Region - Die Schwestern vom armen Kinde Jesus: Stille, Gemeinschaft, Arbeit

Die Schwestern vom armen Kinde Jesus: Stille, Gemeinschaft, Arbeit

Von: Von Christoph Stender (Text) und Michael Lejeune (Fotos)
Letzte Aktualisierung:
7537651.jpg
Eine starke Gemeinschaft – auch bei der Arbeit und in trauter Runde beim Kaffeetrinken: Schwestern vom armen Kinde Jesus im Kloster in der Michaelsbergstraße in Aachen-Burtscheid. Foto: Michael Lejeune
7537411.jpg
Eine starke Gemeinschaft – auch bei der Arbeit und in trauter Runde beim Kaffeetrinken: Schwestern vom armen Kinde Jesus im Kloster in der Michaelsbergstraße in Aachen-Burtscheid. Foto: Michael Lejeune
7537401.jpg
Dreh- und Angelpunkt des Klosterlebens: In ihrer Kirche kommen die Schwestern vom armen Kinde Jesus zu Gottesdiensten und Gebeten zusammen – sie ist im Übrigen auch für Gäste offen. Stille, Einkehr, Anbetung gehören zum Alltag der Gemeinschaft. Foto: Michael Lejeune
7537750.jpg
Einfach möbliert, mit wenigen persönlichen Kleinigkeiten ausgestattet: Blick in ein Schwesternzimmer. Foto: Michael Lejeune
7537709.jpg
Jetzt ist Essenszeit: Rollstühle und Rollatoren parken im Kreuzgang vor dem Refektorium, dem Speisesaal der Ordensschwestern. Foto: Michael Lejeune
7538012.jpg
In ganz verschiedenen Welten zu Hause: beim Gespräch im Garten des Klosters in Aachen-Burtscheid.
7537767.jpg
Und im Einsatz für Kinder in Bogotá.
7537695.jpg
Wird fast beiläufig im Kloster an der Michaelsbergstraße präsentiert: Geschirr der Familie von Clara Fey, der Gründerin der Gemeinschaft der Schwestern vom armen Kinde Jesus. Foto: Michael Lejeune
7537690.jpg
Dreh- und Angelpunkt des Klosterlebens: In ihrer Kirche kommen die Schwestern vom armen Kinde Jesus zu Gottesdiensten und Gebeten zusammen – sie ist im Übrigen auch für Gäste offen. Stille, Einkehr, Anbetung gehören zum Alltag der Gemeinschaft. Foto: Michael Lejeune
7521957.jpg
Textautor Christoph Stender (rechts) ist tätig in der Ausbildung von Religionslehrern im Bischöflichen Mentorat an der RWTH Aachen. Der Aachener Fotograf Michael Lejeune begleitet die Ordensgemeinschaft bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Foto: Michael Jaspers

Region. Gegensprechanlage, Kamera, automatischer Türöffner, Schleuse, eine freundlich lächelnde Nonne hinter Glas, so der erste Eindruck. Die Pforte – heller Stein, klare Linien – liegt im Neubau von 2004, der links den Altbau aus der Gründungszeit anno 1864 und rechts einen Bau, entstanden 1973 an der Michaelsbergstraße in Aachen-Burtscheid, zu einem Ensemble verbindet.

Im linken Gebäudeteil befinden sich die Verwaltung, kleinere Wohneinheiten für Mitarbeiter und ein Konferenzraum der besonderen Art. Denn in Vitrinen und Schränken werden hier fast beiläufig Geschirr, Spielzeug, Stickarbeiten und andere Kleinigkeiten aus dem Hause Fey aufgehoben und präsentiert.

Den größten Teil des Klosters der Schwestern vom armen Kinde Jesus – Clara Fey gründete die Gemeinschaft 1844 – macht der im neugotischen Stil errichtete Altbau aus, in dem über drei Etagen verteilt 74 Ordensschwestern, zwischen 63 und 100 Jahre alt, wohnen. In diesem Mikrokosmos zu leben, bedeutet miteinander beten, täglich die Eucharistie feiern, sich einander zumuten, gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen, den anvertrauten Aufgaben nachgehen, die Alten und Kranken pflegen, sich gemeinsam erinnern und sorgenvoll in die Zukunft schauen.

