FuPa Freisteller Logo

Die Poller auf der Vennbahn verschwinden

Von: Ulrich Simons und Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
7847357.jpg
Vorbeigeschrammt: An einem Poller auf der Vennbahntrasse auf Monschauer Gebiet hat offensichtlich ein Radler mit einem Pedal die Farbe abgehobelt. Wegen der vom ADFC belegten Unfallgefahr, die von diesen Pollern ausgeht, werden sie jetzt wieder verschwinden. Foto: Heiner Schepp

Aachen. Glaubt man den Schilderungen der betroffenen Fahrradfahrer, dann ist der rot-weiße Poller wie aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht. Mitten auf der Fahrbahn. Knallhart. Mit den Eisenstangen auf dem Vennbahnradweg haben schon einige Dutzend Radfahrer schmerzhafte Bekanntschaft gemacht.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Aachen (ADFC) wollte es genau wissen und ließ sich die Unfallhergänge schildern. 42 Betroffene meldeten sich, beschrieben detailliert, wie es zum Zusammenprall gekommen war – und am Dienstag reagierten die Verantwortlichen von Städteregion Aachen und Deutschsprachiger Gemeinschaft in Belgien: Die rund 70 Poller an 30 Querungen der Fahrradstrecke mit anderen Straßen werden mit Blick auf die nächsten langen Wochenenden, die erneut viele Fahrradtouristen anziehen werden, so schnell wie möglich verschwinden.

„Die Strecke wird immer bekannter und immer beliebter“, sagt Detlef Funken, Sprecher der Städteregion. Die Poller sollten eigentlich dazu dienen, Autofahrer davon abzuhalten, auf die Vennbahn zu fahren. Die ADFC-Studie habe ihnen nun erstmals vor Augen geführt, sagt Funken, dass die Poller für die Nutzer der Vennbahn zur Gefahr werden. Und diese Gefahr werde angesichts der steigenden Nutzerzahlen sicher nicht kleiner.

Der ADFC hatte erstaunliche Parallelen zwischen den einzelnen Fällen entdeckt: Meist erfolgte die Begegnung mit dem Poller im Rahmen von Gruppenfahrten mit Freunden oder mit der Familie. Der erste Fahrer hatte das rot-weiße Hindernis zwar noch gesehen, es gleichzeitig aber mit seinem Körper verdeckt und keine entsprechende Warnung nach hinten durchgegeben. Ergebnis: Die Fahrer hinter ihm konnten dem plötzlich vor ihnen auftauchenden Pfahl nicht mehr ausweichen – es kam zur Kollision oder zum Einfädeln mit den Pe­dalen und anschließendem Sturz. Die Folgen der gemelde­ten Stürze reichten von Prellungen und Hautabschürfungen bis hin zu schweren Unfällen, die im Krankenhaus endeten und eine mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit nach sich zogen.

Für den ADFC steht der Schuldige zweifelsfrei fest: Nach §32 (1) der deutschen Straßenverkehrsordnung (StVO) sei es verboten, „Gegenstände auf Straßen zu bringen oder dort liegen zu lassen, wenn dadurch der Verkehr gefährdet oder erschwert werden kann“.Laut Norbert Rath vom Fahrradclub stufen Gerichte die Poller regelmäßig als Verkehrshindernis im Sinne von §32 StVO ein: „Das bedeutet, dass die auf Radwegen üblichen Poller gegen die Benutzung durch Autofahrer in jeder Hinsicht rechtswidrig sind.“

Nun verschwinden die Poller. Die Gerichte werden im Fall der Vennbahn künftig also nicht mehr bemüht werden müssen. Doch alleine entscheiden konnte das die Städteregion nicht. Hubert Philippengracht, Bauamtsleiter der Städteregion, bringt es unter Verweis auf die wechselvolle Geschichte zwischen Deutschland und Belgien auf eine einfache Formel: „Deutsches Recht ist auf der Vennbahntrasse gar nicht anwendbar.“

Tatsächlich gibt es zwischen Roetgen und Kalterherberg seit Ende des Ersten Weltkrieges eine juristische Gemengelage, wie sie bunter kaum sein kann. Nur zwei Beispiele: Die lange Gerade der B258 durchs Venn zwischen Fringshaus und Konzen verläuft durch einen Zipfel Ostbelgiens, und wer im Monschauer Stadtteil Mützenich mit 17 den Führerschein auf Probe gemacht hat, der darf anschließend nicht mit dem Auto aus dem Dorf heraus, denn er müsste die alte Vennbahntrasse überqueren – und die ist belgisches Staatsgebiet.

Das war sie nicht immer: Ursprünglich verband die Bahnlinie die Industriebetriebe im Aachener Ostviertel auf kürzestem Wege mit Luxemburg. Doch am 27. März 1920 wurde die ursprünglich deutsche Trasse durch die neue Grenzziehung und infolge von Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg belgisches Staatsgebiet. „Ein Unfall auf der Vennbahn im Wald bei Roetgen ist heute rechtlich das gleiche wie ein Unfall mitten in Brüssel“, sagt Manfred Stang, seinerzeit Projektleiter für den Bau des Abschnitts zwischen Roetgen und Kalterherberg.

Ob die Querungen der Vennbahn-Trasse mit Straßen nun für immer ohne Sperre oder gesonderten Hinweis bleiben, wird die Zukunft zeigen. Die Städteregion nennt die Entfernung der Poller eine „Testphase“. In den kommenden Monaten würden weitere Lösungen diskutiert. Die Belgier haben auf ihrem Staatsgebiet zum Beispiel den Belag der Vennbahn kurz vor der Querung von Hauptverkehrsstraßen unübersehbar für einige Meter leuchtend grün eingefärbt. Aus den Erfahrungen der Belgier mit dieser Form der Abtrennung von Rad- und Verkehr könne man ja lernen, sagt Funken.

Auch die Interessenvertretung der Radfahrer hat Ideen, um die Kreuzungen zu entschärfen. Ein Vorschlag: Ein weithin sichtbares, 2,30 Meter hohes Portal dort, wo bislang die rot-weißen Pfosten die Autofahrer von der Radstrecke fernhalten sollen. „Viel zu kompliziert“, heißt es im Haus der Städteregion. Ein Rettungswagen brauche inklusive Antennen eine Durchfahrthöhe von knapp vier Metern, und auch der Umstand, dass das ganze Portal schwenkbar sein soll, mache die Angelegenheit – abgesehen von den Kosten – nicht einfacher. Ralf Oswald, Radverkehrsbeauftragter der Städteregion: „Um das Portal zu bewegen, braucht man mindestens zwei Mann.“

Die Polizei verweist zur Vermeidung von Unfällen schlicht auf §1 der Straßenverkehrsordnung: Dessen Gebot der ständigen Vorsicht und gegenseitigen Rücksichtnahme gelte für Autofahrer und für Radfahrer gleichermaßen.

Leserkommentare

Leserkommentare (13)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert