Die Suche nach dem verborgenen Aachen

Von: Jessica Küppers
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Archivarin Brigitte Drießen kümmert sich um die Standesamtsregister. Foto: Jessica Küppers
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Ein Glückstag im Aachener Stadtarchiv: Angelika Pauels, Archivarin freut sich über einen Nachlass aus Kornelimünster. Foto: Jessica Küppers

Aachen. Das riesige Tor fährt langsam hoch. Ein Kleinwagen setzt vorsichtig zurück und fährt an die Luke heran. Es ist bis unter die Decke beladen mit Kartons und Ordnern. Wer diesen Wagen auf der Straße gesehen hat, hätte vermuten können, dass es ein Umzugswagen ist – und so falsch ist das auch gar nicht.

Zumindest die Ordner, Fotos und Dokumente, die in den Kartons verstaut sind, bekommen ein neues zu Hause – im Aachener Stadtarchiv.

Für die Archivare in der alten Nadelfabrik am Reichsweg ist es ein Glückstag. Sie haben einen Nachlass in Kornelimünster abgeholt. Und der ist vermutlich historisch wertvoll. Vermutlich, weil man noch keine Einsicht in Akten und Ordner des Nachlasses nehmen konnte. Die Erben haben die Dokumente im Wohnhaus gefunden und sich selbst beim Archiv gemeldet.

Nachlässe per Lastwagen

So viel Glück wie in diesem Fall haben die Archivare aus Aachen selten. „Viele Angehörige werfen leider in ihrer Trauer solche Dinge weg, bevor wir sie prüfen können“, bedauert Archivarin Angelika Pauels. Sie arbeitet schon viele Jahre im Aachener Stadtarchiv und kennt jeden Gang, jede klemmende Tür, jedes Dokument in den Magazinen – fast wie zu Hause. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum sie sich sehr auf die Anlieferung des Nachlasses freut.

Über ein weiteres Rolltor am Hintereingang lassen sich auch große Nachlässe, die in Lastwagen transportiert werden, schnell und sicher ins Archiv bringen. Aber auch kleinere Vermächtnisse werden in einer großen Halle zunächst untergestellt, bis die Akten gesäubert, geprüft und sortiert werden können. Dass sie einen Nachlass komplett übernehmen können, passiert nur ein paar Mal im Jahr.

Das Erbe aus Kornelimünster zählt zu den Kleineren. Er besteht aus mehreren Ordnern, die in Kartons verpackt auf einem grauen Rollwagen hereingefahren werden. Sie wirken auf den ersten Blick recht unscheinbar.

Die Augen von Pauels beginnen jedoch schon beim Anblick des Wagens zu leuchten. „Wir wissen auch nicht immer, was wir in den Nachlässen finden“, sagt sie. Es sei jedes Mal unheimlich spannend, wenn man zum Entdecker werden dürfe. Behutsam greift sie nach dem ersten Ordner. Er ist schwarz und das Etikett schon ein wenig vergilbt. Liebevoll streicht sie darüber, bevor sie ihn aufschlägt. Während sie den Deckel anhebt, erklärt sie, dass metallische Stücke wie die Ringeinlagen und Büroklammern „Gift für die Dokumente“ seien.

Sie rosten und greifen oftmals das Papier an. Daher werde das Metall zu allererst entfernt. So wird es auch mit diesem Ordner sein. Zum Schutz der Seiten wurden Klarsichtfolien genutzt. Beim ersten Durchblättern findet Pauels viele alte Fotos vom Philips-Gelände. Es war der Arbeitsplatz des Toten. „Sowas fehlt uns noch“, sagt die Archivarin zufrieden. Von der Stadt bekomme das Archiv viele Verwaltungsakten. Von großen Firmen sei bislang nur wenig Material da. Lächelnd klappt sie den Ordner zu und zieht den nächsten heraus.

Darin sind Bilder und Texte zu sehen, die die politische Entwicklung Kornelimünsters dokumentieren. Auch Zeitungsausschnitte von Geschehnissen, die offenbar nach Ansicht des Sammlers von besonderer Bedeutung waren, sind dabei – feinsäuberlich ausgeschnitten und nach Datum abgeheftet.

