Die Zukunft Kerkrades herbeiträumen

Von: Verena Müller
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Die Siedlung gegenüber von Rolduc ist nicht gerade ein Hingucker. Wie ihre Stadt künftig aussehen könnte, sollen Kerkrader ihrem Bürgermeister vorschlagen. Foto: Stefan Schaum

Kerkrade. Wenn man so will, hat der Bürgermeister von Kerkrade, Jos Som, entweder eine Bankrotterklärung an seine Bürger verschickt oder sich bei ihnen platt angebiedert.

Der Gemeinderat und die -verwaltung würden zwar hart an der Zukunft der niederländischen Grenzstadt arbeiten, schreibt er, sie würden es aber nicht alleine schaffen. Dabei ist kein Wahlkampf und dass die Gemeinde schlechte Arbeit machen würde, kann man ihr auch nicht vorwerfen.

Wer den Brief „Zusammen an einer traumhaften Zukunft unseres Kirchroa arbeiten” liest - und erst recht, wer Jos Som einmal kennengelernt hat - weiß, dass er seinen Aufruf ehrlich meint.

Noch bis nächste Woche Freitag, 16. Juli, sind die knapp 48.000 Einwohner aufgefordert, Verbesserungsvorschläge an die Gemeinde zu senden. Ganz egal, was es ist. Zwar hat der Gemeinderat selbst einige Prioritäten wie den Ausbau des Tourismussektors, aber das solle die Bürger nicht einschränken, sagt Som. Rund 500 Briefe sind inzwischen eingegangen.

Jos Som sitzt am Konferenztisch in seinem Büro. Grauer Anzug, weißes Hemd, der oberste Knopf offen, die Beine übereinandergeschlagen, einen Arm auf die Rückenlehne gelegt. Er wirkt topfit, hellwach. Früher, in Gelderland, wo er herkommt, war er bezahlter Fußballspieler, später hat er ein paar Jahre als Sonderschullehrer gearbeitet. Beides würde in etwa auch heute noch zu ihm passen. Fußballtrainer vielleicht. Oder Schulleiter.

Mit Ende 20 war er bereits Berufspolitiker, er war Bürgermeister von Gulpen, seit zehn Jahren ist er Bürgermeister in Kerkrade. Ein paar kleinere Affären hat er in seiner Karriere überstanden. Ein möglicher Interessenkonflikt wurde ihm beispielsweise 2004nachgesagt, als die Gemeinde einen zweistelligen Millionenbetrag an den Fußballclub Roda JC überwies. Damals war Som auch Mitglied des Aufsichtsrats des Vereins.

Der damalige Innenminister des Niederlande kritisierte ihn für die Zahlung, Som sagte daraufhin, er entscheide selbst, was er tue oder lasse. Das neue Stadion sieht er heute zusammen mit Rolduc, der Rodahalle und dem Continium als wesentliche Pfeiler der Gemeinde. Die Innenstadt ist sein nächstes Großprojekt.

Vor ihm, auf dem Konferenztisch, liegen ein paar handschriftliche Notizen, das meiste neongrün markiert. Nur selten streift sein Blick die Stichworte, wenn er von seinem Aufruf erzählt. Er spricht von der „Zukunft der Stadt”, von der „Eigenverantwortung der Bürger”, der zwingenden „Notwendigkeit, die Bürger einzubinden und mitzureißen”. Enthusiastisch wirkt das, manchmal rastlos und nicht ganz uneitel.

Die „Probleme - ich meine Chancen” seiner Stadt kenne er. Arbeitslosigkeit von an die 13 Prozent, demografischer Wandel. Jammern bringe da nichts, sagt Som, so seien nun einmal die Fakten, also müsse man kreativ werden. „Verrückte Ideen gibt es nicht. Alles ist möglich”, sagt er an dieser Stelle gerne.

Viele niederländische Politiker sind Pragmatiker, Macher. Jos Som verbindet das mit Charisma und der Fähigkeit, andere Menschen von seinen Anliegen zu überzeugen.

Vor zwei Jahren beispielsweise lud Som 20 Friseure aus allen Stadtvierteln ein. „Ihr kriegt doch alles mit”, sagte er zu ihnen. Das müsse man doch nutzen. Also gab er ihnen vorgedruckte Zettel mit, auf denen sollten die Kunden, die sich über etwas in der Stadt aufregten, ihren Ärger notieren.

Die Zettel gehen dann an den für das jeweilige Stadtviertel zuständigen Ansprechpartner der Gemeinde. „Innerhalb einer Woche, das ist die Vorgabe, soll das Problem in Angriff genommen werden”, sagt Som. „Geh´ nicht zur Gemeindeverwaltung, geh´ zum Frisör”, laute die Devise.

So ähnlich wird das auch mit den „Träumen”, die die Bürger schon eingesendet haben und die direkt umsetzbar sind, gehandhabt. Etwa, wenn sich Anwohner über Lärmbelästigung oder Schmutz beschweren. Andere Anregungen - ganze Wohnblöcke zu entfernen etwa - werden genauso ernsthaft behandelt, auch wenn sie nicht kurzfristig umsetzbar sind.

Som kennt bislang keinen einzigen Traum seiner Bürger. Das mag bei so viel Eifer überraschen. Ganz am Schluss, wenn alle eingegangen sind, will er sie sich unter den Arm klemmen und damit in den Ratssaal gehen. „Ich stelle mir vor, dass wir die dann alle aufhängen”, sagt er, macht eine Pause und strahlt als sehe er das Bild vor seinem geistigen Auge. „Fantastisch.”

Ein „Traum-Budget” hat er in seinem Haushalt allerdings nicht berücksichtigt. „Wenn irgendetwas Millionen kostet, na, dann müssen wir irgendwo anders was streichen”, sagt er.

Im September will der Rat dann mit den Bürgern über ihre Vorschläge sprechen. Darüber, welche Träume Realität werden können.
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