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Die Stunde des Urgesteins: Béla Réthy kommentiert CL-Finale

Von: Von Jürgen Winzer
Letzte Aktualisierung:
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Béla Réthy arbeitet seit 1979 für das ZDF, seit 1991 als Live-Fußballkommentator. Foto: Stock/Camera4, ZDF/Jürgen Detmers, ZDF/Sascha Baumann

Region. Mit dem Zweiten hört man besser – wenn Béla Réthy das macht, was ihm Beruf und Berufung ist: Fußballspiele kommentieren. Jetzt, da die Fußball Champions League mit dem Start ins Achtelfinale in die heiße Phase geht, schlägt wieder einmal die Stunde des 59-jährigen ZDF-Urgesteins.

Réthy, seit 1979 in treuen Diensten der Mainzer, kommentiert am Mittwoch, 17. Februar, nicht nur das erste Achtelfinalspiel mit deutscher Beteiligung, die Partie des VfL Wolfsburg beim belgischen Meister KAA Gent. Die Fußball-Nummer-eins des ZDF wird auch am 28. Mai im Giuseppe-Meazza-Stadion sitzen und aus dem legendären San Siro live vom Endspiel berichten. Es wird nach zwei WM- und drei EM-Final-Einsätzen Réthys erstes Endspiel der Königsklasse der Vereinswettbewerbe sein. Vielleicht ja mit deutscher Beteiligung? Im Interview sagt Réthy: „Ich traue den Bayern den CL-Sieg zu.“

Endlich wieder Fußball auf internationaler Bühne! Die Champions League geht in die heiße Phase. Sie übertragen das erste Achtelfinalspiel mit deutscher Beteiligung, KAA Gent gegen VfL Wolfsburg. Wie weit, glauben Sie, kann der Weg des VfL führen?

Béla Réthy: Ich finde es schon mal sehr bemerkenswert, dass die Wolfsburger in ihrer Vorrundengruppe sogar Gruppensieger wurden und Manchester United in die Europa League geschickt haben. Jetzt hat man fürs Achtelfinale Gent zugelost bekommen. Das ist der leichteste Gegner, da muss man nicht drumherum reden. Man kann sich tatsächlich ausmalen, dass der VfL Wolfsburg plötzlich im Viertelfinale der Champions League steht. Und das ist schon mal eine Hausnummer! Viel weiter wird es dann wohl nicht gehen, aber es ist bereits jetzt der größte Erfolg der Vereinsgeschichte auf internationalem Terrain.

Aus Belgien stammt ein Teil der Attentäter, die am 13. November mit den Terroranschlägen – unter anderem vor dem Stade de France in Paris Saint-Denis – auch die Welt des Fußballs verändert haben. Spielt jetzt im Fußball auch für Sie die Angst mit?

Réthy: Ich habe das Spiel in Paris damals vor dem Fernseher erlebt und war genauso geschockt wie jeder andere. Ich war dann drei Wochen später selbst in Paris bei der EM-Auslosung und habe da eine blühende, lustige, positive Stadt erlebt, die sich vom Terror nicht beeindrucken lässt – diese Haltung finde ich gut. Ansonsten gilt: Man kann immer zum falschen Moment am falschen Ort sein. Es ist schlimm, dass es nun auch den Fußball getroffen hat, aber mittlerweile kann weltweit jeder Bahnhof, jeder Flughafen, jede Innenstadt betroffen sein, weil die Massenmörder überall unterwegs sein können. Ich werde mir davon aber mein Leben und meinen Job nicht kaputt machen lassen, auch wenn so eine Tragödie immer im Hinterkopf bleibt. Doch letztlich ist es wichtig, normal weiterzuleben, auch um die Absichten der Terroristen zu vereiteln: Sie wollen ja Angst und Furcht bei uns erreichen.

Es gibt noch viel mehr, nicht so tragische, aber bestürzende Faktoren, die die Fußball-Romantik stören ...

