Die tragische Einsicht: Suizide sind kaum zu verhindern

Von: pep
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Brücke
Alle Fußgängerbrücken durch Gitter zu sichern sei nicht möglich, sagt Bernd Löcher von Straßen.NRW. Symbolfoto: Uwe Zucchi dpa/lhe

Aachen. Der Suizid einer 80-Jährigen, die sich am Dienstag von der Fußgängerbrücke bei Aachen-Verlautenheide auf die Autobahn 544 stürzte und dabei einen 70-jährigen Autofahrer mit in den Tod riss, wühlt viele Menschen auf. Wut und Ohnmacht angesichts einer solchen Tat verbinden sich mit der Einsicht, dass sich Suizide letztlich, wenn Betroffene dazu entschlossen sind, kaum jemals verhindern lassen.

So sieht der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen (Straßen.NRW), der auch für die Fußgängerbrücke bei Verlautenheide zuständig ist, keine Möglichkeit, durch Sicherungsmaßnahmen an einzelnen Bauwerken derartige Selbsttötungen unmöglich zu machen; zumal es in der Nähe auch immer Alternativen gibt.

Seine Behörde sei „relativ häufig“ mit Suiziden konfrontiert, sagte am Mittwoch Bernd Löchter von Straßen.NRW auf Anfrage unserer Zeitung. Es gebe aber keine Statistik darüber; überhaupt gibt Straßen.NRW nur sehr zurückhaltend Auskünfte über solche Tragödien. Fest steht nur: Alle Brücken können nicht durch Gitter gesichert werden. „Das ist unmöglich“, sagt Löchter. Es gebe nur ganz wenige Ausnahmen wie die Ruhrtalbrücke bei Essen, die nach ihrer Eröffnung 1966 wiederholt Ort von Selbsttötungen war und vor vielen Jahren mit einem hohen Geländer gesichert wurde.

Dass am Dienstag in Aachen ein Großvater, der gerade über die A544 fuhr, dessen Frau und zwei Enkel im Wagen saßen und einen Schock erlitten, unschuldig und völlig unbeteiligt plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, darin liegt die besondere Tragik dieses Falles. Wie ist zu erklären, dass ein Mensch – bei aller Verzweiflung – dieses Grauen in Kauf nimmt?

„Auf andere Rücksicht zu nehmen, ist ein Sozialfaktor. Darüber verfügen Menschen, die zum Suizid entschlossen sind, nicht mehr“, sagt Frank Ertel unserer Zeitung. Der evangelische Pfarrer ist seit 1997 für die Telefonseelsorge in der Städteregion Aachen zuständig, die katholische und evangelische Kirche gemeinsam tragen.

Menschen, die zielstrebig auf einen Suizid zusteuern, fühlten sich in auswegloser Not und seien von Wut, Energie und Kraft getrieben. „Sie haben mit der Welt abgeschlossen“, sagt Ertel. „Das ist eine Selbstvernichtung“, die letztlich nicht zu verhindern sei – weder von Brücken herab, noch auf Eisenbahnschienen oder an anderen Orten. Wissend, wie aufwendig das wäre, plädiert Ertel trotzdem dafür, Bahnstrecken besser zu sichern. „Aber wir können die Welt natürlich nicht mit Zäunen und Brettern zustellen. Wer sich wirklich umbringen will, findet immer einen Weg.“

Ob Menschen, die den Suizid unbedingt wollen, klar denken können, sei umstritten. „Der Druck wird jedenfalls als so groß empfunden, dass man die absolute Lösung braucht. Eine Umkehrmöglichkeit wird nirgendwo erkannt. Die haben einen Tunnelblick; die Welt und die anderen Menschen sind ihnen egal.“

Wer wegen Suizid-Gedanken oder einer konkreten Absicht bei der Telefonseelsorge anruft, wolle zumindest darüber sprechen. Dort geht man sensibel auf die Betroffenen ein, versucht, ihnen Lösungen aufzuzeigen oder sie sogar mit der Notfallseelsorge in Kontakt zu bringen, wenn sie selbst bereit sind, ihre Anonymität aufzugeben. Drei hauptamtliche und 75 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich Tag und Nacht um die Anrufer.

Ab Dezember benötigt die Telefonseelsorge wieder neue Ehrenamtler. Wer Interesse an dieser Aufgabe hat, wird gebeten, sich zu melden – per E-Mail oder unter 0800/1110111 beziehungsweise 0800/1110222.

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