Die Prinzessin, die Bäume und der Preis

Von: Christoph Velten
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Prinzessin vor Schloss: Gester
Prinzessin vor Schloss: Gestern wurde Irene van Lippe-Biesterfeld mit der Martin-Buber-Plakette ausgezeichnet. Am Morgen traf sie in Kerkrade am Kasteel Erenstein ein. Foto: Andreas Steindl

Kerkrade. Es sind die Schubladen, die Irene van Lippe-Biesterfeld fürchtet. Als Kommunistin, als Baumflüsterin, als Prinzessin. Menschen stecken sie da rein, kleben von außen ein Etikett darauf und meinen zu wissen, wer drinsteckt. Prinzessin Irene der Niederlande hat in ihrem Leben viel Kraft darauf verwenden müssen, aus diesen Schubladen rauszukommen. Sie ist skeptisch geworden, etwas scheu gegenüber Fremden, vor allem der Presse.

Sonst macht ihre Königliche Hoheit einen bodenständigen Eindruck. Freundlich ihr Lächeln, bescheiden, klug und offen ihr Wesen. Sie ist keine typische Prinzessin. Nichts Unnahbares, nichts Glamouröses wohnt dieser Frau inne, die in diesem Jahr vom Kuratorium der Stiftung Euriade mit der Martin-Buber-Plakette ausgezeichnet wird.

Kein Wunder, dass sich ihr Tun nur selten in den bunten Blättern wiederfindet. Kein Wunder auch, dass am Abend in der Abtei Rolduc keine Paparazzi in den Bäumen sitzen.

Vor dem offenen Kamin

Am Morgen scheint die Sonne durch die Spinnweben am Fenster. Die Kronleuchter an der Decke verleihen dem kleinen Raum in Kasteel Erenstein das rechte Ambiente für den royalen Besuch. Es ist eine kurze Pressekonferenz, in der die Preisträgerin neben dem Vorsitzenden der Stiftung Euriade, Werner Janssen, vor einem offenen Kamin Platz nimmt. Die Bürgermeister von Kerkrade und Herzogenrath sind da, ebenso wie ihr Freund Matthijs Schouten und der Laudator des Abends, Rupert Neudeck. Prinzessin Irene lächelt in die vielen Kameras.

Man muss schon genau hinschauen, um zu erkennen, was die preiswürdige Leistung von Prinzessin Irene ist. Sie hat keine Mauern eingerissen wie Michael Gorbatschow, sie hat nicht Tausende Leben in Äthiopien gerettet wie Karl-Heinz Böhm oder gar eine politische Lebensleistung aufzuweisen wie Helmut Schmidt. Ihr Vermächtnis an die Welt ist nicht so leicht fassbar, wie bei vorherigen Preisträgern.

Ehe aus der Prinzessin eine Preisträgerin wurde, war sie nicht mehr als ein Hirngespinst. Werner Janssen macht das immer so. Wenn er auf der Suche nach Persönlichkeiten ist, denen er die Buber-Plakette verleihen möchte, dann trägt er sie zunächst eine ganze Weile mit sich herum. Janssen ist dann im Dialog - zunächst mit sich selbst, dann mit den Kuratoriumsmitgliedern und letztlich mit dem potenziellen Preisträger selbst. Getroffen hatte er die Prinzessin bis dahin noch nicht. Aber gehört hatte er von ihr, sie im Fernsehen gesehen und von ihr gelesen. In der Begründung des Kuratoriums heißt es: Sie werde als Anwältin für einen respekt- und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur gewürdigt.

Irene van Lippe-Biesterfeld ist eine Frau mit Botschaft, ohne Missionarin zu sein. Sie ist eine leise Preisträgerin, eine Frau, die lieber Fragen stellt als Antworten vorzugeben. Der Respekt vor dem Individuum, das Miteinander aller Lebewesen sind ihr Anliegen. Kontroverse Diskussionen sind nicht ihre Sache, der Dialog steht stets im Mittelpunkt. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie nicht lauter zu vernehmen ist. Dass sie sich nicht einmischt in die politischen Auseinandersetzungen, die gerade in den Niederlanden durch den Rechtspopulisten Geert Wilders eigentlich wichtiger wären denn je. Prinzessin Irene sagt schlicht: „Das ist nicht mein Thema.”

Schon früh hat die 71-Jährige die Palastmauern eingerissen, ist raus in die Welt. „Sie hat sich den Menschen zugewandt”, sagt einer ihrer engsten Vertrauten. Der Buddhist Matthijs Schouten hat zusammen mit ihr ein Buch geschrieben. Der Titel: „Leben in Verbundenheit”. Doch um neue Bindungen einzugehen, hat sie zunächst alte Bindungen aufgegeben.

Als zweitälteste Tochter von Königin Juliana und Prinz Bernhard geboren, avancierte die Schwester der heutigen Königin Beatrix der Niederlande schnell zu so etwas wie einer Aussteigerin. Mit 25 heiratete sie den spanischen Prinzen Carlos Hugo von Bourbon-Parma ohne die Zustimmung des niederländischen Parlaments und verlor offiziell die Zugehörigkeit zum Königshaus. Infolge ihres Übertritts zum Katholizismus gar das Recht auf die Thronfolge.

In Spanien kümmerte sie sich um Arme, um von der Gesellschaft Ausgestoßene und engagierte sich in der Frauenbewegung. In den 60er Jahren reichte das schon, um als Kommunistin verschrieen zu werden. Sie bekam vier Kinder, die sie nach der Trennung von Prinz Carlos Hugo 1981 in den Nierderlanden als alleinerziehende Mutter großzog.

Fortan sind es weniger die innigen Beziehungen zu den Menschen, die sie sucht. Es ist eher die Nähe zur Natur. Dort ist ihr Platz, dort fühlt sie sich zu Hause. In Südafrika hat sie Land gekauft, um es der Natur zurückzugeben. Dort bildet sie Ranger aus, die den Besuchern die Ursprünglichkeit des Reservats näherbringen sollen. Sie ruft auf, die Verbindung zur Natur aufs Neue zu betrachten: sie nicht als Objekt wahrzunehmen, nicht auszubeuten und zu zerstören. Als Umweltschützerin versteht sie sich indes nicht. „Das machen andere”, sagt sie.

Vom Dialog mit der Natur zum Stigma der Baumflüsterin ist es nicht weit - zumindest, wenn man am Stammtisch sitzt. Hört man genauer hin, dann wird deutlich, dass es Prinzessin Irene weniger um das Gespräch mit Buchen und Eichen geht, als vielmehr um das Thema Nachhaltigkeit. Darum, von der Natur zu lernen. In den Dialog tritt sie dann mit den Menschen. Anlässlich ihres 70. Geburtstags betonte sie in einem Interview, dass sie angekommen sei. „Der Kreis hat sich geschlossen”, sagte sie damals.

Am Abend, in der Aula Major der Abtei Rolduc, als sie die Martin-Buber-Plakette entgegennimmt, spüren die rund 400 Gäste, dass sie bereit ist, diesen Kreis um ein paar Begegnungen, Erfahrungen und Freundschaften zu erweitern. Prinzessin Irene ist ein offener Mensch. Sie sagt: „Ich bin hinter den Zäunen des Palastes aufgewachsen, was den Kontakt mit der Außenwelt schwer gemacht hat. Irgendwann wollte ich wissen, wie andere Menschen leben; ich wollte wissen, wie das Leben in den Straßen ist, durch die ich jeden Tag zur Schule gefahren wurde.”

In eine Schublade jedenfalls passt Prinzessin Irene nicht.
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