Aachen - Die unsichtbare Gefahr in Shisha-Bars

Die unsichtbare Gefahr in Shisha-Bars

Von: Jürgen Lange und Christoph Pauli
Letzte Aktualisierung:
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Von wegen ungefährlich: Wenn sich in schlecht belüfteten Shisha-Bars das geruchslose Kohlenmonoxid ausbreitet, kann das für Besucher lebensgefährlich sein. Foto: dpa
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Viele Shisha-Bar-Betreiber halten sich nicht an die Spielregeln, sagt der Leiter des Aachener Ordnungsamtes, Detlev Fröhlke. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die nächste Razzia ist nur eine Frage der Zeit. Seit Monaten stehen Shisha-Bars in der Region im Fokus der Behörden. Die Kontrollabstände werden geringer. Fündig werden die Mitarbeiter von Ordnungsamt und Polizei fast immer, die Branche gilt in weiten Teilen als beratungsresistent. Dabei ist der Besuch einer Shisha-Bar zuweilen lebensgefährlich, wenn sich das geruchslose Kohlenmonoxid ausbreitet.

Die Zahl der Bars im Aachener Stadtgebiet lässt sich nur schätzen, auch das ist ein Phänomen. Elf Betreiber haben den Betrieb angemeldet, andere Schankwirtschaften entdecken die Wasserpfeife als zusätzliches Angebot. Detlev Fröhlke, der Leiter des Aachener Ordnungsamts geht von etwa 30 Bars alleine in Aachen aus. „In allen Großstädten wächst die Zahl“, sagt er.

Seit der Verschärfung des Nichtrauchergesetzes vor vier Jahren nimmt die Zahl der Betriebe zu, in denen Wasserpfeifen gereicht werden. In der Wasserpfeife wird meist Tabakersatz mit Fruchtaroma oder ähnlichen Geschmacksrichtungen geraucht. Der Rauch wird zunächst durch ein mit Wasser gefülltes Gefäß gezogen. Dadurch wird der Rauch gekühlt und Schwebstoffe sowie wasserlösliche Bestandteile werden teilweise herausgefiltert.

Die Kommunen haben wenig Handhabe, für die Betriebe braucht es keine Erlaubnis, sofern der Nichtraucherschutz eingehalten und kein Alkohol ausgeschenkt wird. Ein einfacher Gewerbeschein reicht schon. In Köln haben die Behörden den Konsum auch im öffentlichen Raum, zum Beispiel auf dem verdreckten Rheinboulevard, verboten. Die Notwendigkeit sieht Fröhlke in Aachen bislang nicht.

Betreiber halten sich nicht an die Spielregeln

„Das Problem ist nicht die Gesetzgebung, sondern das Verhalten vieler Betreiber, die sich nicht an die Spielregeln halten“, sagt er. Seit einem Jahr werden die Kontrollen intensiviert. Fündig werden die Ordnungskräfte fast immer. In „80 Prozent der Fälle“, sagt Fröhlke, stelle man fest, dass unversteuerter Tabak eingesetzt werde. Häufig werden die Shishaköpfchen aus einer Großpackung befüllt – verbotswidrig.

Auch das Hauptzollamt Aachen bestätigt, dass regelmäßig bei den Kontrollen unversteuerter Tabak gefunden wird. „Oft werden die Bestimmungen des Tabaksteuergesetzes nicht eingehalten. Selbst bei wiederholten Kontrollen in denselben Bars werden Verstöße festgestellt“, sagt die Sprecherin Elke Willsch.

Shisha-Bars öffnen fast wöchentlich in der Region. Nach Jahren des untätigen Beobachtens macht nun auch Stolberg seit zwei Jahren massiv Front gegen die Rauchstätten und Spielhallen. „Wir wollen sie nicht in unserer Stadt“, sagt Tim Grüttemeier ganz offen. Der Stolberger Bürgermeister gibt aber auch unumwunden zu: „Als Stadt haben wir keine Handhabe, Shisha-Bars zu verbieten.“ Städtebauliche Regelungen, die die Kommune vorgeben können, greifen nicht. „Als Stadt dürfen wir nur kontrollieren, ob die einschlägigen Vorschriften von Bauordnung, Brandschutz, Jugendschutz und Gastgewerbe eingehalten werden.“

Inzwischen gibt es für die zehn Bars in der Kupferstadt verfeinerte Vorschriften zu Hinweisschildern und Kohleanzündern. All dies wird regelmäßig kontrolliert. Und nach den Sommerferien plant die Verwaltung, dem Stadtrat ein Shisha-Verbot in der Öffentlichkeit vorzuschlagen.

