Die seltsame Reisegruppe aus Irland

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
Düren Tinker
Ein gefüllter Annakirmesplatz ist keine Seltenheit, am Mittwoch war es aber anders: Irische Landfahrer besetzten mit rund 100 Wohnmobilen und Gespannen sowie etwa 50 weiteren (Sport-)Wagen das Gelände, weil sie ihre Quartiere am Rhein zuvor verlassen mussten. Foto: Carsten Rose

Düren/Kevelaer. Die seltsamen Nachrichten begannen am Wochenende, die „Rheinische Post“ überschrieb einen Artikel mit der Überschrift: „Auf diese Pilger würde Kevelaer am liebsten verzichten“. Die Rede war von einer irischen Reisegruppe mit Hunderten Mitgliedern in Wohnwagen und Wohnmobilen, die in der Stadt durch, nun ja, wenig zivilisiertes Auftreten aufgefallen waren.

Die Gruppe wurde weggeschickt, wildes Campen ist in ganz Deutschland verboten. Sie zog weiter nach Düsseldorf, wurde auch dort weggeschickt, und traf am Mittwoch in Düren am Annakirmesplatz ein. Polierte Sportwagen, neuwertige SUV, schicke Wohnmobile: Wer sind die Menschen?

Einige Antworten kann Dominik Pichler (SPD) geben, er ist Bürgermeister von Kevelaer. Dort ist die Wohnwagen-Kolonne bekannt. Sie besteht aus katholischen Iren, die als Landfahrer, Wanderarbeiter, Pavee und „Tinker“ (deutsch: Kesselflicker) bezeichnet werden und im Sommer durch Europa reisen. In Kevelaer, der rund 28 000 Einwohner großen Stadt im Kreis Kleve, sind sie jährlich zu Besuch, sie ist ein Wallfahrtsort.

Dieses Jahr, sagt Pichler, war es aber anders als sonst. So viele Iren habe er noch nicht in der Stadt gesehen. „Es waren sonst vielleicht 20 bis 25 Gespanne, die auch leicht unterzubringen waren“, sagt Pichler. Dieses Jahr waren es bis zu 150 Wohnwagen und Wohnmobile. Außerdem sei die Gruppe unangekündigt und vergleichsweise früh gekommen, denn eigentlich ist Mariä Himmelfahrt am 15. August der Grund, warum die Iren im für sie heiligen Kevelaer aufschlagen. „Sie haben vergangene Woche eine Hochzeit abgehalten und sich ansonsten an die Regeln gehalten“, sagt Pichler.

Den irischen Landfahrern eilt ein schlechter Ruf voraus. Das mag daran liegen, dass fahrende Volksgruppen gesellschaftlich keinen guten Stand haben und jüngst eben mehrfach unter Polizeiaufsicht ihren Standort wechseln mussten – ohne ihren Müll mitzunehmen. Dass es sich bei der Gruppe um eine kriminelle Bande handele, macht gerade in den Sozialen Netzwerken die Runde, Pichler hat Facebook aktuell intensiver als sonst im Auge. Deswegen sagt er: „Dafür, dass es sich um organisierte Kriminalität handeln soll, haben wir viel zu wenige Strafanzeigen vorliegen.“

Michael Ermers, Sprecher der Polizei Kleve, kann das erläutern. Anzeigen, die in den vergangenen sieben Tagen bezüglich der Reisenden eingegangen sind: zwei. So steht im Einsatzprotokoll, dass am 4. August gegen 17 Uhr fünf Frauen und zehn Kinder für Argwohn in einem Café gesorgt haben. „Die Gäste haben die Toiletten verschmutzt und Deko beschädigt.“ Außerdem hätten sie etwas geklaut: ein Schild am Ausgang.

Am Mittwoch gegen 12.50 Uhr wurde eine Autofahrerin angehalten, die keinen gültigen Führerschein für ihr Gespann besaß. „In der Vergangenheit war es auch nicht dramatisch. Es ist mal vorgekommen, dass Personen der Gruppe ihre Zeche nicht gezahlt haben. Deswegen hatten manche Kneipen nun aus Vorsicht geschlossen.“

Anzeige wegen versuchten Betruges sind laut Ermers nicht eingegangen. Das war 2013 in Aachen und Herzogenrath anders. Damals hatte die Polizei nach einigen Hinweisen vor einer Gruppe irischer Wanderarbeit gewarnt. Bürgermeister Pichler, der nach zehn Jahren als Strafverteidiger mit der Justiz vertraut ist, fasst das Auftreten der irischen Gäste so zusammen: „Es liegen Ordnungswidrigkeiten im unterschwelligen Bereich vor, der Unmut der Bevölkerung war groß, weil sich manche nicht an die Verkehrsregeln gehalten haben oder weil die Gruppe zu laut war.“ Laut Pichlers Definition von Toleranz, müsse man das Verhalten der Gruppe zwar nicht gutheißen, aber „aushalten“.

Dass die Landfahrer Kevelaer nach einer Woche verlassen mussten, hatte folgenden Grund: Am Samstag ist Kevelaer Schauplatz einer großen Tamilen-Wallfahrt. „Wir erwarten bis zu 15.000 Menschen, dafür brauchen wir Platz. Das haben die Iren auch akzeptiert“, sagt Pichler und fügt an: „Wenn die Gruppe nächste Woche wiederkommt, ist sie herzlich willkommen. Wir wissen dann, wie wir es handhaben.“

Das LKA ist eingeschaltet

Dennoch macht es stutzig, dass eine Reisegruppe, die sich in Kevelaer, Düsseldorf, Düren und in Hürth auffallend unzivilisiert verhält und einfache Handwerksarbeiten anbietet, in Autos unterwegs ist, die zum Teil mehr als 100.000 Euro kosten. Wie die Mitglieder an das Geld kommen, ist letztlich unklar. Das Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf erklärte am Donnerstag auf Anfrage unserer Zeitung, man habe „die Gruppe im Blick“. Nach Erkenntnissen des LKA bestehe die Reisegruppe aus mehreren Familienclans. In welchem Verhältnis die Clans zueinander stehen, sei nicht bekannt.

Die Dürener Polizei erklärte, dass ein betrunkener Ire am Donnerstag, also knapp einen Tag, nachdem die irische Reisegruppe Düren wieder verlassen hatte, vor einer Polizeikontrolle geflohen war. Auf der Flucht verursachte er einen Unfall mit einem Streifenwagen. Der Fahrer, ein 18-jähriger Ire, hatte 1,8 Promille Alkohol um Blut – vormittags um 10.50 Uhr. Er war in Begleitung eines 20-Jährigen und einer 18 Jahre alten Frau, beide Iren. Ob die drei zu der irischen Reisegruppe auf dem Annakirmesplatz gehören, konnte die Polizei am Donnerstag allerdings noch nicht mit Sicherheit bestätigen.

Von Düren aus war die Reisegruppe am Mittwochabend nach Hürth gefahren, wo sie einen Sport- mit angrenzendem Parkplatz besetzte. Die Stadt Hürth erteilte der Gruppe wegen widerrechtlichen Campens einen Platzverweis. Von Hürth aus fuhr der Tross nach Wipperfürth – wo er aber auch nicht bleiben durfte.

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