Aachen - Dieser Sport ist nichts für „Fußgänger“

Dieser Sport ist nichts für „Fußgänger“

Von: Daniel Gerhards und Laura Beemelmanns
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Michael Hoim (links) und Niels Naus (Mitte) spielen beide seit vielen Jahren Rollstuhlrugby. Beim Sport können sie aufgrund ihrer Verletzungen nur rund 15 Prozent ihrer Muskeln einsetzen. Das erfordert eine Menge Kraft und Willen. Foto: Daniel Gerhards, Laura Beemelmanns

Aachen. Michael Hoim und Niels Naus rollen aufs Spielfeld. Einer von rechts, einer von links. Zunächst fahren ihre Rollstühle noch ganz gemächlich, dann immer schneller. Hoim greift während der Fahrt nach dem auf dem Boden liegenden Ball, hebt ihn auf und legt ihn auf seinen Schoß.

Sein Blick wirkt jetzt konzentrierter, ehrgeiziger als zuvor. Er hat die Hände frei, um an seinen Rädern zu drehen – und nimmt Fahrt auf. Schneller und immer schneller. Bis zu einem lauten Knall. Mit einem Mal stoßen Hoim und Naus zusammen. Durch die große Sporthalle in der Bergischen Gasse in Aachen schallt ein lauter, klirrender Ton – ausgelöst von aufeinanderprallenden Aluminiumblechen. Damit sind die Rollstühle der beiden an der Front verstärkt. Genau richtig für ihren Sport. Denn beim Rollstuhlrugby ist der „Kontakt mit den Stühlen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht“, sagt Hoim, Trainer und Spieler bei den „Euregio borderlineRRs Aachen“.

Körperkontakt verboten

Körperkontakt ist dagegen verboten. „Es kommt eher auf die Taktik an“, sagt Hoim. Die Spieler überlegen sich vorher genau, welche Pässe sie spielen und versuchen, sich den Ball, der einem Volleyball ähnelt, aber etwas weicher ist, gegenseitig abzunehmen. Gar nicht so leicht, wenn man dabei als vom Hals abwärts Querschnittgelähmter nur rund 15 Prozent seiner Muskeln einsetzen kann.

Michael Hoim hatte vor 21 Jahren einen Badeunfall. An einem Seeufer wollte er ins Wasser springen. Vor ihm hatte jemand beim Absprung ein Stück des Ufers losgetreten. Hoim trat ins Leere und stürzte. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Schon drei Monate nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, ging der ehemalige Marathonläufer wieder zum Sport.

Zuerst probierte er sich im Tischtennis, dann im Rollstuhlrugby. In Köln spielte Hoim in der 2. Bundesliga. Und er ist dem Sport immer treu geblieben. „Ich brauche etwas, bei dem ich an meine Grenze komme, eine sportliche Herausforderung“, sagt Hoim. Zudem ist Rollstuhlrugby die „einzige Sportart, die man mit Halsquerschnittslähmung ausüben kann“ – wenn man nicht auf Hallenhalma ausweichen will.

Einen kühlen Kopf bewahren

Entstanden ist die Sportart in den späten 70er Jahren in Kanada. Damals bekam sie zunächst den martialischen Namen „Murderball“ – Mordball. Aber Tote gibt es bei der Behindertensportart nicht, auch heftige Blessuren seien sehr selten, sagt Hoim: „Ich habe sieben Jahre gebraucht, um einmal umzufallen. Die Sportart sieht brachial aus, aber schwere Verletzungen sind sehr selten.“ Anstrengend ist der Sport trotzdem.

Die Mannschaften, die aus jeweils vier Spielern bestehen, spielen auf einem Basketballfeld. Punkte erzielt man, indem man mit dem Ball über die gegnerische Torlinie fährt. Für die acht Minuten langen Viertel brauchen die Sportler eine Menge Ausdauer: „Wenn der Ball ins Aus geht oder eine Mannschaft punktet, wird die Zeit gestoppt. Da können acht Minuten sehr lang werden“, sagt Hoim. „Man muss zwischendurch für einen kühlen Kopf sorgen. Manche Spieler sprühen sich kühles Wasser mit einer Blumenspritze auf den Kopf, andere benutzen Eisbeutel“, sagt Hoim. Denn eine Begleiterscheinung von Halswirbelverletzungen ist, dass der Köper seine Temperatur nicht reguliert. Will heißen, einige der Rollstuhlrugby-Spieler schwitzen nicht.

Zugelassen sind beim Rollstuhlrugby ohnehin nur Athleten, die an mindestens drei Gliedmaßen eingeschränkt sind. Meist sind das Querschnittgelähmte, Amputierte und Spastiker. Es dürfen keine „Fußgänger“ mitspielen, wie Hoim die nicht behinderten Menschen nennt. Das ist zum Beispiel beim Rollstuhlbasketball erlaubt. „Bei uns würde das das Bild extrem verzerren. Es macht einen sehr großen Unterschied, ob man seinen vollen Oberkörper oder nur 15 Prozent seiner Muskeln einsetzen kann“, sagt Hoim.

Insgesamt gibt es in Deutschland weniger als 500 Rollstuhlrugby-Spieler, diese Zahl möchte der Verband in naher Zukunft erreichen. Der Grund: Die Zahl der Behinderten, die in Frage kommen, ist relativ gering. Und: „Viele Leute, die so große Einschränkungen haben, möchten nicht auch noch Sport machen“, sagt Hoim. Und schon gar kein Rugby. „Ein bisschen bekloppt muss man schon sein“, sagt er. Positiv bekloppt natürlich.

Während Sport für viele nicht behinderte Menschen ein Ausgleich zum Alltag ist, ist er für Rollstuhlfahrer ein Mittel, das ihnen hilft, ihren Alltag zu bewältigen. Die Muskulatur, die sich die Sportler antrainieren, hilft beim Sitzen im Stuhl. Auch die nötige Balance fällt leichter, wenn man beim Rugby in fahrerische Extremsituationen kommt. Und: Das Selbstvertrauen der Sportler wächst mit jedem Erfolg auf dem Spielfeld.

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