Diözesan- und Domarchiv: Ausweichort für Evangeliare und Episteln

Von: Sabine Rother
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Kostbarkeiten wie diese Handschrift, ein Missale aus dem 15. Jahrhundert, werden von Diplom-Archivarin Eva Hürtgen nur mit Leinenhandschuhen berührt: Die Bestände des Domarchivs lagern zusammen mit dem Diözesanarchiv im ehemaligen Landesarchiv Düsseldorf. Foto: Melanie Zanin

Düsseldorf. Es rauscht und knistert in den dicken Heizungsrohren. Dann ist es wieder sehr still im Keller des ehemaligen Landesarchivs NRW in Düsseldorf. Graue, durchnummerierte Metallregale, Betonfußboden, ein paar helle Kartons auf Rollwagen. Das Landesarchiv NRW ist im Mai 2014 in einen Neubau an der Schifferstraße in Duisburg umgezogen und hat dort 39.400 Quadratmeter übernommen. In Düsseldorf ist seitdem Platz für „heimatlose“ Gäste auf Zeit wie das Bischöfliche Diözesan- und Domarchiv aus Aachen.

Wegen der Asbestsanierung des Generalvikariats und des daraus resultierenden Neubaus des Diözesanarchivs in der Kirche St. Paul war die Auslagerung in den verlassenen Zweckbau die einzige Lösung. Im Frühjahr 2018 hofft man auf die Aachener Neueröffnung in einem Gebäude mit optimalen Bedingungen. Bis dahin ist Diplomarchivarin Eva Hürtgen oft zwischen Aachen und Düsseldorf unterwegs – mit einem Schlüssel für das stille Gebäude an der Mauerstraße in der Tasche.

Wenn die Hüterin des Aachener Domarchivs durch die langen Flure geht und die Treppen zum Keller hinabsteigt, hört sie den Nachhall ihrer Schritte. „Manchmal ist das ein bisschen unheimlich“, lächelt sie. „Aber man gewöhnt sich daran.“ Seit Juni 2015 lagert der gesamte inventarisierte Bestand des Domarchivs in Düsseldorf. Eva Hürtgen ist dafür verantwortlich, dass dieses „Gedächtnis des Marienstifts“ auch dort gepflegt und verwahrt wird.

„Wir haben Dokumente, die bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen“, erzählt die Archivarin. Es sind vor allem Protokolle aus den Kapitelsitzungen, die kostbare Informationen über Geistlichkeit, Stifter, Kaiser, Könige und Grafen enthalten. Gibt es Nachfragen von Historikern, Ahnenforschern oder Doktoranden, fährt Eva Hürtgen zum Ausweichort des Archivs, und sucht entsprechende Dokumente heraus. Urkundlich festgeschrieben sind zum Beispiel zahlreiche Rechte und Pflichten, die Stadt und Domkapitel miteinander verbinden – etwa während der Heiligtumsfahrt. Auch das ist noch heute interessant – etwa für Juristen.

Was kommt ins Archiv? „Alles, was älter als zehn Jahre ist, schaue ich mir an, bewerte die Archivwürdigkeit, befreie die Unterlagen von Plastikhüllen und Büroklammern oder Heftungen. Danach werden die Archivalien inventarisiert“, erklärt Eva Hürtgen. So finden sich umfangreiche Briefwechsel zwischen Domkapitularen und Experten sowie Planungsunterlagen zu sämtlichen Bauprojekten am Dom. Nachzulesen sind Untersuchungen zu Raritäten, zu Urkunden, die man im Karlsschrein vorgefunden hat, aber auch Schriftstücke der Gegenwart, Presseartikel und Rechnungen.

Als Eva Hürtgen 1994 ihre Arbeit aufnahm, erwartete sie in jeder Schublade eine Überraschung – Urkunden etwa, die man in Zeitungspapier eingepackt hatte und deren Siegel in einem desolaten Zustand waren. Es bestand vielschichtiger Handlungsbedarf. Die Archivarin nahm Kontakt mit der Restaurierungswerkstatt des Landschaftsverbandes Rheinland in der Abtei Brauweiler auf. Die Hilfe war gesichert. Von 500 Urkunden konnten inzwischen 310 durch einen Zuschuss des LVR restauriert und konserviert werden. Die Siegel wurden neu eingefasst und stabilisiert. Es gibt auch eine päpstliche Bulle zum Ablasshandel.

Von Forschern häufig in Anspruch genommen: der liturgische Handschriftenbestand, der mittlerweile komplett sicherheitsverfilmt wurde. Das Standardwerk dazu ist bis heute die Veröffentlichung von P. Odilo Gatzweiler „Die liturgischen Handschriften des Aachener Münsterstifts“ von 1946 in der Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins.

„Immer wieder kommen Musikwissenschaftler zu mir, die Informationen zur frühen Entwicklung der Musik sammeln“, berichtet Eva Hürtgen. Auch ein Wissenschaftler eines Forschungsprojektes der Boston University College of Fine Arts wurde in Aachen fündig. „Er wollte unter anderem herausfinden, an welcher Stelle im Dom die Mitglieder des Chors im Mittelalter standen“, erzählt die Archivarin, die entsprechende Dokumente besorgt hat.

Routinemäßige Kontrolle

Bei ihren Besuchen kontrolliert sie routinemäßig die uralten, höchst empfindlichen Evangeliare, Epistolare, Missale, Psalter, Bücher zu den Psalmen und zur Musik für Prozessionen. Viele dieser dicken, schweren Werke haben Metallbeschläge, wurden in Kalbs-, Schaf- oder Schweinsleder gebunden. Die Holzdeckel sind teilweise gebrochen. „Beim Umgang mit diesen Stücken ist Sorgfalt geboten, um diese Schäden nicht zu vergrößern.“

Dank der Förderung durch die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts an der Staatsbibliothek Berlin/Preußischer Kulturbesitz konnte Hürtgen die empfindlichsten Werke jetzt in 26 leinenbezogene Stülpkartons umbetten, die innen und außen aus säurefreiem Material bestehen.

„Das Domarchiv und das Diözesanarchiv hatten gemeinsam an der Ausschreibung zum Modellprojekt ,Erste Wahl – Favorisierte Bestände optimal verpackt ins neue Magazin‘ teilgenommen“, erzählt Eva Hürtgen. „Wir hatten Glück: Unser Projekt wurde gefördert.“

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