Dietmar Sous schreibt lebenskluge Geschichten aus der Provinz

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
20170911_00010fe95249b993_Dietmar_Sous_4.jpg
Man täte Dietmar Sous, Jahrgang 1954, Unrecht, wenn man seine Geschichten auf Musikromane verkürzen würde.

Stolberg. Popmusik ist eine der großen Konstanten im literarischen Schaffen des Stolberger Autors Dietmar Sous. Schon in seinem ersten Roman „Glasdreck“ (1981) ging es – unter anderem – um John Lennon und die Beatles.

Später bezeichneten ihn Kritiker als „rheinischen Nick Hornby“ („Vormittag eines Rock’n’Roll-Beraters“, 2004), was ein wenig unfair war, weil Sous doch schon viel länger im Geschäft ist, und Hornby also eigentlich viel eher ein englischer Dietmar Sous ist, wenn man den Vergleich überhaupt bemühen wollte.

Dass es in seinem neuen Roman „San Tropez“ wieder um Musik geht, genauer gesagt um Punkrock, lässt sich schon am Buchcover erkennen: das grelle Gelb mit der rosafarbenen Banderole in der wiederum in gelben Buchstaben der Titel steht, ist dem Cover des einzigen Studioalbums der Sex Pistols entliehen, „Never Mind The Bollocks, Here’s The Sex Pistols“ (1977).

Man täte Dietmar Sous, Jahrgang 1954, allerdings Unrecht, wenn man seine Geschichten auf Musikromane verkürzen würde. Seine Erzählungen aus der Provinz, die meist im Aachener Umland spielen, berichten vielmehr sehr lebensklug von Absurditäten aus dem Alltag ganz gewöhnlicher Menschen, über die großen Träume, denen sie nachhängen, und über die kleinen Dinge, die sie glücklich machen oder an denen sie scheitern. Das hat Sous, der seit den frühen 80er Jahren schreibt, über die Grenzen der Region hinaus bekannt gemacht und ihm Lob von Kritikern wie etwa Denis Scheck eingebracht.

Am Mittwochabend stellt Sous seinen Roman „San Tropez“ im Rahmen einer Premierenlesung in der Buchhandlung Schmetz in Aachen vor. Wir haben Sous vorab in seinem Haus in Stolberg besucht und mit ihm ein kleines Musikquiz gemacht: Wir haben ihm sechs Songs vorgespielt, die in seinem Buch eine Rolle spielen oder die bei der Lektüre spontan in den Sinn kamen. Sous kannte sie natürlich alle.

1. The Clash: „I Fought The Law“ („The Cost Of Living“-EP, 1979)

(Die ersten Takte des Stücks laufen, das Schlagzeug wird langsam eingeblendet, ein markantes Gitarrenriff kommt hinzu.)

Sous: Ja, das ist eindeutig The Clash, das erkennt man sofort.

(Der Gesang setzt ein.)

Sous: Ein wunderbares Stück. Das ist die Coverversion eines Stücks aus den 60er Jahren. (Erstmals veröffentlicht 1960 als Rockabilly-Song von The Crickets, 1966 erfolgreich gecovert von The Bobby Fuller Four, Anm. d. Red.)

Was hat dieses Stück mit ihrem Buch zu tun?

Sous: Das ist ein Stück, das sehr gut das Lebensgefühl der Musiker nach dem Bruch mit dem Progressive-Rock ausdrückt. Es ist schnell gespielt, das Gitarrensolo hält sich in Grenzen – gemessen an Pink Floyd und so weiter, die Stimme ist rau und aggressiv, der Text ist aufmüpfig, aber auch ein wenig realistisch, weil ja am Ende doch das Gesetz gewinnt. Es ist ein tolles Stück, auch wenn es im Buch nicht auftaucht. Ich hatte noch mehr Songs darin, aber die Lektorin meinte, man sollte den Leser nicht überfordern, der vielleicht nicht so viel Ahnung von Punkrock hat.

