Aachen - Die zerstörerischen Seiten des Internets

Die zerstörerischen Seiten des Internets

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Packendes Thema: Informatiker Hermann Maurer spricht am 29. Januar im Aachener Rathaus zu den Tücken des Internets. Foto: Studio Sissi Furgler
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Immer vernetzt: Der technische Fortschritt hat auch seine Schattenseiten. Foto: Franziska Gabbert

Aachen. Der Österreicher Hermann Maurer stellt sich schon länger die Frage, ob das Internet mit seinen Suchmaschinen und sozialen Netzwerken und gleichermaßen Smartphones uns verdummen. Und ebenso kennt und schätzt er die Vorzüge der technischen Entwicklung, nutzt das Internet und hat auch ein Smartphone in der Tasche.

Das, so sagt er, werde bald schon nicht nur Telefon, Kamera, Diktiergerät, Notizblock, interaktive Landkarte und Internetbrowser sein, sondern auch Reisepass, Geldbörse, Übersetzungsgerät, Haustüröffner, Diätüberwacher und vieles mehr. „Und zwar früher, als die meisten glauben“, sagt der Informatik-Professor der Technischen Universität Graz. Maurer blickt gerne voraus, als Wissenschaftler und Vorstandsmitglied der Academia Europaea ebenso wie als Science-Fiction-Autor, der zuletzt im November das Buch „Ende des Traumes“ veröffentlichte.

Am Donnerstag, 29. Januar, wird er um 19 Uhr im Krönungssaal des Aachener Rathauses auf Einladung der Initiative Aachen die Vorzüge und Nachteile des Internets beleuchten. Im Rahmen der Reihe „Stadt.Plan!“ wird der Ehrendoktor der Universitäten St. Peterburg, Calgary und Karlsruhe unter anderem thematisieren, warum Facebook den Menschen die Privatsphäre raubt. Im Interview erläutert er dies vorab.

Haben Sie eigentlich einen eigenen Facebook-Account?

Maurer: Ja, als Informatiker fühle ich mich verpflichtet, wichtige neue Entwicklungen zumindest oberflächlich zu verfolgen.

Warum raubt uns Facebook unsere Privatsphäre?

Maurer: Facebook ist nur ein Teil des Problems, es gibt ja viele ähnliche Netzwerke. Bei Facebook gibt es zwei Hauptprobleme: Erstens gibt es so viele Einstellungsmöglichkeiten, die man oft falsch einschätzt. Auf einigen meiner Websites stehen oder standen meine Geburtsdaten. Warum sollte ich sie also nicht auch bei Facebook haben? Ohne dass ich das sperre – und das vergaß ich –, wurden alle meine Facebook-„Freunde“ verständigt, dass mein Geburtstag ist. Ich wurde mit Glückwünschen überschwemmt von Leuten, die ich oft nicht wirklich kannte, und musste Stunden verbringen, um alles zu sichten, ohne „wichtigere“ Dinge zu übersehen.

Sie sprachen von zwei Hauptproblemen. Das andere lautet wie?

Maurer: Wenn ich irgendwo Daten speichere, wer garantiert mir, dass ich sie später ändern kann? Oft sind dann Informationen, die ich irgendwann für wichtig und richtig hielt, unangenehm – etwa Infos zu meiner Exfreundin. Es ist wie bei Tätowierungen. Im Moment gefallen sie mir, ich lasse sie machen, loswerden ist dann aber schwierig. Aber, nochmals, die Privatsphäre ist durch Suchmaschinen, Internetshops, Kreditkarten, Vorzugskarten, Videokameras, Drohnen und so weiter genau so gefährdet. Es ist die Kombination vieler dieser Dinge, die uns wirklich sehr transparent und vorhersehbar machen. Immerhin redet man schon darüber, ob man auf Grund von Persönlichkeitsprofilen manche Menschen nicht in Gewahrsam nehmen muss, bevor sie ein Verbrechen begangen haben, weil das Muster sagt: Diese Person wird ein Verbrechen der Art X begehen.

Das ist also das Gefährliche an Facebook und anderen sozialen Netzwerken?

Maurer: Und, dass uns Facebook leicht Zeit für Wichtigeres stehlen kann, wenn man es oder Twitter und Ähnliches zu viel benutzt. Das Internet ist reich an Diensten, die nicht immer vorteilhaft für uns sind.

Sie werden bei Ihrem Vortrag auch die Frage stellen, ob wir wegen des Internets mit Facebook und allem, was dazu gehört – Suchmaschinen und Wikipedia –, verdummen. Ist das so?

Maurer: In einem gewissen Sinn sicher: Gewisse kognitive Fähigkeiten wie rechnen, verstehend lesen, die Merkfähigkeit und Orientierung nehmen ab. Die brennende Frage ist: Muss das schlimm sein, wenn viel davon technisch überkompensiert wird? Man darf die positiven Aspekte der Computer- und Kommunikationstechnologie auch nicht übersehen: Es geht darum, wie man sich zum Beispiel gegen Anschläge besser schützen könnte, nach Paris wohl ein sehr aktuelles Thema. Und ich meine damit nicht drei Mal so viele bis zu den Zähnen bewaffnete Kontrollen am Flughafen wie bisher, wie man es gerade auch an deutschen Flughäfen erlebt.

