger lernen lassen, Europa wertzuschätzen.“ So sieht es auch Pascal Förster, Jura-Student in Köln. Man müsse national an der Europa-Idee feilen.

 

Strukturen und Demokratie: Das Europäische Parlament kann heute Gesetze erlassen – das mache es unglaublich stark, sagte Hans Gert Pöttering, Ex-Präsident des Europäischen Parlaments. Aber: Das zähle für die Menschen offenbar nicht, konterte Benjamin Fadavian, Jura-Student in Bonn. Denn warum sonst sei die Beteiligung bei Europa-Wahlen so gering? Man brauche mehr Öffentlichkeit, eine europäische Öffentlichkeit. So wie es sie bei der Fußball-Europameisterschaft und dem Eurovision-Songcontest gibt. „Ich bin traurig, dass in deutschen Talkshows keine europäischen Parlamentarier sitzen“, sagte Pöttering. Dabei würden immer Themen diskutiert, die für Europa relevant seien. Am Ende der Diskussion ging es um die Rolle der Türkei. „Wir wären politisch, geografisch und finanziell überfordert, würden wir die Türkei jetzt aufnehmen“, sagte Pöttering. Wichtig sei aber, die Verhandlungen ohne Druck weiterzuführen.

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