Die Seele der RWTH wäre ohne Drittmittel eine andere

Von: Thorsten Karbach
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Es kommt bei Drittmitteln auf die Mischung an: Das betont RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Die RWTH Aachen ist in Sachen Drittmittelforschung die Nummer 1 im Land. 393,7 Millionen Euro Drittmittel konnte die Hochschule 2014 akquirieren, davon 94,4 Millionen Euro aus der Industrie. Und genau diese Indus-trieforschung steht immer wieder in der Kritik. RWTH-Kanzler Manfred Nettekoven bezieht im Interview mit unserer Zeitung Stellung.

Welche Bedeutung hat Drittmittelforschung für die RWTH Aachen?

Nettekoven: Historisch betrachtet war Drittmittelforschung immer schon ein Ausweis der Leistungsfähigkeit dieser Hochschule. Mittlerweile steht sie neben der Frage, wie viele wissenschaftliche Papers aus der Hochschule hervorgehen, an gleicher Stelle in Sachen Bedeutung.

Eine weitere relevante Fragestellung ist, wie wir in der Grundlagenforschung aufgestellt sind. Wir erheben im Rahmen der Exzellenz-Initiative den Anspruch, die Naturwissenschaften zu stärken, weil auch für die technischen Fächer relevante Innovation aus den naturwissenschaftlich-mathematischen Grundlagen kommt.

Dennoch haben wir natürlich einen gewaltigen Anstieg bei den Drittmitteln. Von 1975 bis 2013 haben sich die Drittmittel vermehrfacht. Allein in meiner letzten Amtszeit hat sich deren Höhe verdoppelt.

Wie ist das zu erklären?

Nettekoven: Das hat nicht allein mit dieser Hochschule zu tun. Das hat auch damit zu tun, dass Innovation für unser Land wichtiger geworden ist. Viele technische Hochschulen haben daher einen guten Lauf, vielleicht hat die RWTH zusammen mit der TU München einen der besten. Ich glaube dennoch, dass im Bewusstsein der Hochschule verankert ist, dass Drittmittel nicht der einzige Indikator für unsere Leistungsfähigkeit sind. Für die Finanzierung der RWTH insgesamt sind mehrere Einkommensquellen notwendig. Unser Weg hat positive Auswirkungen, auch in der Lehre. Wir sind gut beraten, eine Qualität anzubieten, die uns auch in der Lehre im Wettstreit der Hochschulen auszeichnet. Diese Qualität besteht unter anderem darin, dass unsere Absolventen ein hohes Maß an methodischer und dem neuesten Stand der Wissenschaft entsprechender Berufsvorbereitung erfahren und dass sie bei uns sehr relevante Themen bearbeitet haben.

Sind Drittmittel für Sie also grundsätzlich positiv?

Nettekoven: Grundsätzlich ja. Aber wir müssen unser Augenmerk auf das Verhältnis von Grundfinanzierung und Drittmitteln legen. Im Gesamthaushalt der Hochschule sind fast drei Viertel der Mittel befristet. Das hat nicht allein mit den Erfolgen in der Forschungsförderung zu tun. Im Moment gibt es auch viele öffentliche Mittel, die befristet für die Aufnahme zusätzlicher Studierender im Rahmen des doppelten Abiturjahrgang gewährt werden. Das allein sind derzeit 63 Millionen Euro.

Der Grundhaushalt ist aber inflationsbereinigt im Grunde der gleiche wie vor zehn Jahren. Und es ist zu befürchten, dass die Schuldenbremse unsere Finanzierung weiter verkomplizieren wird. Wir müssen uns auf diese Situation einstellen, konstruktiv mit ihr umgehen und schauen, welche Finanzquellen für uns hilfreich sind, um die Themen dieser Hochschule erfolgreich zu bearbeiten.

Wie einfach fällt diese Akquise?

Nettekoven: Das ist sehr unterschiedlich. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gibt es die Faustregel, dass nur einer von drei Anträgen erfolgreich ist. Bei Sonderforschungsbereichen und Graduiertenkollegs ist das Verhältnis jedenfalls nicht besser. Es ist also bei weitem nicht jeder Antrag erfolgreich. Es hilft eine Mischung aus vorzeigbaren Leistungen und Überzeugungskraft, die auch in Originalität stecken kann – nicht allein in Solidität.

Eine große Erfolgsbilanz ist immer sehr hilfreich, so ist etwa das Werkzeugmaschinenlabor der RWTH wahrscheinlich für viele Forschungsfragen der Standort in Deutschland. Aber Diskurse verändern sich. Daneben stellen sich populäre Blockbuster-Themen in der Forschung. Wir haben den Anspruch, diese Themen mit dem Profil der Hochschule zusammenzubringen und auch in diesen Bereichen ein nachhaltiges Angebot zu schaffen.

