Die Region als Gebiet religiöser Toleranz

Von: Sabine Rother und Peter Pappert
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Professor Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne, freut sich, dass er einen kostbaren Kelch aus dem 16. Jahrhundert ausstellen kann, eine Leihgabe aus dem Suermondt-Ludwig-Museum Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das Reformationsjubiläum bringt historische Ereignisse zum Vorschein, die zwar wissenschaftlich aufgearbeitet, einer breiten Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt sind. Das betrifft auch die Aachener Stadtgeschichte und jene des Herzogtums Jülich-Kleve-Berg.

Dazu gehört zum Beispiel jene „Causa Aquensis“ Mitte des 16. Jahrhunderts, die im gesamten Reich registriert wurde: Die Aachener Bürgerschaft drängte beim Kaiser darauf, allen in der Stadt vertretenen Konfessionen das Recht auf freie Religionsausübung einzuräumen.

Dazu gehört, dass die Protestanten von 1581 bis 1598 und noch einmal von 1611 bis 1614 über eine Mehrheit im Aachener Stadtrat verfügten. Dazu gehört, dass Aachen Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts eine regelrechte europäische Flüchtlingshochburg war. Dazu gehört das erstaunliche Bemühen, in der Reichsstadt konfessionelle Konflikte zu vermeiden.

„Einen einzigartigen Umgang mit dem Glaubenskampf“, nennt das Professor Dr. Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne Aachen und Professor für Regionalgeschichte an der RWTH. „In dieser Region wollte man religiöse Toleranz erreichen, die Katholiken, Lutheranern und Reformierten ein möglichst friedliches Miteinander ermöglicht.“

Was ist nach Martin Luthers Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517 im Maas-Rhein-Gebiet passiert? Welche Entwicklungen gab es? An der Route Charlemagne ist man aus Anlass des Reformationsjubiläums jenem „dritten Weg“ des Ausgleichs auf der Spur. Was nicht bedeutet, dass alles konfliktfrei ablief. So endeten bereits um 1600 zwei protestantische Aufstände gegen den katholischen Rat blutig.

Mit dem Ausstellungsprojekt „Das Ringen um den rechten Glauben“ wird man vom 3. Juni bis 3. September umfassende und konzentriert aufgearbeitete Informationen zum Thema anbieten. Die Verbundveranstaltung findet in drei Museen gleichzeitig statt: Im Stadtmuseum Centre Charlemagne (Katschhof), wo am Freitag, 2. Juni, 18 Uhr, auch die Eröffnung stattfindet, lautet das Motto „Reformation und Konfessionalisierung zwischen Maas und Rhein“.

Die Hauptausstellung des Projektes beleuchtet Aspekte der Religionsgeschichte vom 16. bis 18. Jahrhundert, wobei Entwicklungen der Gegenwart, das Zusammenleben christlicher, muslimischer und jüdischer Gemeinden gleichfalls eine Rolle spielen. Es gibt sechs Bereiche, die das „Ringen um den rechten Glauben“ skizzieren, analysieren und greifbar machen sollen. Reformationsjubiläen im Spiegel der Presse des 19. Jahrhunderts beleuchtet das Zeitungsmuseum (Pontstraße) unter dem Motto „Das Wittenberger Fest“ und zeigt Druckerzeugnisse aus den Jahren 1817-1968. „Luther wurde geradezu zum Paradedeutschen“, erläutert Pohle. „Diese Sichtweise schürten die Nationalisten nur zu gern – besonders in der Presse.“

Im Couven Museum in Aachen kann man zum Thema „Gold und Silber aus Klöstern des Dreiländerecks“ in Vitrinen allerlei fromme Kostbarkeiten entdecken. „Klein aber fein“ fasst Pohle zusammen, was man hier zeigt. Wie ging es den Klöstern jener Zeit? Wo blieb die Sakralkunst, wenn sie sich auflösten?

„Viele Stücke aus Klosterkirchen wurden von Pfarrkirchen übernommen“, berichtet Pohle. Anhand der ausgestellten Objekte lassen sich spannende Geschichten erzählen, etwa vom Streit zwischen Äbtissin und Priorin in Burtscheid. In der Zeit der Gegenreformation blühte die Sakralkunst auf, kam es zu Stiftungen an Klöster durch Bürger und Adelige.

„Das Ringen um den rechten Glauben“ bietet manche Überraschungen und Einsichten. So zeigte sich Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg als ein Herrscher, der sich durchaus an den humanistischen Gedanken eines Erasmus von Rotterdam orientierte. Er war reformfreundlich und ließ bemerkenswert viel Religionsfreiheit zu, solange er die obrigkeitsstaatliche Ordnung nicht gefährdet sah – nur einer von vielen Aspekten, denen man sich ab Juni im Aachener Centre Charlemagne widmen wird.

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