Damit die Akten der Öffentlichkeit und nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden können, werden sie zunächst von Metallteilen und Staub befreit. Dazu nutzen die Archivare verschiedene Pinsel, die auch kleinste Staubkörner wegfegen. Bislang haben zehn Regalkilometer Urkunden, Akten, Karten und Fotos ihren Weg in das Archiv gefunden. Bei Bedarf werden die einzelnen Dokumente vorher in der Restaurierungswerkstatt ausgebessert und gegebenenfalls digitalisiert. Das sind vor allem Stammbücher, weil sie besonders häufig nachgefragt werden. Andere Dokumente werden archiviert und in den Magazinen einsortiert.

Diese großen, grauen Schränke mit flachen Schubfächern lassen sich mittels eines Hebels verschieben. Obwohl darin zahlreiche Akten lagern, ist zum Verschieben keine Muskelkraft mehr gefragt. Stolz präsentiert Pauels die Technik, die ihr im Alltag das Leben erheblich einfacher macht. Was jedoch gewöhnungsbedürftig ist, ist das Klima in den Räumen.

Damit die Akten geschont werden und möglichst lange haltbar sind, lagern sie in absoluter Dunkelheit bei etwa 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ein Klima, das sofort auf die Lungen schlägt. Das Atmen fällt schwerer. In der Luft liegt ein abgestandener Geruch. Früher habe man es mit dem optimalen Klima nicht so genau genommen, erklärt Angelika Pauels. Die Dokumente waren bei Tageslicht einzusehen. Dadurch sind aber viele Schriftstücke stark angegriffen worden.

Ein Dokument, das schon im alten Stadtarchiv bei Tageslicht untergebracht war, ist eine Urkunde aus dem Jahr 1018. Sie ist das älteste Dokument im Archiv und der Aachener Stadtgeschichte. Das braune, schwere Siegel hält nicht mehr. Wo es einst aufgedrückt wurde, ist auf dem Papier aber noch deutlich sichtbar. Ebenso sind Knicke gut zu erkennen. „Früher wurde dieses Dokument mit dem Pferd transportiert und musste in die Satteltasche passen“, erklärt Pauels die Herkunft der Falten.

Neben diesem wertvollen Einzelstück gibt es im Archiv viele Zeitungen, eine beachtliche Sammlung an Plakaten, 110.000 Fotos und zahlreiche Stammbücher. Letztere würden immer häufiger nachgefragt, sagt Archivleiter René Rohrkamp. Das liegt daran, dass viele ihre Familiengeschichte rekonstruieren wollen. Damit die Archivare in den riesigen Magazinen fündig werden können, brauchen sie den Familiennamen und eine grobe Zeitangabe, wann das Familienmitglied gelebt hat. Dann schlagen sie in Taufbüchern, Stammbäumen und Heiratsurkunden nach. Manchmal lässt sich so sogar herausfinden, in welchen Aachener Häusern die Familie einst gelebt hat, weil in einigen Stammbäumen Adressen hinterlegt wurden, die dann mit der Fotosammlung abgeglichen werden können.

Immer jüngeres Klientel

Durch diese Familienforschung, die auch viele junge Menschen interessiert, verjüngt sich mit der Zeit das Klientel des Archivs. „So können wir auch jungen Menschen zeigen, dass moderne Archivarbeit nicht nur mit Aktenstaub zu tun hat“, erklärt Rohrkamp. Und vielleicht etabliert sich durch die junge Generation im Laufe der Jahre ein Selbstverständnis fürs Archiv, so dass Nachlässe wie der aus Kornelimünster bald häufiger den Weg ins Archiv finden und auf diese Weise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.

Das Aachener Stadtarchiv ist für Besucher immer dienstags von 13 bis 17 Uhr, mittwochs von 9 bis 17 Uhr und donnerstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet. Das Stadtarchiv ist in der alten Nadelfabrik, Reichsweg 30, in Aachen zu finden.

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