„Die Reden: zu lang, ohne Esprit. Einfach furchtbar.“

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Fritz Pleitgen bei seiner Rede im Aachener Rathaus: Minutenlanger Applaus und intensive Gespräche beim Bier folgten. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ex-WDR-Intendant Fritz Pleitgen ist als Festredner beim Aachener Marketingpreis hart und doch konstruktiv mit der Kaiserstadt und ihren Protagonisten bei Karlspreis, AKV und Kirche ins Gericht gegangen. Langen Applaus erntete er nach seiner Rede, in der der Karlspreis als langweilig und die AKV-Sitzung als wenig witzig bezeichnet wurden.

Selten gab es so viel Beifall für eine Festrede. Fritz Pleitgen musste noch einmal zurück auf die Bühne im Krönungssaal des Aachener Rathauses, so heftig feierte ihn das Publikum.

Der Grund: Pleitgen war der Einladung des Marketing Clubs Aachen gefolgt, die Festrede bei der Premiere des Aachener Marketingpreises zu halten. Die „Beobachtungen eines Außenstehenden“ wurden erbeten, das Thema: „Wir sind Aachen. Wie man eine Region begeistert.“

Pleitgen, ganz Journalist der alten Schule, konnte viel aus eigener Anschauung berichten, hatte ferner gut recherchiert und nun brillant verfasst, was er den Aachenern ins Gästebuch schreiben wollte.

Wir veröffentlichen die markantesten Passagen und Zitate seiner Rede, die im ersten Teil das gewagte, am Ende höchst erfolgreiche Megaprojekt „RUHR.2010“ beschrieb, das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas, dem Pleitgen als Chef vorstand. Mit seinem Fazit dieses Projektes beginnt die Dokumentation:

1) Es bedarf keiner überirdischen Kräfte, um eine Region zu begeistern.

2) Die Menschen lassen sich gewinnen, wenn die Sache ihre Vorstellungen trifft.

3) Mit Kultur lässt sich enorm viel bewegen.

4) Auf die Kraft von Ideen setzen! Sie sind nicht nur die Trümpfe im Wettbewerb, sondern auch die wirkungsvollsten Möglichmacher.

5) Konzept und Slogan müssen sitzen.

Ja, Binsenweisheiten, aber unter Druck erprobt.

(...) Aachen ist aus meiner Sicht gut dran. Die Stadt hat mit dem Karlspreis, mit dem Orden wider den tierischen Ernst und besonders mit dem CHIO exzellente mediale Möglichkeiten, auf sich national und auch international aufmerksam zu machen. Welche Stadt gleicher Größe kann da in Deutschland mithalten?

Als ehemaliger Intendant des Westdeutschen Rundfunks weiß ich, wovon ich rede. Unser Sender hat die Übertragungen von Karlspreis und vom Orden wider den tierischen Ernst nicht nur gesichert, sondern auch, was das CHIO angeht, kräftig ausgebaut. In Aachen hat der WDR überdies ein leistungsstarkes Studio eingerichtet, das nicht nur eine starke lokale Präsenz hat, sondern auch NRW- und bundesweit wirkt. In Aachen sind zudem zwei Zeitungen ansässig, mit regionaler Verbreitung, aber mit beträchtlichem nationalen Ansehen.

Nutzt Aachen seine privilegierte Medien-Situation? Die Stadt hat einen ordentlichen Ruf, aber als aufregend gilt sie nicht. Man kann damit zufrieden sein. Es ist durchaus verständlich, sich weiter auf sicherem Gleis zu bewegen, sich keine Unruhe in die Stadt zu holen. Aber reicht das in einer Zeit des scharfen europäischen und globalen Wettbewerbs? (...) Aachen ist mit Attributen, Attraktionen und Alleinstellungsmerkmalen bestens bedient. Kaiserstadt, Krönungsstadt, Europastadt, Dreiländereck, Weltfest des Pferdesports, dazu Karl der Große, das Münster, die älteste Zeitung der Bundesrepublik und last but not least die RWTH; Champions League, was Forschung und Lehre angeht. Marketingmäßig lässt sich aus dem Vollen schöpfen. Es kommt darauf an, welches Bild man schaffen will. Gibt es da eine abgestimmte Strategie unter den unterschiedlichen Akteuren? Und ist eine solche überhaupt gewollt?

