Die rote Hochburg erhält kleine Risse

Von: Silvia Kurth und Patrick Nowicki
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Zählen, zählen, zählen: Die Briefwahlvorstände mussten am Sonntagabend mehr als 5000 Wahlzettel sortieren. Foto: Silvia Kurth

Eschweiler. Das Bier wurde bei den Sozialdemokraten im Rathaus standesgemäß aus der Flasche getrunken. In Momenten, in denen es nichts zu feiern gibt, hält man sich eben an an den Äußerlichkeiten des Bild der Volkspartei fest, die der Wähler so schmählich im Stich gelassen hat.

„Wie ist es?”, fragt der eine den anderen. „Das war eigentlich vorauszusehen”, lautet die Antwortet. Die Basis der SPD, die sich bei Knabbereien und Getränken im Fraktionszimmer versammelt hat, wo in der sozialdemokratischen Ahnengalerie eine Kanzlergröße wie Helmut Schmidt ernst aus dem Bilderrahmen blickt, kann sich nicht wirklich gegenseitig trösten. Und die erste Schnellmeldung aus Eschweiler, der Sonderwahlbezirk Alten- und Pflegeheime, sieht selbst an der Inde CDU und SPD gleichauf, wenngleich Eschweiler am Ende rot bleibt.

Doch was die Bundesebene, die an diesem Abend als einziges zählt, betrifft, sitzt der Schock tief. „Das ist ein Desaster”, kommentiert Fraktionschef Leo Gehlen das historische Tief, auf das die Partei bei der Bundestagswahl gesunken ist. „Wir haben gehofft, dass Steinmeier noch etwas wettmachen kann.” Das war nach dem TV-Kanzlerduell, als sich die Partei selbst neuen Mut machte. „Ich bin erstaunt, dass die FDP so stark ist”, sagt Gehlen. „Das Steuersenkungsversprechen wird der ein oder andere für bare Münze genommen haben”, schiebt er die Erklärung hinterher.

Erklärung der Niederlage

Und noch eine Erklärung hat die SPD in diesen ersten Momenten der Niederlage: „Wir haben unsere Wähler nicht an die Urnen gebracht.” Von einer geringen Wahlbeteiligung profitieren, so die Regel, für gewöhnlich die kleinen Parteien. In Eschweiler kann man sie guten Gewissens auch als desaströs bezeichnen. Gerade einmal 69,19 Prozent der Wahlberechtigten machten von ihrem Stimmrecht auch Gebrauch.

Aus der Niederlage aber, so hofft die SPD vor Ort, könnte die Partei auch neue Kraft schöpfen. Leo Gehlen verweist auf die „Politik des Wachstums”, die die FDP versprochen hat. Und das, so die Überzeugung der Genossen, kann keine Politik sein, die Rücksicht auf den normalen Arbeitnehmer nehmen wird. „Ich hoffe, dass sich die SPD von den Sachthemen her neu generiert”, erklärt Gehlen. In der Opposition könne die SPD ihr Profil schärfen. Und vielleicht wieder Volkspartei werden.

Im großen Ratssaal, wo die Stadt ein Informationszentrum für die Bürger eingerichtet hat, hält sich der Andrang in Grenzen - vorsichtig ausgedrückt. Nebenan bei der CDU wird auch nicht feucht-fröhlich gefeiert. „Wir jubeln still”, heißt es. Der designierte Stadtverbandsvorsitzende Willi Bündgens bremst schnell die Euphorie: „Das Ergebnis ist schön, gibt uns Auftrieb, aber mehr auch nicht.” Diese Wahl habe mit der Kommunalwahl nichts zu tun, betont er. „Wir müssen hart in den nächsten Monaten vor Ort arbeiten, damit wir auch bei den Kommunalwahlen wieder mehr Vertrauen erhalten.” Aber „hocherfreulich” ist das Ergebnis in seinen Augen schon. Zehn Wahlkreis gingen nämlich an die CDU, die noch vor wenigen Wochen bei der Wahl des neuen Stadtrates kein einziges Direktmandat ergatterte. Als allerdings CDU-Generalsekretär Ronald Profalla die Bundeskanzlerin Angela Merkel medienwirksam in den Arm nahm, waren die Eschweiler Christdemokraten noch gar nicht im Rathaus eingetroffen.

Ein Kommunalpolitiker lief durch die Räume des Rathauses, als habe er soeben einen Millionenjackpot geknackt: Ulrich Göbbels. „Wir haben bei der dritten Wahl in Folge deutlich zugelegt”, freut er sich. Die FDP in Eschweiler profitierte von der bundesweiten Zweitstimmenkampagne: 13,89 Prozent der Wähler machten ihr Kreuz dort bei den Liberalen. Viele Stimmen wanderten offensichtlich von der CDU zum potenziellen Koalitionspartner. Holte CDU-Kandidat Helmut Brandt noch 36,11 Prozent der Erststimmen, waren es bei den Zweitstimmen nur noch 30,63 Prozent. Auch sein sozialdemokratischer Gegenkandidat Martin Peters musste im Rahmen des sogenannten Stimmen-Splittings Stimmen abgeben: vorrangig an Linke und Grüne.

Die Indestädter haben ihre Stimmen so gestreut wie selten: Die Piratenpartei, sonst eher eine politische Randerscheinung, heimste satte 461 Stimmen ein, was 1,65 Prozent entspricht. Auch die Tierschutz- (205 Stimmen), Familien- (146) und Renterpartei (121) profitierten davon, dass viele Wähler der im Parlament vertretenen Politiker überdrüssig sind. Den „Kleinen” spielte die geringe Wahlbeteiligung natürlich in die Karten.

Rechte bekommen Zukauf

Unerfreuliche Randerscheinung: Auch die Rechten erhielten Zulauf am Sonntag. 450 Indestädter kreuzten NPD, Republikaner oder DVU an. In der Summe ergibt sich ein Stimmenanteil von 1,6 Prozent. Dabei rekrutieren diese Parteien ihre Anhänger zu gleichen Anteilen aus dem gesamten Stadtgebiet.

Die schlechte Wahlbeteiligung bereitet auch dem Bürgermeister Rudi Bertram Kopfzerbrechen. Weniger das Ergebnis der Wahl. „Das zeichnete sich ab”, meint der Verwaltungschef. Seiner Bundespartei rät er, sich wieder auf die „klassische sozialdemokratische Politik zu besinnen”. „Die SPD muss wieder an die Leute ran, muss wieder die Partei der Kümmerer sein, bei der die Menschen ein offenes Ohr finden”, lautet seine Devise.

Als offizieller Wahlleiter hingegen hatte Rudi Bertram am Sonntag nichts zu meckern: „Alles ist glatt gelaufen.” Um 20.15 Uhr flatterte das letzte Ergebnis - vom Briefwahlbezirk 1 - auf den Schreibtisch. Und die Genossen setzten die Marschrichtung ihres Bürgermeisters brav weiter in die Tat um: Bierflasche in der Hand, also ganz volksnah.
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