In Aachen hat die Stadt seit dem vergangenen Jahr 10.000 Euro an Bußgeld verhängt, ein Gerichtsverfahren ist noch anhängig. Zwei Bars sind bereits langfristig geschlossen, auch weil baurechtliche Vorgaben ignoriert wurden. „Das ist eine Branche, die uns zunehmend Sorgen bereitet“, sagt Fröhlke. Bei der Staatsanwaltschaft Aachen gibt es derzeit zwei Verfahren in diesem Kontext.

Bei einem wurde ein Strafbefehl beantragt wegen eines Steuervergehens, da der Tabak keine Banderole trug. In einem anderen Fall hatte die Bar keinen Rauchabzug, „es kam zu einem Feuerwehreinsatz, 40 Gäste waren belastet. Letztlich habe sich, wie zu erwarten, keiner der Gäste gemeldet“, sagt Behördensprecherin Katja Schlenkermann-Pitts.

In die Bars kommen viele Immigranten, der Konsum ist eine Männerdomäne in diesem Kulturkreis. Aber der Trend hat längst Mitteleuropa erreicht. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rauchen 14 Prozent aller Jugendlichen mindestens einmal im Monat Wasserpfeife – und darunter sind dann auch viele weiblichen Konsumenten. Im letzten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung wird beschrieben, dass beim Konsum von E-Shishas (und E-Zigaretten) Aerosol wie beim Rauch inhaliert wird. „In ihm wurden auch geringe Mengen krebserzeugender Substanzen und giftige oder krebserzeugende Metalle nachgewiesen“, steht in dem Bericht.

Das Giftgas ist tückisch

Seit Anfang 2016 gibt es bei der Polizei in der Region das City-Konzept. Durch verstärkte Präsenz soll das subjektive Sicherheitsgefühl gestärkt werden. „Aber wir schauen auch, welche Leute sich in Spielhallen, Wettbüros oder eben Shisha-Bars aufhalten“, sagt Behördensprecher Paul Kemen. „Wir wollen die Szene dort aufhellen.“ Die Kontrolldichte hat zugenommen, im Schnitt besuchen die Polizisten zweimal im Monat die Wasserpfeifenlokale. Kemen verweist auf die Trennlinie. Dort die Bars, in denen sich junge Menschen verschiedener Kulturen treffen. „Auf der anderen Seite die Bars, bei denen sich ein polizeilich bekanntes Klientel aufhält. Bars, in denen bereits viele ordnungsrechtliche und zollrechtliche Verstöße festgestellt wurden.“

Die Ordnungs- und Rettungskräfte in Aachen sind seit Beginn des Jahres mit Messgeräten ausgestattet. Zunehmend werden die Etablissements kontrolliert. Der Grenzwert liegt bei 60 ppm, zeigen die Geräte diese erhöhte Kohlenmonoxid-Konzentration an, wird die Feuerwehr dazugeholt.

Regelmäßig landen die Opfer in der Druckkammer des HBO-Zentrums Euregio Aachen. Dort wurden nach dem Shisha-Genuss auch schon eine 13-Jährige behandelt, sagt Jacqueline Glaetzer, die administrative Leiterin des Zentrums. Für 18 Patienten, die eine Sisha-Bar besuchten, waren 49 Behandlungseinheiten in den vergangenen zwölf Monaten notwendig. Der Trend scheint gerade rückläufig zu sein. Glaetzer führt das auf die Gefahrenaufklärung und das Frühwarnsystem der Behörden zurück.

Das Kohlenmonoxid entsteht, wenn mit einem Art Holzkohlegrill der Tabak erwärmt wird. Die Holzkohle glimmt und verbrennt dabei unvollständig, so dass das geruchs- und geschmacklose Kohlenmonoxid entsteht. In arabischen Ländern wird bevorzugt in den Gassen oder bei offenem Fenster geraucht, in Mitteleuropa stehen die Wasserpfeifen auch gerne in geschlossenen Räumen. Das Giftgas ist tückisch, „weil keine Luftnot entsteht“, sagt Dr. Ullrich Siekmann, der ärztliche Leiter dieses Zentrums für hyperbare Sauerstofftherapie (HBO).

Schwindel und Übelkeit stellen sich ein, Leute werden bewusstlos, können an der Vergiftung sterben. Folgeschäden wie parkisonähnliche Schüttelattacken treten manchmal erst Monate später auf und werden mit der Vergiftung schon nicht mehr in Verbindung gebracht. Patienten mit einem hohen Kohlenmonoxidspiegel kommen in die Überdruckkammer, sie bekommen Sauerstoff in großen Mengen zugeführt. „Wir sollten zusätzlich zu den Rauchgasmeldern auch verbindlich Kohlenmonoxid-Melder vorschreiben“, sagt Siekmann.

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