In „San Tropez“ geht es um vier Männer, die sich nach 35 Jahren wiedersehen. Mitch, Frisör, Benz und der Ich-Erzähler hatten sich 1979 vom Progressive-Rock losgesagt und in ihrer Heimat, einer namenlosen Kleinstadt in der Nähe von Aachen, die Stolberg nicht ganz unähnlich ist, die Punkband Mitch And The Lazenbys gegründet. Das Wiedersehen nach langer Zeit ist allerdings nicht ganz zufällig: Es geht um den Wettbewerb einer Fernsehshow für ehemalige Amateurbands (Ü50). Das Preisgeld: 500.000 Euro.

Doch Geld ist nur das Eine, denn gleichzeitig geht es um so viel mehr: um Werte wie Loyalität und Freundschaft, um Liebe und Vertrauen, ja sogar um Leben und Tod. Denn im Verlauf der Geschichte sterben zwei Menschen. Niemand kann dafür haftbar gemacht werden, und doch hat jeder der Überlebenden seinen Anteil daran, dass es so kam, wie es gekommen ist.

Punkrock stand einerseits für eine Verweigerungshaltung, andererseits aber auch für Aufbruch.

Sous: Der „No Future“-Aspekt ist bei meinen Helden ja eher angelesen – außer bei Frisör vielleicht, der tatsächlich aus der Arbeiterklasse kommt. Die anderen sind eigentlich Jüngelchen vom altsprachlichen Gymnasium. Für den Aufbruch stehen für mich tatsächlich The Clash. Die hatten schon auf ihrer ersten Platte Reggae- und Ska-Elemente und haben sich dann auch kontinuierlich verbessert – auch wenn sie das damals wahrscheinlich nicht gerne gehört hätten. Und sie hatten einen Anspruch an ihre Texte. Die wollten etwas Neues machen und nicht bloß drei Akkorde wie andere, die da vielleicht auch radikaler in ihrer Verweigerungshaltung waren.

2. Pink Floyd: „San Tropez“ („Meddle“, 1971)

Kommen wir zum nächsten Stück. Sie wissen natürlich, was es ist, denn das Buch ist danach benannt und nicht, wie mancher vielleicht meinen könnte, nach der französischen Stadt Saint Tropez. Warum musste es dieser Pink-Floyd-Titel sein?

Sous: Ganz am Anfang, als ich noch ein wenig ins Blaue hinein geschrieben habe, bin ich beim Rumsurfen auf dieses Stück gestoßen, und es hat mir sofort unheimlich gut gefallen. Vor allem hat es mir eine Richtung gegeben. Nachdem ich das Stück gehört hatte, wusste ich, wie ich die Geschichte entwickeln könnte. Es hat mich wirklich weitergebracht.

Es ist ganz untypisch für Pink Floyd.

Sous: Ja, es kommt ganz ohne psychedelische Mätzchen aus, klingt tatsächlich eher wie ein Chanson. Ich konnte mir auch vorstellen, dass zwei 18-Jährige beim Hören dieses Stücks romantische Anwandlungen bekommen und sich denken: „Das ist toll, da müssen wir mal hin!“ So habe ich es ja dann auch konstruiert.

Mitch, Frauenheld und Lebenskünstler, und der Ich-Erzähler brechen zusammen mit Biggi, einer Zufallsbekanntschaft von Mitch, nach Saint Tropez auf. Dort treffen sie völlig überraschend auf David Gilmour, ihren Helden. Der spannt Mitch aber schließlich mit einer üblen Masche kurzerhand Biggi aus.

Warum haben Sie ausgerechnet David Gilmour für diese Szene ausgewählt? Generell verbindet man Pink Floyd anders als vielleicht die Rolling Stones ja nicht unbedingt mit dem Rockstar-Image. Und dann bei Pink Floyd auch nicht den introvertierten David Gilmour, sondern vielleicht eher noch den extrovertierten Roger Waters.

