Die Praktiken der Schlüssel-Notdienste vor Gericht

Von: Ulrich Simons
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Erst Draht, dann Bohrmaschine, dann die hohe Rechnung: Ob die Praktiken eines im Rheinland agierenden Schlüssel-Notdienstes rechtens sind, wird derzeit vor Gericht geklärt. Foto: stock/caro

Köln. Es sind einige wenige schwarze Schafe, die das gesamte Schlüsseldienst-Wesen in Verruf gebracht haben. Ein Kölner Branchenvertreter hat es in den Augen der Staatsanwaltschaft ein paar Mal dermaßen übertrieben, dass es die Ermittler nicht mehr mit ansehen konnten. Mittwoch hatte der Türöffner in Köln einen Termin vor dem Amtsgericht. Die Anklage: dreimal Wucher, zweimal Betrug. Das Urteil wird allerdings noch ein wenig auf sich warten lassen.

Es ist schnell passiert: Ein unachtsamer Moment, ein bisschen Durchzug, und hinter einem fällt mit lautem Knall die Wohnungstür ins Schloss. Glücklich, wer dann beim Nachbarn einen Ersatzschlüssel deponiert hat. Die drei Kunden des Angeklagten hatten das nicht und riefen einen Schlüssel-Notdienst. Sie wären besser bis zum nächsten Morgen ins Hotel gegangen, um dann mit Hilfe eines seriösen Schlüsseldienstes das Problem zu lösen. Zimmer mit Frühstück wäre billiger gewesen.

Ein Rechtsanwalt und seine Frau, hinter denen die Balkontür ihres Hauses in Rösrath zugefallen war, waren hinterher um 444,16 Euro ärmer. Eine Seniorin, die sich in Köln-Deutz ausgeschlossen hatte, wurde um 592,38 Euro erleichtert, eine Geschädigte in Nörvenich um 573,81 Euro.

Sie alle hatten beim Blick ins Telefonbuch darauf vertraut, einen Schlüsseldienst in der Nähe anzurufen, da für ihre Wohnorte keine Vorwahlnummern angegeben waren. Das Kleinstgedruckte am unteren Rand der Anzeige hatten sie allerdings übersehen. Hier wurde darauf hingewiesen, dass Anrufe zu einem Call-Center in Düsseldorf weitergeleitet werden, immerhin kostenlos.

Dort wurden die Einsätze dann koordiniert. In den drei verhandelten Fällen war der Notruf beim 32-jährigen Angeklagten gelandet, der nach eigenen Angaben als Selbstständiger in Köln einen Schlüssel-Notdienst betreibt.

„Was ist das für ein System?“ wunderte sich Richter Krebber und erhielt von dem Angeklagten umfassend Auskunft. Mit der Werbung habe er nichts zu tun, beeilte der sich erst einmal zu versichern. Er sei „Kooperationspartner“ der „Deutschen Schlüsseldienst Zentrale“ und werde von deren Call-Center angerufen. „Mir ist es Wurst, wo die Aufträge herkommen.“ Forscht man nach, wer sich hinter der „Deutschen Schlüsseldienst Zentrale“ verbirgt, landet man in Großbritannien bei der Firma Hamels Limited, 69 Great Hampton Street in B 18 6EW Birmingham.

Die Einnahmen würden geteilt. 50 Prozent bekomme das Call-Center als Provision, die andere Hälfte verbleibe bei ihm. Schwer vorstellbar, dass der Familienvater nach eigenen Angaben so nur auf ein monatliches Netto-Einkommen von rund 2000 Euro kommt. Zudem stehe er an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr parat – das koste eben.

Auch die alte Dame in Köln-Deutz, die sich in einem Hochhaus ausgesperrt hatte, glaubte sich einem Mitarbeiter des „Deutzer Tresor-Studios“ gegenüber. Zumindest hatte das neben der Telefonnummer gestanden, die sie angerufen hatte. „Wo liegt das Pro­blem?“ fragte der Angeklagte frech. „Dass Sie nicht aus Deutz sind“, erklärte ihm Richter Krebber. „Eng­stirnig“ fand das der Angeklagte. Der Anwalt aus Rösrath, der über den Balkon geklettert war und bei einem Nachbarn Hilfe herbeitelefoniert hatte, war ebenfalls davon ausgegangen, „mit jemandem zu telefonieren, der in Rösrath sitzt“.

Die Vorgehensweise bei allen drei Notfällen wies erstaunliche Parallelen auf: Zunächst wird ein bisschen pro forma mit einem Draht an der zugeschnappten Tür herumhantiert, dann wird etwas von „schwerer Fall“ gemurmelt, und dann kommt der freundliche Helfer schnell zur Sache. Angeblich, um dem Kunden weitere erfolglose Fummelei mit dem Draht zu ersparen, was pro Viertelstunde 29,90 Euro kostet, wird die Bohrmaschine ausgepackt und der alte Schließzylinder angegangen.

An dieser Stelle hat der Kunde bereits verloren. Denn bevor der Mann vom Schlüsselnotdienst auch nur einen Finger krumm macht, schwatzt er dem Kunden die Unterschrift unter einen „Auftrag“ ab, der hinterher automatisch zur Rechnung wird. Kaum einer, der ausgesperrt vor seiner Wohnungstür steht, traut sich in diesem Moment noch, Widerworte zu geben.

Und so landet die Unterschrift auf einem Formular über der – wiederum ziemlich klein gedruckten – Textpassage: „Der Auftrag wurde zu meiner Zufriedenheit ausgeführt. Ein Schaden ist nicht erkennbar. Das Material wurde auf meinen Wunsch eingebaut. AGBs akzeptiert.“ Der Kunde unterschreibt also bereits bei der Auftragserteilung ein positives Abnahmeprotokoll. Im letzten Schritt bekommt der Kunde dann einen teuren neuen Schließzylinder eingebaut.

Die alte Dame in Köln-Deutz traf es besonders schlimm. „Ich wusste, sie hat kein Geld“, gibt der Angeklagte den Robin Hood. Ohne Aussicht auf ein Honorar habe er trotzdem „aus reiner Menschlichkeit“ die Tür geöffnet. 150 Euro hatte die alte Dame noch im Haus, 200 hob sie von ihre Konto ab. Den Rest holte sich der Mann vom Notdienst ein paar Tage später persönlich ab, insgesamt fast 600 Euro für anderthalb Stunden Arbeit.

Da Mittwoch nicht geklärt werden konnte, was in den drei Fällen technisch notwendig und finanziell angemessen gewesen wäre, soll jetzt auf Antrag der Verteidigung ein Gutachter gehört werden Die Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.

Ähnlich war in der vorigen Woche eine Berufungsverhandlung vor der 2. Zivilkammer des Aachener Landgerichtes zu Ende gegangen. Hier hatte das Opfer aus Nörvenich auf eine zumindest teilweise Erstattung der Kosten geklagt. Einen vom Gericht angeregten Vergleich auf Erstattung von zwei Dritteln der Forderung hatte der Anwalt der Klägerin abgelehnt. Der Rösrather Rechtsanwalt hat seinen Zivilprozess dagegen bereits gewonnen.

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