Réthy: Ja, offenbar soll die WM 2006, das „Sommermärchen“, auf nicht ganz legalem Wege in Deutschland gelandet sein. Was, wie ich mal zu behaupten wage, für die meisten großen Turniere gilt. Das ist moralisch nicht in Ordnung und wirft einen Schatten auf den Fußball. Aber im Prinzip werden jetzt Dinge ganz oder halbwegs nachgewiesen, die jeder irgendwie auch geahnt hat. Das Turnier selbst aber wird unwiderlegbar großartig bleiben. Diese vier Wochen damals in Deutschland, wie auch immer sie zustande gekommen sein mögen, sind fantastisch gewesen, beste Werbung für das Land, für den Fußball, großartige Atmosphäre, schöne Spiele. Und das kann man im Nachhinein auch nicht kaputt machen.

Aber am Image des sauberen Fußballs wird ja, wenn man die FIFA-Skandale anschaut, nicht mehr nur gekratzt, sondern es wird mit dem groben Hobel großflächig abgespachtelt.

Réthy: Das stimmt, aber ich bin am Ende des Tages zunächst mal Live-Kommentator für den Sport, nicht für die Funktionäre. Und wenn da elf gegen elf spielen, die hoffentlich nicht bestochen sind, sondern ihr Bestes geben, dann ist das begeisternd. Wenn ich da bei der EM Ibrahimovic sehen kann oder Ronaldo, Thomas Müller, Toni Kroos, wie die spielen, kämpfen und siegen, für ihren Sport, dann kann ich mich für 90 Minuten von dem, was die Funktionäre im Hintergrund anrichten, ganz gut frei machen.

Aber die Illusion vom schönen, sauberen, reinen Fußball ist dennoch perdu?

Réthy: Ach, diese Illusion, der wirklich viele nachhängen, die hatte ich nie. Dass Fußballspiele verschoben werden, ist keine Erfindung der Neuzeit. Das passierte schon in den 60er- und 70er- Jahren. Aber es gab damals eben nur begrenzte Möglichkeiten der öffentlichen Aufklärung. Diese romantisch verklärte „gute alte Zeit“ gab es so nicht.

Ihre Bilanz bei Turnierendspielen mit deutscher Beteiligung steht 1:1. Würden Sie die gerne aufbessern?

Réthy: Das hätte ich sehr gerne getan, aber die ARD überträgt das EM-Endspiel. Ich kommentiere im Mai das Champions League-Endspiel in Mailand.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Sie den FC Bayern München zum Sieg kommentieren dürfen?

Réthy: Vielleicht gibt es da eine kleine Parallele zu Jupp Heynckes bei dem stand ja 2013 auch fest, dass er aufhören würde. Und dann haben die Bayern das Triple geholt. Die Mannschaft halte ich schon für so gut, dass sie Pep Guardiola ein besonderes Abschiedsgeschenk machen will.

Sind sie als Fan Anhänger eines Vereins?

Réthy: Ich bin da ein wenig gespalten. Mein Fußballerleben hat als Jugendlicher bei Eintracht Frankfurt, zu den großen Zeiten von Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein, angefangen. Da war ich permanent im Waldstadion. Von daher habe ich auf die Eintracht immer einen besonderen Blick. Durch die lokale Nähe zu Mainz 05 habe ich dann deren Manager Christian Heidel gut kennengelernt, Jürgen Klopp noch als Spieler und Präsident Harald Strutz. Wie die ihre Vision „Einmal Bundesliga spielen!“ mit wenig Geld, aber viel Idealismus und Liebe verwirklicht haben, finde ich sehr sympathisch. Das heißt, ich sympathisiere auch mit Mainz. Ich weiß, das ist, als wäre einer gleichzeitig Fan von Schalke 04 und Borussia Dortmund, aber beim Fan-Sein treibt der Fußball die sonderbarsten Blüten. Man kann sich das ja nicht aussuchen. Man wird Fan. Und dann ist man‘s halt. Ich muss nicht einen Verein hassen, nur weil ich einen anderen liebe. Dieses hässliche Wort Hass hat ohnehin heutzutage eine viel zu hohe Konjunktur.