Wir versuchen das in der Weise zu organisieren, dass die wichtigsten Profilbereiche der Hochschule Roadmaps erstellen, die erkennen lassen, wie diese ihre weitere Entwicklung sehen. Natürlich gilt es dabei auch, Fördermöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wir könnten allein aus unserem Grundhaushalt solche national und international sichtbaren Profile nicht entwickeln. Häufig gibt es übrigens auch in diesen Profilen eine Mischung aus staatlich finanzierter Forschung und Industrieforschung, die sich sehr gut ergänzt.

Es wird also frühzeitig eruiert, wo wichtige Forschungsfragen wie gefördert werden können?

Nettekoven: Der Primat muss bei der Wissenschaft sein. Die Blockbuster-Themen spielen nur eine von mehreren Rollen. Häufig eine grundlegende. Zum Beispiel beim Thema Gesundheit. Da geht es jetzt sehr um das Thema „alternde Gesellschaft“. Wir wachsen inzwischen in Krankheitsbilder hinein, die wir aufgrund von Organversagen an anderer Stelle früher nicht erreicht haben.

Es ist also alles andere als peripher, etwa das menschliche Gehirn näher zu erforschen und sich der Frage zu stellen, wie Alzheimer und Parkinson bekämpft werden können. Und dennoch hat Wissenschaft ihre eigenen Regeln. Häufig ist Forschung auch eine Odyssee. Die Frage kann wichtiger sein, als die Antwort.

Was würde es ohne Drittmittelforschung an der RWTH nicht geben?

Nettekoven: Die Seele der RWTH Aachen wäre eine andere, wenn wir nur von den staatlichen Zuschüssen bestehen müssten. Wir könnten viele Themen nicht bewegen. Die Tatsache, dass etwa unsere „Automobiler“ sich um Fragen kümmern, die dann auch tatsächlich für die deutsche und internationale Automobilindustrie relevant sind, geht nicht ohne Verbindungen und gemeinsame Verträge mit der Industrie.

Umgekehrt wäre vielleicht auch BMW nicht derselbe Autobauer, wenn dort nicht mit Hochschulen geforscht werden würde. Die Unabhängigkeit, sich mit Fragestellungen auseinanderzusetzen, bleibt elementar. Zwei Drittel unserer Drittmittel sind öffentliche Drittmittel, die in einem Wettbewerb der EU, der DFG oder des BMBF erworben worden sind.

Da haben wir mal gewonnen, mal nicht. Die Reputation des Forschers hängt davon ab, solche Wettbewerbe zu gewinnen. Der Wettstreit der Gedanken, das ist es, was die Wissenschaften ausmacht, und dem dürfen wir uns nicht verweigern. Wenn wir den nicht mehr hätten, wäre die Hochschule auch eine andere.

Wie unterscheiden sich die Ansprüche an Drittmittelforschung, wenn sie von der öffentlichen Hand oder aus der Industrie finanziert wird?

Nettekoven: Es gab mal eine Plattitüde eines Professors, der sagt: Wenn ein Projekt von der DFG gefördert wird, dann liegt die schwierigste Zeit hinter uns, wir haben das Geld, und alles ist gut. Wenn dagegen Industriegelder eingeworben wurden, dann wird es erst richtig spannend, wenn das Geld da ist.

Denn die Kunden wollen Ergebnisse sehen. Ein Vertrag ist immer ein Leistungs-Gegenleistungs-Verhältnis. Es ist gut, wenn eine Hochschule beides hat. Sie will im Wettstreit der Ideen die beste sein, und gleichzeitig muss sie ganz trivial auch in einer bestimmten Zeit Ergebnisse liefern können.

Wird Industrieforschung wichtiger?

Nettekoven: Die Frage, wie weit die Industrie forscht, ist abhängig von Durchbrüchen in der Grundlagenforschung – und von der Konjunktur. Wie geht es der Automobilindustrie in Deutschland? Wenn die weniger Erträge hat, kann sie auch weniger forschen. Die Konjunktur ist derzeit ganz gut.

Und im Moment haben wir die Erkenntnis, dass es jedenfalls eine Kraftstoffdiversifizierung braucht, höchstwahrscheinlich auch eine Elektrifizierung, möglicherweise sogar eine reine Elektrifizierung. Ich bin kein Experte, nur Zeuge von zum Teil sehr unterschiedlichen „Glaubensbekenntnissen“.

Egal, welche Richtung sich am Ende durchsetzen wird, Mobilität wird sich verändern, sie wird sicherer und ökologischer. Ich persönlich finde diese Zukunftsperspektive gut.

Wo sind für Sie die Grenzen bei einem industriellen Drittmittelprojekt?

Nettekoven: Das ist abhängig von der Position der Universität. In Aachen haben wir einen guten Ruf gegenüber der Industrie. Wie haben unter anderem einen Siemens-Sonderbereich und das Eon Energy Research Center. Solche Vorhaben sind sehr interessant, vielleicht noch spannender als Stiftungsprofessuren.

