Die verschwiegenen Hüter des Heiligen Grabes

Von: Christoph Driessen, dpa
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Grabesritter Hans-Dieter Voß
Der oberste Grabesritter für Nordrhein-Westfalen, Hans-Dieter Voß, sitzt in Köln im Chorgestühl der St. Andreas Kirche. Foto: dpa

Köln. Auch heute gibt es noch Ritter - Ritter, die ein blutrotes Jerusalemkreuz tragen, im Kölner Dom den Ritterschlag bekommen und dem Orden vom Heiligen Grab dienen. Da denkt man unwillkürlich an „Sakrileg” und Verschwörung.

Doch wenn man Hans- Dieter Voß, den obersten Grabesritter für Nordrhein-Westfalen, danach fragt, welche Geheimnisse er hütet, lächelt er nur milde und sagt: „Geheimnisse? Unser Orden hat keine Geheimnisse.” Schade eigentlich.

Immerhin nennen sie sich Ritter. Was also ist ritterlich an ihnen? Der Orden hält alte höfische Ideale wie Treue, Hilfsbereitschaft und Wahrhaftigkeit hoch. Ideale, die durch die Kreuzzüge brutal pervertiert wurden. „Deus lo vult - Gott will es!”, die Devise, unter der die damaligen Ritterheere aufbrachen, um das Heilige Grab zu „befreien”, ist noch heute das Leitmotiv der Ordensritter. Und ihr Erkennungszeichen, das fünffache Jerusalemkreuz, stammt aus dem Wappen des Kreuzfahrers Gottfried von Bouillon, der 1099 Jerusalem eroberte. Tausende von Wehrlosen wurden dabei niedergemetzelt.

Voß beeilt sich klarzustellen: „Unser Orden hat mit den Kreuzzügen nichts zu tun. Das ist ein Unterschied zu den anderen drei Orden, dem Malteser-, Johanniter- und Deutschherrenorden.” Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem geht auf die Zeit nach den Kreuzzügen zurück, als das Heilige Land wieder von den Muslimen beherrscht wurde. Der Franziskanerorden erhielt damals die Erlaubnis, die heiligen Stätten des Christentums zu bewahren, allen voran die Grabeskirche, in der sich der Überlieferung zufolge das Grab Christi befindet. Adelige Pilger begründeten dort im 14. Jahrhundert den Brauch, sich am Grab zu Rittern des Herrn schlagen zu lassen. Seine Struktur erhielt der Orden 1868 durch Papst Pius IX.

Wenn man sich die Liste der prominenten Mitglieder ansieht, erscheint der Orden gleichwohl etwas rechtslastig, auch wenn Voß das nicht akzeptieren will: „Das Wort ist ein politischer Begriff, der in einem katholischen Orden keine Bedeutung hat.” Immer mal wieder war der verschwiegene Orden in den Schlagzeilen und erschien dann nicht gerade in einem günstigen Licht. Kritiker sprachen von einem „katholischen Machtkartell” und einer „fünften Kolonne der römischen Kurie”, die für den Vatikan Geheimaufträge an der Grenze zur Legalität übernehme.

„Wir galten lange als Dunkelmänner”, räumt Voß ein. „Der weiße Mantel, das Jerusalemkreuz... 1993 hat es einen abschreckenden Fernsehfilm gegeben, der die ganze Ordensarbeit als mafiös hinstellte. Damals haben wir uns gedacht: Wir müssen stärker nach außen treten, wir müssen eine bessere Öffentlichkeitsarbeit machen, um diesen Missverständnissen vorzubeugen.”

Der Orden versteht sich noch immer als Elite, „aber nicht als Finanzelite”, wie Voß betont. „Wir nehmen nicht mehr nur Leute auf, weil sie vermögend sind. Elite sind wir in dem Sinne, dass wir versuchen wollen, gute Christen zu sein.” Mittellos darf man aber auch nicht gerade daherkommen. Die Ordensritter sprechen traditionell von einer „Verknüpfung von Geld und Geist”. Der Jahresbeitrag ist mit 380 Euro zwar niedriger als bei manchem Tennisclub, aber darüber hinaus werden Spenden erwartet, und das nicht zu knapp: „Es soll ein spürbares Opfer sein”, erläutert Voß.

Mit diesem Geld unterstützen die Ritter die kleine Minderheit der katholischen Christen im Heiligen Land. Zum überwiegenden Teil sind das Palästinenser, „die Gefahr laufen, zwischen den Mühlsteinen der politischen Kräfte zerrieben zu werden”, wie Voß es ausdrückt. Die Gelder gelangen über den Lateinischen Patriarchen in Jerusalem an christliche Einrichtungen wie Gemeindehäuser und Kirchen. Der Patriarch gehört zur katholischen Kirche.

Auf Missionierung sind die Ritter ausdrücklich nicht aus, es wird allerdings erwartet, dass sie immer mal wieder zu den heiligen Stätten pilgern. Voß war schon drei Mal in Israel. Es gibt ihm etwas, einen Ort zu betreten, an dem Jesus leibhaftig gewesen ist.

Voß ist der Präsident der Rheinisch-Westfälischen Ordensprovinz, die Nordrhein-Westfalen und einen Teil von Rheinland-Pfalz umfasst. Der deutsche Sitz des Ordens ist Köln. Insgesamt leben in Deutschland 1400 Mitglieder, Frauen stellen ein Fünftel davon. Der Altersdurchschnitt liegt bei 65 Jahren. Man kann sich nicht um eine Aufnahme bewerben - man wird gefragt. Eine Gegenstimme reicht schon aus, um die Aufnahme zu verhindern. Das letzte Wort hat der Großmeister des Ordens in Rom.

Voß selbst wurde 1993 zum Ritter geschlagen. Seine feierliche Aufnahme - die Investitur - im Kölner Dom war für ihn ein unvergesslicher Augenblick. „Man spricht das Ordensgelöbnis, dann kniet man vor dem Großmeister oder dem Großprior nieder, und mit dem Investiturschwert werden zum Ritterschlag die Schultern berührt.” Ein Ritual aus grauer Vorzeit. Sind diese Rittersleute die letzten Mohikaner? „Wir müssen feststellen, dass sich junge Leute nur noch ungern langfristig binden”, räumt Voß ein.

Und wer sich noch binden möchte, denkt wohl kaum in erster Linie an einen katholischen Ritterorden. Die Kirche trocknet aus - das sieht auch Voß so. Er tröstet sich mit dem Gedanken: „Die Kirche hat schon oft tiefe Krisen überstanden.” Eine Welt ohne Christen stellt er sich schlimm vor. Der Mensch als Maß aller Dinge, das ist laut Voß eine Vorstellung, die auch einem Ritter ohne Furcht und Tadel Angst machen kann.
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