Wie auch Kritik an Fußball-Kommentatoren, die vor allem im Internet gerne weit unterhalb der Gürtellinie landet. Ein Anti-Béla-Réthy-Facebook-Portal hat 10.588 Follower ...

Réthy: Was ich für recht wenig halte, wenn man bedenkt, dass ich schon vor 32 Millionen kommentiert habe ... (lacht)

Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?

Réthy: Gelassen. Die Entwicklung in den Sozialen Medien ist gesamtgesellschaftlich gesehen sehr bedenklich. Man muss sich auch davor hüten, solche wüsten Beschimpfungen als repräsentativ zu betrachten. Das sind die Möglichkeiten aus dem dunklen Keller, die solche Menschen haben. Ich habe damit eher ein intellektuelles Problem, weil ich in meiner Sozialisierung gelernt habe, dass man den Leuten in die Augen schaut, Argumente austauscht und miteinander spricht und man Kritik begegnen kann. Ich habe für mich beschlossen, diesen Leuten, die eher auf Beleidigung aus sind als auf Kritik, nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Die haben sie nicht verdient.

Viele Ihrer Kollegen haben im Laufe der Zeit Sender oder gar Genres gewechselt, Bücher geschrieben, Quiz- oder Talkshows gemacht. Sie sind „Urgestein“ des ZDF, seit 1979 beim Sender. Keine späte Lust auf „Auf zu neuen Ufern“?

Réthy: Das hab‘ ich eigentlich nicht vor. Das ZDF und das, was ich tue, ist für mich ein großes Stück Heimat. Ich kenne beim hier jeden Pförtner, jeden Kantinenwirt, und der Kabelträger ist für mich genauso ein Kollege wie der Intendant. Dieses familiäre Umfeld ist mir unheimlich wichtig.

Sie haben einmal als Kommentatoren-Traum formuliert: „Einmal Maracanã-Stadion, vor 150.000 Fans, Brasilien – Deutschland!“ Es wurde „nur“ Belo Horizonte, es waren nur knapp 60.000 Fans, aber es war das 7:1 bei der WM 2014 von Deutschland gegen Brasilien. Kann‘s da noch mehr geben?

Réthy: Also normalerweise müsste man schon sagen: „Das war‘s!“ Aber ich habe einfach zu viel Spaß an dem Job. Außerdem war das 7:1 gar kein so tolles Erlebnis für mich als Kommentator.

Warum das?

Réthy: Es war ein einmaliges, ein sensationelles Spiel, ein historisches. Viele sagen auch, es sei eine tolle Reportage gewesen, die sich viele immer noch und immer wieder auf Youtube anschauen. Aber für mich war das sehr schwierig. Vor dem Spiel geht man ja so verschiedene Szenarien durch, dann teilt sich die Welt meistens innerhalb einer Minute in Gut und Böse. Und oft erst in der 120. Minute. Aber bei uns stand es nach 29 Minuten 5:0! Doch ich hatte noch eine Stunde zu erzählen, obwohl eigentlich alles analysiert und die Emotionen benannt waren. Der Druck, der auf den Brasilianern lastete, war geschildert, die taktische Meisterleistung der Deutschen auch. Es war ein Klassespiel, ein Erlebnis, aber keine einfache Reportage. Man kann da auch nicht eine Stunde Mitleid mit Brasilien haben. Wer Fußball gespielt hat, weiß, dass Mitleid im Fußball keiner gebrauchen kann.

Haben Sie selbst aktiv gespielt?

Réthy: Ja, aber auf unterster Ebene, das ist fast nicht der Erwähnung wert. Aber ich habe gespielt und weiß, wie es auf dem Platz und in der Kabine zugeht. Doch ich habe dann mit 24 Jahren meine aktive Karriere beendet und die als Begleiter des großen Fußballs forciert.

Zum Schluss noch zwei Prophezeiungen, bitte. Wer gewinnt die Champions League?

Réthy: Bayern München.

Und wer wird Europameister?

Réthy: Ich tippe auf ein Endspiel Frankreich gegen Deutschland.

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