Die Zukunft hält im Bahnhof: Spektakuläre Ausstellung in Lüttich

Von: Andrea Zuleger
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Herzstück der Schau ist eine nachgebaute Weltraumstation. Aus den Fenstern heraus blickt man ins All und auch auf die Oberfläche des Mars. Fotos: Michael van Raek, Europa 50
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Die Ausstellung ist im Lütticher Bahnhof Guillemins zu sehen. Sie ist an sieben Tagen in der Woche geöffnet. Fotos: Michael van Raek, Europa 50
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Schöne neue Welt: Solarmodule sehen wie Blütenblätter aus und spenden nicht nur Schatten, sondern liefern auch den Strom für die in Terrassen angelegte Stadt. Fotos: Michael van Raek, Europa 50
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Die Schaltzentrale: ein Gang durch das Gehirn des Menschen. Fotos: Michael van Raek, Europa 50
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Das perfekte Baby: Wird es in einer perfekten künstlichen Gebärmutter heranwachsen? Fotos: Michael van Raek, Europa 50

Lüttich. Pepper lächelt und zeigt sich kontaktfreudig. Der Roboter mit den freundlichen Kulleraugen ist einen Meter hoch, ganz in unschuldigem Weiß gehalten, und so wie er guckt, ist ihm absolut nicht klar, in welche Konflikte sich der Besucher in der kommenden Stunde stürzt. In den Ausstellungsräumen des Lütticher Bahnhofs Guillemins gibt es eine neue Schau: „J’aurai 20 ans en 2030 – 2030 werde ich 20 sein“.

 Es geht um alles. Um unsere Zukunft, wie wir leben werden, wie wir wohnen, wie sich Mobilität, Arbeit, Gesundheit entwickeln. Ein riesiges Gebiet also, unübersichtlich und – das versteht sich von selbst – hochspekulativ. Denn wäre die Zukunft schon da, wäre sie Gegenwart. Und schon hier wird deutlich, mit welchen Herausforderungen diese Schau im Bahnhof zu kämpfen hat. Sie will darstellen, was (noch) nicht existiert.

Pepper ahnt von der Misere nichts. Der Roboter ist ganz gegenwärtig: Er zeigt dem Besucher, wo die Toilette ist, wo er etwas zu trinken bekommt und fragt auf Niederländisch oder Französisch, ob man vielleicht wissen will, was es sonst noch so in der Nähe des Bahnhofes zu sehen gibt: das neue Museum im Parc de la Boverie vielleicht?

Ein Rundgang

Im Vergleich mit der Zukunft des Menschen erscheint Peppers Dasein sehr geordnet und übersichtlich. Aber wie wird es 2030 sein – in nur 13 Jahren? Wird er dann für uns das Denken übernommen haben? Und werden wir ihm dann den Weg zum nächsten Museum beschreiben, und nicht umgekehrt? Das sind Fragen, die die Ausstellung im Besucher wachruft. Beantworten muss sie der Besucher allerdings allein.

Wie immer im Bahnhof (eigentlich ist es ein umgebautes Parkhaus) ist die Ausstellung als Rundgang geplant. Auf einem Parcours von einem Kilometer Länge läuft der Besucher entlang an den Exponaten, die in diesem Fall auch aus vielen, vielen Bildschirmen bestehen. Und er läuft durch große Kulissen, die das Ganze zum Spektakel machen sollen.

Auf viel Technik macht sich der Besucher bereits im ersten Raum gefasst. Dort hängen drei Wände voller Monitore, auf denen verschiedene Bildsequenzen laufen. Hier begegnen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Meisterleistungen des Menschen sind darunter: der Bau von Kathedralen und modernen Städten, aber auch Bilder von Umweltzerstörung, Ausbeutung von Tieren, Armut.

Die Ambivalenz des Menschen – seine Kreativität, seine Neugier, sein Genius stehen Zerstörungswut, Machtanspruch und Gier gegenüber. Und die Frage, wie wir 2030 leben, hängt direkt damit zusammen, wie ethisch unser zukünftiges Handeln sein wird. Und davon, wie sehr uns die eigenen Erfindungen und Forschungen überrumpeln.

Die Ausstellung bleibt aber nicht immer in der Zukunft. Oft spannt sie den Bogen aus der Vergangenheit heraus: Zum Beispiel, wenn sie an große Erfinder und Wissenschaftler erinnert. Leonardo Da Vinci, Marie Curie, Mercator oder Paul Otlet sind nur einige, aus deren Wirken heraus sich erst die Zukunft entwickelt habe, so die These.

Die digitalisierte Welt

Zu Beginn zeigt ein Exponat eine pessimistische Sicht auf die digitalisierte Welt. Die übergroßen Beine eines Roboters überragen die kleinen Menschen, die uniform wie Ameisen herumwuseln. Die Digitalisierung als das selbstgeschaffene Monster, das uns einholen wird.

Ein paar Räume weiter ist ein Werk ausgestellt, das eine andere Zukunftsvision spiegelt. Auf einem gigantischen Müllberg ist eine wunderbare neue Welt entstanden mit hellen, freundlichen Häusern in einer organischen Architektur, in der Solarmodule aussehen wie schattenspendende Riesenblumen. Zwei Modelle, zwei Visionen.

Wie bei fast allen Ausstellungen im Lütticher Bahnhof richten sich die Ausstellungsmacher, allen voran die Gesellschaft Europa 50, an ein breites Publikum. Die Schauen im Bahnhof sind Magneten und sollen ebenso Schulklassen wie Seniorengruppen, Familien und Menschen, die vielleicht gerade den Anschlusszug verpasst haben, anziehen.

Auch bei der Zukunftsausstellung ist das so: ein Konzept mit vielen dreidimensionalen Exponaten, mit großen und verspielten Kulissen, in denen der Besucher Teil des Ganzen wird anstatt auf Distanz zu bleiben. So werden sich Kinder, wenn sie aus den Fenstern der riesigen nachgebauten Weltraumstation auf den Mars oder auf die Erde blicken, wirklich fühlen als seien sie sehr weit gereist.

Insekten essen

Erwachsene werden sich vielleicht beim Thema Ernährung darüber Gedanken machen, was sie in zwanzig Jahren essen werden. Wird es eine Art Astronautenfutter geben, oder essen wir – wie in manchen Teilen der Welt üblich – vermehrt Insekten, die sich leicht züchten lassen? Gerade bei solchen Themen wie Ernährung, Wohnen und Mobilität merkt der Besucher, wie schnell aus Vision Wirklichkeit wird.

Die Überlegung, wie in großen Gebäuden in Städten Gemüse angebaut wird, damit man die wachsende Zahl der Menschen ernähren kann, ist nicht besonders abenteuerlich. Und auch das vernetzte Haus, in dem der Kühlschrank meldet, wenn etwas fehlt, gehört schon nicht mehr zu den Visionen, die den Zuschauer heute überraschen würden.

Ethische Fragen

Das offenbart erneut ein Problem der Zukunftsschau: Denn es ist schwierig Exponate zu finden. Einige, die in Lüttich stehen, stammen aus der Industrie. Da sie aber nicht alles preisgeben wollen, woran sie arbeiten, ist das, was jetzt im Bahnhof gezeigt wird, nicht immer weit vorausschauend, sondern oftmals schon Alltag: Drohnen, ein Prototyp für einen Hubschrauber oder ein solarbetriebenes Skateboard. Gerade im Bereich Mobilität fällt das auf: Die Zukunft kommt verdammt schnell angerast.

Bleiben die ethischen Fragen: Wie weit gehen wir, um ein Leben zu verlängern? Wie viel Medizin ist gut und sinnvoll? Werden wir bei Defiziten, die das Gehirn betreffen, bald so viel Technik einbauen können, dass wir fast selbst zum Roboter werden?

Und natürlich kommt man spätestens hier nicht mehr an der Frage vorbei, wie lange das Leben in der Zukunft durchschnittlich dauert. 100 Jahre, oder vielleicht 130? Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich dem Tod und auch ein wenig verschiedenen Begräbnistraditionen. Manche Kulturen legen etwa dem Leichnam genügend zu trinken und zu essen dazu, damit die Reise angenehm wird – und man sich auch nicht nachsagen lassen kann, man habe die Toten vernachlässigt.

Die Zukunftsvision der Ausstellungsmacher in Lüttich sieht deutlich weniger angenehm aus: Die Abschlussszene besteht aus großen, aufgestellten Metallbüchsen. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass hinter den zugefrorenen Sichtfenstern Gesichter auszumachen sind. Der Mensch der Zukunft lässt sich einfrieren, um in der noch weiter voraus liegenden Zukunft weiterzuleben. Bei Bedarf (und wenn jemand dran denkt...) werden sie einfach aufgetaut.

Pepper lächelt. Und er weist den Weg zur Toilette. Also, damit kann man echt mal was anfangen!

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