Schmuckloser Kreuzgang

Durch das Parterre zieht sich ein 65 Meter langer, fast schmuckloser Kreuzgang, über den auch das Refektorium zu erreichen ist. Wenn dort vor diesem Speisesaal Elektrorollstühle, Rollatoren und andere Gehhilfen geparkt stehen, dann ist Essenszeit angesagt. Am Ende des Gangs befinden sich Tagungsräume für interne Weiterbildung und Konferenzen und eine kleine Anbetungskapelle.

Anbetung bedeutet hier, sich in Stille zu konzentrieren auf die Gegenwart des von den Toten auferstandenen Christus, der in dem Eucharistischen Brot gegenwärtig ist. Anbetung geht nur mit Blick auf Ostern, denn sie ist keine christliche Nabelschau, sondern ein sich ausgesetzt Wissen inmitten der Welt angesichts dieses sich offenbarenden Gottes.

Christen bekennen, dass in der Menschwerdung Jesu Gott einen einmaligen und anhaltenden Dialog mit uns Menschen eröffnet hat, der Konsequenzen hat für das Miteinander in unserer Gesellschaft.

Ein kleiner Gegenstand, der hier in der Kapelle verborgen im Tabernakel steht, hat so viel Aussagekraft, dass er auch Menschen fasziniert, die mit dem christlichen Eucharistieverständnis nichts am Hut haben: eine sogenannte Kustodia. Dieses Schaugerät ist kunstvoll aus „Vermählungsringen“ verstorbener Ordensfrauen gearbeitet, in deren Mitte das Eucharistische Brot zur Verehrung eingestellt ist.

Einen „Vermählungsring“ streift eine Ordensfrau bei der ewigen Profess, also dem Versprechen, einer Ordensgemeinschaft lebenslang anzugehören, über den Ringfinger, als Symbol dafür, nun eine ausschließliche Beziehung zu Christus pflegen zu wollen.

Wenige persönliche Dinge

Der Gang in die zweite Etage ist eigentlich nur den Schwestern vorbehalten, denn hier beginnt ihr privater Bereich, die Klausur. Die von dort aus zugängliche große Kirche steht allerdings stets willkommenen Gästen offen. An diesen öffentlichen Raum schließen sich aber dann die kleinen Zimmer der Schwester an, bitte privat!

Jede hat hier ihr eigenes Zimmer, einfach möbliert, mit wenigen persönlichen Kleinigkeiten ausgestattet. Gemeinsam haben sie die sanitären Örtlichkeiten, eine Bibliothek und Gruppenräume, in denen Fernseher und Tageszeitungen präsent sind.

Hier in der Klausur atmen der Schatz der Gemeinschaft, die Biografien der Schwestern, die oft fast ein ganzes Leben lang mit dieser Gemeinschaft in das Leben anderer Menschen investiert haben. Sie waren unterwegs als Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen, Krankenschwestern und Pädagoginnen. Sie investierten Lebenszeit in soziale Brennpunkte und caritative Einrichtungen. Sie verstanden das Kunsthandwerk der Stickerei und der Herstellung von Krippenfiguren aus Wachs. Sie waren aber auch tätig in der eigenen Landwirtschaft, Klosterküche und Wäscherei.

Jedes Schwesternleben ist ein „Einsatzbericht“ für das arme Kind Jesus, „denn mit ihm rückt jedes Kind dieser Welt in die Mitte“ (Clara Fey).

Hier ist die Erinnerung zum Schneiden dick, die Krankheit Alltag, und der Tod hat eine Dauerkarte. Auf den Fluren sind zu vernehmen munteres Erzählen, herzhaftes Lachen, geduldiges aufeinander Eingehen, aber auch Schreie in der Nacht.

Mit jeder Schwester, die stirbt, stirbt ein Stück der Geschichte dieser Gemeinschaft, ein Gesicht des Ordens, eine Stimme der Botschaft Jesu.

Der Zukunft Raum geben

Doch wer meint, nur der Sensenmann habe dieses Kloster im Griff, der irrt. Denn die Bausteine für die Zukunft der Gemeinschaft liegen auch hier, kulturell und sozialgeschichtlich bedingt, greifbar im physischen Nachlass der Ordensgründerin.