Ist diese Verdummung schlimm?

Maurer: Vieles, das für gefährlich gehalten wird, ist es nicht, aber es bleiben noch immer große Restgefahren, und wir müssen dafür Vorkehrungen treffen und tun das zu wenig.

Aber hat das Internet als Informationsquelle nicht grundsätzlich eine wichtige Daseinsberechtigung?

Maurer: Ja, sicher. Aber ich glaube ja auch nicht alles, was in der „Bild“-Zeitung steht. Gerade wenn man sich genauer informieren will, muss man alles, was man findet, mit Vorsicht genießen. Was das Internet braucht, sind mehr verlässliche Quellen. Dass zum Beispiel in Wikipedia alles anonym ist, ist schlecht, denn so kann man eine eventuelle individuelle Einfärbung kaum erkennen. Man kann nicht in direkte Diskussion mit den Verfassern treten. Wikipedia-Beiträge, um bei dem Beispiel zu bleiben, die lange im Netz sind und von vielen gelesen wurden, sind in der Regel richtig. Nur gibt es auch solche, die relativ neu sind oder kaum gelesen wurden. Und wer macht sich schon die Mühe, die Geschichte eines Beitrags wirklich zu untersuchen?

Wie beschaffen Sie sich Informationen?

Maurer: Allgemeine Informationen beziehe ich – mit Vorsicht – aus dem Internet, und kann mir ein Leben ohne kaum mehr vorstellen. Nur bei ernsteren wissenschaftlicheren Belangen greife ich auf redaktionell gut betreute Zeitschriften und Archive zurück, aber auch da über das Internet. Nur muss ich wissen, was gut betreut ist. Noch fehlt eine einigermaßen objektive Bewertung von Webangeboten, wie wir es für Hotels oder Restaurants haben. Das wäre vielleicht sogar eine neue Geschäftsidee. Gedruckte Nachschlagwerke verwende ich eher selten, wenn, dann oft alte, um in der Geschichte zu stöbern.

Es geht Ihnen also allein um den Umgang mit dem Internet, es ist nicht partout etwas Böses?

Maurer: Das Internet ist toll. Aber man muss die Möglichkeiten, Einschränkungen und Gefahren kennen. Auch hier sollte man nicht nur das Internet betrachten: SMS verringert sicher die Lese- und Schreibfähigkeit, ist nicht immer gut. Handys und Emails zerstören unsere Konzentrationsfähigkeit. Das Fernsehen – bald hauptsächlich über das Netz – hat nicht zu verbesserter Bildung geführt, sonder vermutlich zu mehr Oberflächlichkeit.

Sie sehen also eine gefährliche Entwicklung?

Maurer: Viele. Da ist eine Veränderung unserer moralischen Werte, unserer Einstellung zu Gewalt und Sex. Man darf sich nicht auf eine Information verlassen, deren Quelle man nicht kennt. Die „Social Networks“ sind nicht nur oft voll von Müll und rauben auch wertvolle Zeit, sie werden auch sehr effizient von Terrororganisationen eingesetzt. Auch dürfen wir uns nicht von Netzen ganz abhängig machen. Und was ist, wenn diese Netze einmal längere Zeit ausfallen?

Sie behandeln auch das Thema Cyberwar („Krieg im Internet“). Wie sieht dieser aus?

Maurer: In seiner „lästigen“ Variante zerstört der Cyberwar Bankkonten, sorgt für unerwünschte Bestellungen, überlastete Server und Netze. In seiner „bösen“ Variante führt er zum Zusammenbruch der Netze und Computer, so dass auch der Strom ausfällt, die Flugzeugnavigation, die Radargeräte der Fluglotsen. Dass ein Cyberwar auch direkt und massiv Menschenleben bedrohen kann, ist viel zu wenig bekannt.

Inwiefern verändert der technische Fortschritt unser Leben?

Maurer: Computerisierung – nicht nur das Internet – macht vieles einfacher, macht Vorgänge überflüssig. Aber: Ohne Reaktion darauf wird die Arbeitslosigkeit immer mehr zunehmen. Die Arbeitslosigkeit ist in Wahrheit nicht mehr durch Wirtschaftswachstum zu beseitigen, sondern ist ein strukturelles Problem. Weniger Menschen können die Bedürfnisse für alle befriedigen. Hier sind also Umschichtungen notwendig, über die man zu wenig nachdenkt.

Wie verändert das Internet also eine Gesellschaft, beispielsweise eine Region wie die unsere?

Maurer: Die zunehmende Globalisierung, und die Abhängigkeit von Technologien macht vor Aachen nicht halt. Daher fordere ich: mehr Regionalität, mehr Redundanz, also Ausfallsicherheit, und die Verfügbarkeit des Internets beziehungsweise Handys an gewissen Punkten und zu gewissen Zeiten einschränken. Münzen wir „am siebten Tage sollst Du ruhen“ um in „am siebten Tage ist das Internet nur für Katastrophen benutzbar, weil es da bewusst sehr teuer gemacht wird“.

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