Sous: Ich brauchte eine Begründung für den Bruch! Warum werden aus diesen Jüngelchen, die Progressive-Rock hören, plötzlich Punks? Gilmour sah sehr gut aus, fast wie ein Surferboy, und er steht für mich auch für diese Gitarrensoli. Da dachte ich: Ja, das ist gut! – Es hat ihn halt erwischt (lacht)! Im Übrigen glaube ich, dass jeder zu solchen Dreckigkeiten fähig ist, wie jemand anderem die Frau auszuspannen – wahrscheinlich auch ein David Gilmour (lacht wieder).

3. Gang Of Four: „To Hell With Poverty“ (Single, 1981)

(Eine Gitarre heult auf, Feedback ertönt.)

Sous: Im Moment könnte es Jimi Hendrix sein.

(Schlagzeug und Bass setzen mit einem trockenen Rhythmus ein.)

Sous: Iggy Pop?

Es ist Gang Of Four.

Sous: Ah, natürlich, klar!

Arbeiterklasse, Unterschicht, Armut, soziale Probleme – das sind Themen des Punkrock. Sie haben eben schon angedeutet, dass Ihre Helden eher einen anderen Hintergrund haben. Benz zum Beispiel, in dessen elterlichen Partykeller der Proberaum eingerichtet wird. Das klingt eher nach einem bürgerlichen Umfeld.

Sous: Ich finde den Benz eigentlich sehr sympathisch. Er unterstützt den Mitch zum Beispiel, als der sich mit dem Lehrer anlegt. Aber wo Mitch ausfällig wird und den Lehrer als „Hippieschwein“ beschimpft, sagt Benz: „Hören Sie bitte auf, Herr Oberstudienrat.“ Er ist höflich, aber er ist keine Lusche. Er bezieht Stellung. Er ist aber kein typischer Punk oder Rebell. Für ihn zählt Freundschaft, er ist sehr loyal.

Mitch ist eine schillernde Figur. Irgendwas ist an ihm dran: Er ist attraktiv, immer begehrt, bekommt die hübschesten Mädchen ab. Und doch stimmt etwas nicht mit ihm, ist er auch ein Hochstapler.

Sous: Den Begriff schillernd hört man heute nur noch selten. Aber er trifft ganz gut zu. Für mich war es wichtig, bei Mitch einiges wegzulassen, ihn nicht sofort als Aufschneider zu entlarven, sondern das auch im Vagen zu lassen. Er hat als Schüler die besten Startchancen, kommt aus der Maria-Theresia-Allee, sieht sehr gut aus, hat Charme. Und er hat sicher das beste Elternhaus. Er kann samstags, wenn sein Vater nicht ins Büro muss, mit dem Mercedes vorfahren. Aber er ist auch loyal – zumindest in gewissem Maß.

Sous: Für mich bestand die große Herausforderung darin, die fünf Charaktere in der Band möglichst so zu gestalten, dass sie einen Wiedererkennungswert haben. Es darf aber auch nicht zu übertrieben sein. Ich hatte am Anfang sogar mit dem Gedanken gespielt, die verschiedenen Leute selbst erzählen zu lassen. Aber die hätten dann ja alle in einem anderen Jargon reden müssen oder in einer anderen Art. Das war mir zu anstrengend.

4. The Cure: „Boys Don’t Cry“ (Single, 1979)

Sous (nach den ersten vier Anfangsakkorden): The Cure! Ein Song von einer ihrer ersten Platten und auch eines ihrer besten Stücke. Es ist eines der Lieder, die mich damals, 1979, dazu gebracht haben, auch solche Platten zu kaufen, New Wave und Postpunk, und mich von dem anderen Krempel zu distanzieren. Der Song hat eine Einfachheit, die bringen es auf den Punkt. Und er hat auch noch eine schöne Melodie! Man braucht keine 40 Meter Keyboard wie Rick Wakeman von Yes, um eine Gänsehaut zu erzeugen.

In Ihrem Buch spielen Frauen oder genauer die Beziehung zwischen Männern und Frauen eine große Rolle. Die Jungs wollen immer sehr viel, sind ständig auf der Suche und doch noch ziemlich unerfahren. Die Frauen, vor allem Helen, wirken viel erwachsener, weiser und reifer.