Aber auch diese sind große Belege für Vertrauen in uns, zum Teil von großen, börsennotierten Unternehmen. Es gibt bei diesen großen Projekten und Industrie-geförderten Instituten ein sehr hohes Maß an Freiheit; vergleichbar mit einer Förderung durch die DFG. Siemens hat zum Beispiel solche Forschungsbereiche nach dem Vorbild von Sonderforschungsbereichen bei uns eingerichtet.

Mein Gefühl ist: Das muss man sich über eine längere Zeit erarbeiten. Wenn es kommt, ist es eine Auszeichnung, auch im Kontext der anderen technischen Hochschulen in Deutschland. Bei den reinen Contracts, also der Vertragsforschung, geht es ebenfalls um gegenseitiges Vertrauen, verbunden mit der bereits angesprochenen Fähigkeit, in der vorgesehenen Zeit auch Ergebnisse beibringen zu können.

Von daher ist die Frage nicht so leicht zu beantworten, wo die Limitierung der Industrieforschung ist. Hinsichtlich der neueren Entwicklungen brauchen wir neben dem Vertrauen aber auch die Souveränität, uns auf erkennbare Veränderungen einzustellen.

Bei welchen Branchen sind für Sie Grenzen der Auftragsforschung?

Nettekoven: Die Grenzen der Auftragsforschung sind für die RWTH in mehreren Regularien festgelegt, zu diesen gehört etwa der sogenannte Code of Conduct und in Zukunft auch die Grundordnung der RWTH, die sich zum Thema „Friedens- und Nachhaltigkeitsverpflichtung“ der Hochschule äußert.

Die Intention ist, angesichts der Wissenschaftsfreiheit jedem und jeder einzelnen Forschenden der Hochschule aufzuerlegen, dafür zu sorgen, dass die friedliche Nutzung ihrer Forschungsergebnisse sichergestellt ist. Beim Code of Conduct kommen noch unternehmensethische Aspekte hinzu, insbesondere den Respekt vor und den Schutz von Urheberrechten und in den daraus hervorgehenden Verpflichtungen.

Ergebnisse können in der Vertragsforschung nicht vorgeschrieben werden?

Nettekoven: Nein! Dazu wären wir der falsche Vertragspartner. Wir machen Forschung! Damit verbunden ist das inhärente Risiko von Forschung. Wie groß das ist und ob und wie sich das niederschlägt, ist abhängig vom Projekt. Vielleicht ist das einer der Gründe für die Notwendigkeit des Vertrauens.

Was sagen Sie denjenigen, die an der Stelle um die Freiheit der Forschung fürchten?

Nettekoven: Die Freiheit von Wissenschaft ist ein hohes Gut. Sie hat Verfassungsrang. Ich glaube aber nicht, dass wir uns und unserer Umgebung einen Gefallen täten, wenn wir im Interesse dieser Freiheit keine Verträge abschließen würden. Ich glaube, dass eigentliche Thema ist institutionelle und persönliche Souveränität. Insofern wird die Freiheit der Forschung am geeignetsten durch eine gute Personalauswahl gesichert.

Wir suchen die Besten. Weltweit. Häufig auch aus der Industrie. Und wenn Professorinnen oder Professoren aus der Industrie zu uns an die Hochschule kommen, ist das ein auch für diese Menschen wichtiger Schritt. Grundsätzlich sind die Verdienstmöglichkeiten in der Industrie besser. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind oft bei den Universitäten besser. Sie sind ihr eigener Chef.

Und sie wollen in dieser Freiheit forschen. Nach meiner Erfahrung ist diese Souveränität ein wichtiger Anlass für diesen Schritt. Freiheit der Wissenschaft ist ein Zeichen von Arbeitsplatzqualität.

Was haben die Studenten von Drittmittelprojekten?

Nettekoven: Sie arbeiten an relevanten Themen – und dies teilweise mit sehr interessanten Geräten. Wir bekommen Leihgaben und haben eine richtig tolle Ausstattung mit Geräten, die nicht den Haushalt belasten. Die sind so gut, dass wir im Rahmen des Programms UROP (Undergraduate Research Opportunities) auch Studenten vom MIT (Massachusetts Institute of Technology) bekommen, weil wir sogar da einen erkennbaren Vorsprung haben. Uns wird hier eine Ausbildung zur Berufsfertigkeit auch für sehr anspruchsvolle Industrieberufe in Management, Forschung und Entwicklung zugetraut. Wobei methodische Grundlagen genauso wichtig sind.

Sind industrielle Drittmittel auch eine Brücke zum Job?

Nettekoven: Im Moment ist der Markt invers. Jemand, der Leute einstellen möchte, muss sich Mühe geben, um diese für sich zu gewinnen, weil für die jungen Menschen Alternativen vorhanden sind. Das war nicht immer so, gerade in den Ingenieurberufen. Im Moment ist es nicht so, dass ein Student an einem ganz bestimmten Thema geforscht haben muss, um genau dort einen Job zu bekommen. Im Moment gilt eher: Wer hier sein Studium abschließt, der hat einen Job!

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