Wenn ich die wiederkehrenden Top-Medienereignisse wie Karlspreis, Orden wider den tierischen Ernst und CHIO vor Augen habe, könnte die Botschaft „Aachen, die Feine“ sein. Muss nun unbedingt etwas Neues her? Ich meine nein. Man muss nicht krampfhaft etwas Neues erfinden, aber man sollte überprüfen, ob die alten Muster noch stimmen.

Werfen wir mal einen Blick auf den Karlspreis! 1950 zum ersten Mal verliehen, war der Karlspreis kurz nach dem Krieg ein großer Einfall, nicht zuletzt vom Marketing-Gesichtspunkt aus. Kanonen wie Churchill, de Gasperi, Schuman, Monnet, Adenauer und Marshall nach Aachen zu holen, erregte jedes Mal außerordentliches Aufsehen. Großes Kino! Und nun?

Die Preisträgerinnen und Preisträger sind, ob sie Tusk, Trichet, Schäuble oder Grybauskaite heißen, in der heutigen Medienwelt längst jeder Faszination beraubt worden. Sie lösen keine Neugier aus. Kein Wunder, sie kommen ja alle aus dem gleichen Milieu. Ihnen fehlt jedes Überraschende. Warum hat man nicht mal die Rolling Stones ausgezeichnet (die Idee stammt nicht von mir)? Die Stones haben schon vor dem Mauerfall für die Einheit der europäischen Gedankenwelt, insbesondere bei den jungen Leuten, mehr getan als verdienstvolle Politiker.

Und wie wäre es, wenn man den amerikanischen Whistleblower Edward Snowden mit dem Karlspreis ehrte? Kein Mensch in unserer Zeit hat der Welt, inklusive hochmögenden Staats- und Regierungschefs, mehr die Augen geöffnet als dieser Mann. Ohne ihn liefen wir heute noch wie blinde Kühe herum. Gut, es gibt da ein paar konsularische Probleme. Aber der Karlspreis ist ja schon einmal außerhalb Aachens ausgehändigt worden. Das wäre ein Ding, wenn die Auszeichnung in Moskau verliehen würde. Die ganze Welt würde darüber sprechen. Und die weit überwiegende Mehrheit der Menschheit mit größtem Respekt vor Aachen! (...)

Nun will ich nicht den Establishment-Schreck spielen, sondern zum Karlspreis lieber mit Beobachtungen aufwarten, die leichter zu verkraften sind. Der WDR – das sehe ich als Profi – gibt sich alle Mühe, das Geschehen hier im Krönungssaal höchst ansehnlich zu übertragen. Aber der Bildregisseur kann die tollsten Einstellungen hervorzaubern, das gediegene Ritual wird immer altbacken wirken. Vorne klassische Musik, dann Reden, zwischendurch und am Ende klassische Musik.

Auffrischung tut dringend Not. Vor allem bei den Reden. Sie sind zu lang, voll bemühter Bedeutung, ohne Esprit. Einfach furchtbar. Das sollte nicht ewig so bleiben. Die europäische Idee – und dazu gehört ja auch der Karlspreis – soll doch mobilisieren, inspirieren und nicht zuletzt Spaß machen. Musik kann dazu kräftig beitragen. Warum nicht mit ein paar Straßenmusikanten aus unterschiedlichen EU-Ländern antreten? Das unterstreicht den Europa-Gedanken und würde der Ode an die Freude noch mehr Feuer verleihen.

(...) Und was sieht man? Bedeutende, aber vornehmlich alte Menschen – im Publikum und auf dem Podest der Preisträger. Das fällt zum Glück nicht weiter auf, denn der größte Teil der Tagesschau-Seher ist auch keine 60 mehr. Aber das sollte nicht das Bild von Aachen sein. Deshalb – ich sage es ganz behutsam – könnte sich eine Überarbeitung der Veranstaltungszeremonie empfehlen. Die Idee des Karlspreises ist zu wichtig, als dass sie jungen Leuten vorenthalten werden sollte. Sonst heißt es eines Tages: Sanft entschlafen!

Falls ich mit meinen Bemerkungen Stirnrunzeln hervorgerufen haben sollte, möchte ich in diesem Sinne fortfahren und mich einer anderen nationalen Bekanntheit zuwenden: dem Orden wider den tierischen Ernst. Eine richtig gute Idee, die aber ständiger phantasievoller Pflege bedarf. Als Geschöpf der Bonner Republik hat sie es schwer, sich in der Welt von heute zu behaupten. Das gilt für alle Traditionsformate. Auch im Fernsehen! Nur die Tagesschau hat ihren Platz an der Spitze über die Jahrzehnte gehalten – im Wesen unverändert, aber in einem ständigen Transformationsprozess.

Gilt das auch für den Orden wider den tierischen Ernst? Er besitzt das Alleinstellungsmerkmal, einen Menschen nicht für, sondern gegen etwas auszuzeichnen. (...)

Und nach welchen Kriterien wird heute ausgewählt? Da schaut man nicht auf die Tat wider den tierischen Ernst, sondern man sucht verzweifelt nach einem Promi, möglichst aus der Politik. Dem schließlich Gefundenen wird dann angehängt, mit Witz wirkungsvoll gegen Unsinn in unserem politischen und gesellschaftlichen Leben anzugehen. Aber mit welchem Erfolg? Schauen Sie sich die Preisträger der letzten Jahre an! Allesamt tüchtige Leute, teils auch zu geschliffener Rede fähig. Aber mit Humor bringt man sie nicht in Verbindung. (...)

Nun heißt es „Jeder Jeck ist anders“. Darum hat der Aachener Karnevalsverein das Recht, Karneval nach seinen Vorstellungen zu feiern. Der WDR wird dem AKV, wie ich es aus meiner Zeit in Erinnerung habe, treu mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber ist das der Volkskarneval, auf den auch ein Slogan wie „Wir sind Aachen“ passt? Oder ist es, wie in der ARD gelästert wird, der Lackschuh-Karneval, der Karneval von oben? (...) Wie auch immer: „Der Orden wider den tierischen Ernst“ sollte im nationalen Zuspruch nicht zurückfallen, sonst ist der Platz im Ersten futsch, da kann sich der WDR für die Sendung querlegen, wie er will. Wäre mehr als schade!

Unter Schwund leidet auch die katholische Kirche. Die Gläubigen laufen ihr davon; verstärkt seit den Limburger Vorkommnissen. Dahinter steckt eine wachsende Entfremdung. Die Kirche verliert für viele Menschen immer mehr an Glaubwürdigkeit; sie erscheint ihnen undurchsichtig in ihrer Wirtschafts- und Personalpolitik, eng in ihren Dogmen und ihrem Verhalten, antiquiert in ihrem Frauenbild und in ihrem Verhältnis gegenüber Homosexuellen.

Das Bistum Aachen ist eine angesehene Institution, sein Bischof hat einen guten Ruf. Beste Voraussetzungen, um dem verunsicherten Kirchenvolk Mut zu machen. Ehe wieder einer kommt und aufschreckende Thesen an die Kirchentür nagelt, sollte man mit eigenen Vorschlägen vorangehen, als da sein könnten: Transparenz, Frauen ins Priesteramt und Ende des Zölibats.

(...) Wie mir gesagt wurde, sollen 60 Leute, quer durch die Gemeinde, zusammen gekommen sein und gemeinsam gesponnen haben, was ihrer Stadt gut tun würde. Herausgekommen sei am Ende das Campus-Projekt. Ob es nun stimmt oder nicht: Um diesen Einfall kann Aachen von anderen Städten nur beneidet werden. Das System, sich gemeinsam auf Ideensuche zu begeben, sollte gepflegt werden. (...)

Beneidet wird Aachen von anderen Städten sicher auch um die weltweit angesehene RWTH. Sie ist nicht nur eine geistige Bereicherung, sondern auch der größte Arbeitgeber der Stadt. Sie bringt über 40.000 begabte, leistungswillige junge Menschen nach Aachen. (...) Das befördert kosmopolitisches Flair in die Hütte. (...) Bei so viel zusätzlicher Jugend in der Stadt fragt man sich, warum Aachen ein so betuliches Image hat. Ein bisschen Woodstock würde nicht schaden. Auswüchse wie 1969 sind nicht zu befürchten. Die „Generation Y“ von heute ist wesentlich gesitteter als die amerikanische Hippie-Bewegung von damals, aber zu Deutschland weitem Aufsehen ist sie auch fähig. (...)

Auf 2014 können wir gespannt sein. Dann wird Aachen Karl dem Großen zu seinem 1200. Todesjahr mit drei außergewöhnlichen Ausstellungen die Ehre erweisen und der Welt zeigen, wo die Wiege Europas stand und steht. Einige Hunderttausend Besucher werden erwartet. Ich werde auch darunter sein und feststellen, dass alle meine Überlegungen völlig überflüssig waren. (...)

In Konsequenz meiner Ausführungen empfehle ich, statt eines alten Knaben wie mich beim nächsten Mal eine junge Frau zum Vortrag zu bitten. Da werden Sie etwas zu hören bekommen. “

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