Diskussion in Aachen: Die vielen Zumutungen der Inklusion

Von: Marlon Gego
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Aachen. Als Thomas Breucker die Sache am Ende auf den Punkt bringen will, hält er einen Moment die Luft an, legt den Kopf in den Nacken, atmet aus und sagt: „Nein, so kann es eigentlich nicht weitergehen“, und in der Tat ist das die wesentliche Essenz der zweistündigen Diskussion, die Breuckers Fazit vorausgegangen war.

Breucker ist Sonderpädagoge und Inklusionsexperte an der Technischen Universität Dortmund, er zählt zur großen Mehrheit von Lehrern, die den inklusiven Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern für eine gute Sache hält. Aber er gehört eben auch zur großen Mehrheit von Lehrern, die gute Argumente dafür haben, dass das Land Nordrhein-Westfalen und eigentlich alle anderen Bundesländer keine geeigneten Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben, die Inklusion in Deutschland einzuführen.

Wenige Tage, nachdem NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) im Landtag die von ihr geschaffenen Rahmenbedingungen abermals verteidigt hatte, trafen sich etwa 150 Pädagogen aus der Region am Donnerstag in Aachen, um sich über die bislang gesammelten Erfahrungen mit der Inklusion auszutauschen. Das eigentlich Bemerkenswerte an der vom Aachener Regionalverband Sonderpädagogik organisierten Diskussion war dies: Trotz vieler Zumutungen, die die schnelle Umsetzung der Inklusion für alle Beteiligten mit sich bringt, gab es von keinem der anwesenden Lehrer ein böses Wort. Nicht in Richtung der vorgesetzten Schulbehörden, nicht in Richtung Politik. Vielmehr entstand der Eindruck, dass bei vielen Lehrern und Schulleitern die reine Verzweiflung herrscht.

Eine Lehrerin aus Eschweiler sagte es so: „Es gibt viele offene Fragen, aber keine Antworten. Nicht von der Bezirksregierung, nicht vom Schulministerium. Ich fühle mich völlig allein gelassen.“ Großer Applaus. Eine Schulsozialarbeiterin aus der Städteregion Aachen sagte: „Inklusion wird an unserer Schule gekämpft.“ Eine erschütternde Bilanz.

Was also ist zu tun?

Der Wissenschaftler Thomas Breucker wünscht sich weniger Eile. Der Aachener Sonderpädagoge Siegfried Schölzel wünscht sich „mehr kindzentriertes als inklusionszentriertes Denken“. Der Schulentwickler Raymund Elfring wünscht sich kleinere Klassen. Die Schulpsychologin Annette Greiner wünscht sich Lehrer, die akzeptieren, dass ihren Möglichkeiten, die Inklusion umzusetzen, Grenzen gesetzt sind. Die Aachener Hauptschulleiterin Helga Pennartz wünscht sich vor allem lösungsorientiertes Handeln. Und alle wünschen sich mehr Personal. Nicht nur mehr Regel- und Förderschullehrer, sondern auch mehr Schulsozialarbeiter, mehr Schulpsychologen und mehr Menschen, die den Bundesfreiwilligendienst absolvieren.

Einem entscheidenden Punkt wurde während der Diskussion nur wenig Zeit eingeräumt, nämlich der Lehrerausbildung. Unidozent Breucker sagte, dass der Inklusion an den Universitäten noch immer viel zu wenig Raum gegeben werde. Und Lehrer, die ihre Ausbildung – teils schon seit Jahrzehnten – abgeschlossen haben, würden „mit ein, zwei Fortbildungen“ eher nicht zu Inklusionsexperten.

Der pensionierte Aachener Schulrat Norbert Greuel, der die Diskussion moderierte, glaubt, dass die Inklusion das Ziel sei, schulisch und gesellschaftlich. Doch der Weg dorthin habe gerade erst begonnen und müsse „während der nächsten Jahrzehnte“ geebnet werden – was besonders für die Lehrer eine Menge Arbeit bedeutet.

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