In die Zukunft planen, bedeutet für die Schwestern, sich zu fragen: Wovon werden wir leben? Wir kann das biografische und kulturelle Erbe der verstorbenen Schwestern weiter bewahrt werden? Wie können wir auch in nicht klösterlichen Lebensformen die Spiritualität der Gemeinschaft weitertragen? Wie gestalten wir mit nur wenigen Schwestern eine Ordenspräsenz in der Stadt? Wie ist die Pflege der alten, kranken und sterbenden Schwestern zu garantieren? Wie kann das Apostolat, die Identität der Gemeinschaft, „an der Seite der bedürftigen Kinder zu sein“, neu realisiert werden? Die Antworten auf diese Fragen können die Schwestern in Aachen allerdings nicht alleine finden, das „große Wir“ der Gemeinschaft, zu dem alle Mitschwestern in Europa (230 Schwestern), Kolumbien (57) und Indonesien (203) gehören, ist da gefragt.

Im August diesen Jahres kommt in Burtscheid das alle sechs Jahre stattfindende Generalkapitel, zu dem 38 delegierte Schwestern aus den drei Kontinenten gehören, zu Beratungen und der Wahl einer neuen Generalleitung zusammen. Grundlegende Themen, die auch relevant sind für die Schwestern in Aachen, werden sein: das Alleinstellungsmerkmal der Gemeinschaft, neue effizientere Strukturen, stärkere Vernetzungen der Kommunikation über drei Kontinente hinweg. Und sie werden auch klären, welche Kompetenzen die zukünftigen Schwestern in Leitungsfunktionen haben sollten.

Das Kind in der Mitte

Für drei Wochen wird dann die „Schwesterndichte“ zumindest in Burtscheid zunehmen. Ein wenig mag das dann an die Situation vor gut 75 Jahre erinnern, als „genügend“ Schwestern in Aachen waren, um damals vier zu entsenden mit dem Auftrag, in Bogotá eine Schule aufzubauen, in der sich im religiösen und pädagogischen Geiste Mutter Claras um Kinder gekümmert wird.

2013 durfte ich (Christoph Stender, Anm. d. Red.) fünf Schwestern begleiten, die anlässlich des 75. Bestehens das Kolleg Santa Clara besuchten.

Weitere acht Einrichtungen der Schwestern besuchten wir, und in jeder wurden wir mit Freude, Zuneigung und Dankbarkeit empfangen, gepaart mit herzlicher Gastfreundschaft. Die jungen Menschen begrüßten uns mit Tänzen, Liedern, Instrumenten, holprigen Reden und immer mit einem Meer kleiner Fähnchen in Schwarz-Rot-Gold und Gelb-Blau-Rot. Zusätzlich erläuterten uns die Schwestern das pädagogische Konzept ihrer Arbeit. Auf den Punkt gebracht: „Kindern einen verlässlichen Rahmen zu gewährleisten, innerhalb dessen sie bei sich selbst ankommend Kind sein dürfen, miteinander lernen, drei Mahlzeiten am Tag haben, spielerisch in Gemeinschaft dem Leben auf den Grund gehen und das im Respekt vor Gott und voreinander.“

Sehr bedrückend war die Fahrt nach Cazuca, einem Slum am Rande von Bogotá. Meinte ich aus dem Fernsehen zu wissen, was ein Slum ist – wie eingebildet und naiv –, hatte ich doch keine Ahnung von dieser Armut und Perspektivlosigkeit in dieser Trostwüste. Als wir dann den Kinderhort mit angrenzender Krankenstation betraten, erwarteten uns schon aufgedrehte, fröhliche Kinder, die gar nicht abwarten konnten, uns ihre Lebenslust zu zeigen. Es schien, als sei das eine andere Welt, aber nein, es war die Welt dieser Kinder, mitten im Slum, in denen die Schwestern „einfach“ nur ein anderes Fenster öffneten. Hier tanken die Kinder Hoffnung, die ihnen hilft, den Alltag im Slum etwas leichter zu ertragen.

Ich verließ Kolumbien, begleitet von starken Eindrücken und einem Koffer, in dem meine Wäsche komplett gewaschen und gebügelt den Rückflug antrat.

Unter den Delegierten zum Generalkapitel 2014 ist auch Sr. Johann Baptist, promovierte Ärztin, sie leitet die Krankenstation im Slum bei Bogotá. Wenn sie dann drei Wochen hier im Kloster lebt, wird sie sich wie selbstverständlich auch um die Wäsche kümmern und den Schwestern und Angestellten in der hauseigenen Wäscherei zur Hand gehen.

Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten sind aus einem Kloster nicht wegzudenken, verbreitet sich mit ihnen doch die Menschenfreundlichkeit, eine Lebensqualität, die auch nach Gott schmeckt.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert