Die Zukunft des Dialekts: Was war noch ein „Kuckeleboom“?

Von: Angela Delonge
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Der Purzelbaum – hier einer von Oliver Pocher bei einem Benefizspiel – hat in den Dialekten unserer Region viele Namen: von Kuckeleboom über Köckeleböt bis zu Tummelöt. Foto: stock/Eibner
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Liebt Dialekte: Sprachforscher Georg Cornelissen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Hätten Sie es gewusst? Allein für das Wort Purzelbaum gibt es in unserer Region zwölf Dialektsynonyme. „Ein Phänomen“, sagt der Sprachforscher Georg Cornelissen, der es „grandios“ findet, dass zwischen Wegberg und Monschau so viele Leute noch in „drei Sprachlagen“ unterwegs sind: Dialekt, Regiolekt, Hochdeutsch. Doch wie lange wird das noch so sein?

Der Wissenschaftler vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte sagt: „In der nächsten Generation werden wir nur noch zwei Sprachlagen haben.“ Was er damit meint: Der Dialekt wird mehr und mehr aussterben, es bleiben Hochdeutsch und der so genannte Regiolekt, eine Sprachform mit einem größeren Radius als der Dialekt.

Er enthält Standardwörter wie „Kappes“ oder „Köpper“ oder auch „strunzen“ und „stüten“. Auch „Hus“ für „Haus“ gehört dazu. Diese Wörter haben eine Chance, weil sie ein großes Verbreitungsgebiet haben und regional verstanden werden. Cornelissen nennt sie „großräumige Dialektwörter“.

Gründe für das langsame Verschwinden des Dialekts gibt es viele. Einer ist zum Beispiel der radikale gesellschaftliche Richtungswechsel in den 70er Jahren: Die meisten Kinder hier in der Region sind damals noch in einer intakten Dialektwelt aufgewachsen, doch dann gab es immer mehr Bildung: Gymnasium, Abitur, Studium. Der Dialekt verschwand aus der Lebenswelt der Kinder. „Niemand forderte sie mehr auf, Dialekt zu sprechen. Im Gegenteil. Sie sollten Hochdeutsch sprechen,“ sagt Cornelissen. Dialekt wurde mehr und mehr mit fehlender Bildung gleichgesetzt und bekam einen negativen Touch.

Das Erstaunliche dabei ist jedoch, dass viele Menschen in der Region den in der Kindheit erlernten, lokalen Dialekt noch „gut drauf haben“, wie Cornelissen es formuliert. „Es gibt eine große passive Sprachkompetenz“, sagt er, aber auch, dass sich heute aber kaum noch jemand traue, dieses Potenzial zu heben. „Dialekt zu sprechen ist heute einzig und allein eine Sache des Mutes“, sagt Cornelissen.

Für ihn ist der schleichende Tod des Dialekts das „prägendste Moment der regionalen Sprachgeschichte“, der größte Bruch in der deutschen Gesellschaft. Die 40- bis 60-jährigen Deutschen seien eine Generation der „verhinderten Dialektsprecher“. In Maastricht und Limburg sehe das zum Beispiel ganz anders aus, sagt Cornelissen. Da gebe es noch eine „funktionierende Dialektwelt über alle Bildungsschichten hinweg“. Und erst Köln! „Das Kölsch ist von Form und Inhalt her nicht zu überbieten“ schwärmt der Sprachforscher, „es bietet unglaubliche Einsatzmöglichkeiten.“ Zudem sei es über die eigenen Grenzen hinaus in der Alltagssprache ein Begriff.

Das Öcher Platt kann da nicht mithalten. Es gebe für den Dialekt in der Aachener Region kein eigenes Wort, und das mache die Sache „schwierig“, sagt Cornelissen. „Da kann man nichts draus machen.“ Zumal die Region um Heinsberg wiederum einem anderen Dialektraum zugeordnet werde. Zum Glück gibt es hier jedoch genügend Überstimmungen, so dass die Leute sich raumübergreifend miteinander unterhalten können.

Es gibt auch gute Nachrichten in Bezug auf den hiesigen Dialektraum. Die stammen von Alfred Lameli, Sprachforscher von der Universität Marburg. Lameli hat deutsche Dialekte analysiert und sie erstmals statistisch ausgewertet. Demnach muss die deutsche Sprachkarte neu eingeteilt werden. Seine Erkenntnis: Die Dialekte im rheinischen Sprachraum sind aufgrund der „Einzigartigkeit ihrer Tonakzente“, also des Singsangs, so eigenständig, dass sie den neuen Begriff „Westdeutsch“ verdient haben. „Dies ist ein angemessenerer Versuch, die Dialekte zusammenzuführen“, sagt Cornelissen. Der Begriff „Westdeutsch“ stelle einen neuen Fokus dar, und die Region um Aachen, Köln, Düsseldorf und Bonn bekomme dadurch rein sprachlich „eine sehr markante“ neue Stellung.

Sollten wir es also in Zukunft neben Hochdeutsch mit einem Regiolekt namens „Westdeutsch“ zu tun haben? Kann eine Sprache, die ohne lokale Besonderheiten auskommt, dafür aber regional gesprochen und verstanden wird, ebenso Identität stiften wie früher die lokalen Dialekte? Das kann Georg Cornelissen natürlich nicht wissen, aber er sagt: „Die großen Fragen in puncto Sprache werden alle politisch und gesellschaftlich geklärt und nicht im Verein.“

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