Diskussion im Theater: Wie kann moderner Protest aussehen?

Von: Rolf Hohl
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Wo liegen die Grenzen des Protests? Der Soziologe Gregor Betz (von re.), Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld, Waldpädagoge Michael Zobel, Jörg Schellenberg, Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach und Moderator Hermann-Josef Delonge diskutierten im Theater Aachen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Wie weit darf Protest gehen – und darf man dabei sogar Spaß haben? Antworten auf diese und andere Fragen gab es bei einer Matinee zum Thema „Protest“ im Aachener Theater, die unser Redakteur Hermann-Josef Delonge moderierte. Bei der mitunter kontroversen Diskussion ging es insbesondere um die Rolle der Sicherheitskräfte und das Vorgehen der Aktivisten selbst.

Vor allem mit den großen Bewegungen gegen Atomkraft in den 1990er Jahren hätten sich Protestformen mehr und mehr auch in Richtung „Eventisierung“ entwickelt, erklärte der Soziologe Gregor Betz, der an der Technischen Universität Dortmund lehrt und forscht. Wichtig sei es, „dass Ernst und Vergnügen in einer gewissen Balance bleiben, aber letztlich geht es darum, Aufmerksamkeit zu erregen für ein bestimmtes Thema“. Allerdings sei nicht nur die Mobilisierungskraft von Aktivisten entscheidend für die Frage, ob eine Aktion gelingt, sondern auch profane Dinge wie das Wetter.

Das gilt zudem für die im Juni geplante Menschenkette gegen das belgische Atomkraftwerk Tihange, bei der Tausende von Menschen die Distanz von Aachen bis nach Tihange überbrücken sollen. „Natürlich kann man dabei auch Spaß haben, wir wollen die Leute ja nicht noch mehr frustrieren“, sagte Jörg Schellenberg, Sprecher des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie. Er beklagte, dass einige der großen Umweltschutzorganisationen kaum Interesse zeigten, sich an solchen lokalen Aktionen zu beteiligen. Dass jedoch das Vorgehen von Großkonzernen wie RWE und VW – Stichwort Diesel-Affäre – gesetzlich geschützt werde, während Umweltaktivisten die Härte des Gesetzes zu spüren bekämen, sei ein Skandal.

Dem widersprach der Aachener Polizeipräsident Dirk Weins­pach. Er verteidigte das Vorgehen der Ordnungskräfte etwa im Hambacher Forst. „Wenn gesellschaftliche und politische Konflikte nicht gelöst sind, dann stehen wir zwischen den Fronten – und das ist keine schöne Aufgabe“, betonte er. Vor allem gegen gewalttätigen Protest sei ein entschiedenes Einschreiten notwendig. Zur Aufgabe der Polizei gehöre allerdings auch der Schutz von Kundgebungen, deren Parolen die Beamten persönlich in keiner Weise unterstützten, etwa bei rechtsextremen Gruppierungen. „Der Vorwurf, die Polizei schütze Faschisten, ist falsch. Wir schützen aber aus tiefster Überzeugung das Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit“, sagte Weinspach.

Aber wie weit darf man bei Protest gehen? Schellenberg reklamierte auch für sich das Recht auf „zivilen Ungehorsam“. Der Waldpädagoge Michael Zobel, der Führungen durch den Hambacher Forst organisiert und die Aktivisten vor Ort gut kennt, stellte die Frage in den Raum, wem „Bilder von brennenden Barrikaden und zerbeulten Autos nützen“. Jedenfalls nicht denen, die Interesse an einer konstruktiven Auseinandersetzung hätten. Der gemeinsame Nenner bei der Diskussion: keine Gewalt gegen Personen.

Die Matinee war ein Beitrag zum Spielzeitmotto des Theaters: „Heraus aus der Komfortzone“. Dazu gehört auch der Protestsongabend „Nicht mit uns!“, aus dem Lara Beckmann und Nele Swanton, unterstützt von Malcolm Kemp an der Gitarre, Kostproben gaben. Die Idee zu dem Stück sei bei einer Anti-Pegida-Demonstration in Aachen entstanden, die Inge Zeppenfeld, Chefdramaturgin des Theaters, als sehr „lahm“ in Erinnerung behielt. Sie wünschte sich insgesamt einen breiteren und engagierteren Widerstand gegen solche Bewegungen.

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