Sous: Das stimmt. Wenn es in diesem Buch eine taffe Person gibt, dann ist es Helen.

Helen ist die Ehefrau des Ich-Erzählers. In der Jugend war sie allerdings noch mit Otto zusammen, der als Akkordeonist fünftes Mitglied und die große Attraktion bei Mitch And The Lazenbys war. Helen und der Ich-Erzähler verlieben sich ineinander und starten heimlich eine Affäre. Doch dann nimmt sich Otto das Leben.

Der Ich-Erzähler kann von Glück sagen, dass er Helen abbekommen hat.

Sous: Das stimmt. Wobei der Ich-Erzähler ja kein Loser ist. Der hat seinen Job, ist Trainer bei einem Fußballklub – und meistens Realist. Aber die Helen ist schon toll. Mit der würde ich auch gerne mal ein Bier trinken gehen. (lacht)

Sous: Meine Lebenserfahrung ist so, dass die Frauen, wenn es wirklich hart auf hart kommt, in der Regel die tafferen sind. Und die Kerle fangen immer erst mal an zu heulen. Frauen sind da pragmatischer – nicht auf eine kalte Art, schon mit Empathie.

5. David Bowie: „Heroes“ („Heroes“, 1977)

Sous (unmittelbar nach Beginn des Songs): Bowie!

Mir kommt es so vor, als ob die Jungs Träumer sind. Sie träumen von tollen Frauen. Sie träumen von Saint Tropez. Sie träumen von dem großen Rockstar-Ding. Der Ich-Erzähler träumt von einer großen Fußballer-Karriere. Und später, nachdem sie wieder zusammen sind, träumen sie von den 500.000 Euro Preisgeld bei diesem schrägen Bandwettbewerb.

Sous: Im Fall von Frisör würde ich widersprechen. Der ist Trinker und arbeitslos. Und der sieht das alles schon sehr realistisch. Der sagt ja auch, dass er mit seinem Anteil vom Preisgeld erst mal seine Schulden abbezahlen würde. Das ist nicht sehr träumerisch. Es besteht ja durchaus die Chance, dass das klappt, nachdem die Band die erste Auswahlrunde übersteht und im Wettbewerb unter die letzten sechs kommt.

Sind Sie ein Träumer?

Sous: Ich habe kein Faible dafür, groß rum zu philosophieren. Mir fällt es leichter, das in Personen zu packen. Aber wenn ich nicht auch träumen würde, dann hätte ich diesen Job niemals gemacht. Zur Frankfurter Buchmesse gehen aktuell wieder mindestens 40.000 Romane an den Start. Angesichts dieser Zahl kann ich schon stolz darauf sein, einen Verlag gefunden zu haben, der mein Buch schön präsentiert, der mir einen Vorschuss gibt, der mich nicht bescheißt. Alles andere, was dann kommt – etwa die Presse – kann ich dann nur noch genießen. Ich mache das jetzt seit 37 Jahren und nehme es noch nicht selbstverständlich.

Scheitern ihre Protagonisten?

Sous: Der Begriff ‚scheitern‘ gefällt mir nicht. Es ist eine der Befürchtungen, die ich für die Rezensionen habe, dass die Erzählung darauf reduziert wird, weil sich die Schublade von der Loser-Truppe geradezu anbietet. Natürlich: Es sterben zwei Menschen, es gibt vieles, was in die Brüche geht. Ob der Ich-Erzähler am Ende noch mal mit seiner Helen zusammenkommt, ist zum Beispiel völlig offen. Aber er ist natürlich in seinem Leben schon alleine deswegen nicht gescheitert, weil er überhaupt so eine tolle Frau abbekommen hat. Auch Mitch hat in vielen Facetten ein Leben gehabt, um das ich ihn bewundere. Es gibt kein Leben, das völlig linear verläuft. Deswegen ist man aber noch lange nicht gescheitert.

Dietmar Sous: „San Tropez“, Transit-Verlag, 144 Seiten, 18 Euro.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert