Köln - Die Ochsentour zum Karnevalszug: Ein Enthüllungsbericht

Die Ochsentour zum Karnevalszug: Ein Enthüllungsbericht

Von: Christoph Driessen, dpa
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Einmal in Köln Kamelle werfen - davon träumen nicht nur überzeugte Jecken, das möchten auch andere mal machen. Doch Neulinge sollten wissen: Die Sache kostet viel Zeit - und Nerven. Der Weg zum Karnevalszug ist eine Ochsentour. Foto: dpa

Köln. Karneval will gelernt sein. Das ist die schmerzliche Erfahrung vieler Neu-Kölner. Sie dachten, sie könnten sich mit ihren Kindern einfach so ins Getümmel stürzen und beim Karnevalszug mitmachen. Aber halt, halt - so einfach geht das nicht!

Voraussetzung ist, dass Sohn oder Tochter eine Kölner Schule besuchen, die bei „den Schull- un Veedelszöch” mitmacht. Unmittelbar nach Ende der Sommerferien muss man das Kind verbindlich in eine Liste eintragen lassen, Geld bezahlen und fortan verpflichtend zu den vorbereitenden Elterntreffen erscheinen. Dort lernt man die erste Lektion: Karneval ist keine Sache, die man auf die leichte Schulter nehmen kann. Und Karneval hat rein gar nichts mit Improvisieren zu tun.

Allein über die „Grundfarbe” der Fußgruppe kann gut und gern eine Stunde lang debattiert werden. Anschließend gibt es eine Kampfabstimmung, und die unterlegene Partei weigert sich, das Ergebnis anzuerkennen, „weil es einfach zu knapp war”. Amerikanische Präsidentschaftswahlen mögen schon durch wenige Stimmen entschieden worden sein, aber Farbfragen im Kölner Karneval lassen sich auf diese Weise nicht endgültig klären.

Nächstes Problem: Das Motto, das die Gruppe vor sich herträgt. Relativ rasch wird Einigkeit darüber erzielt, was es inhaltlich aussagen soll. Aber was das nun wieder auf Kölsch heißt, daran scheiden sich die Geister. Zumal kaum noch jemand des Kölschen mächtig ist. Die meisten Leute sind heutzutage sogenannte „Immis” - imitierte Kölsche, Zuzügler. Das Bewusstsein, kein echter, kein gebürtiger Kölner zu sein, nagt an diesen bedauernswerten Menschen.

Weil sie nur ja alles richtig machen wollen, wird unverzüglich die Akademie für Kölsche Sprache eingeschaltet. Diese unangefochtene Instanz übersetzt das Gruppen-Motto in korrektes Kölsch, was zur Folge hat, dass es niemand mehr versteht. Denn echtes Kölsch ist wirklich eine Sprache für sich. So trägt die Gruppe dann am Ende einen Spruch vor sich her, der für die meisten Leuten am Weg rätselhaft bleibt. Aber wenigstens ist er korrekt, und das ist die Hauptsache.

Dann beginnt das Anfertigen der Kostüme. Hier lauert das nächste Fettnäpfchen für Neu-Kölner: Leute, die schon länger in der Stadt wohnen - von gebürtigen Kölnern gar nicht zu reden - haben einfach ganz andere Vorstellungen von dem Aufwand, der für die Herstellung eines halbwegs akzeptablen Kostüms erforderlich ist.

Wenn im Sommer das Thermometer steigt, sitzen sie unterm Sonnenschirm und schneidern bereits für die nächste Session. Wenn man sich solchen Leuten am Morgen des Karnevalssonntags in etwas Zusammengefriemeltem präsentiert („Hauptsache ist doch, wir haben Spaß”), dann wird man die Erfahrung machen, dass es auch mitten im Kölner Karneval plötzlich sehr still werden kann.

Soll man sich im Zweifelsfall besser ein Kostüm kaufen? Um Himmels willen nein! Das wäre in etwa so, als wenn man sich gegenüber der Thomas-Mann-Gesellschaft als Dschungelcamp-Fan outen würde. Kaufen kann man Kostüme allenfalls für die Familie, die am Zugweg steht und winkt, aber niemals für diejenigen, die mitlaufen.

Und nun das heikelste Thema - der Zug selbst. Hat man es endlich nach monatelangen Vorbereitungen so weit gebracht, dass man am Chlodwigplatz - dem Sammelpunkt zum Aufstellen - seinen vorbestimmten Platz einnimmt, beginnt der Stress erst richtig. Die Lage verkompliziert sich dadurch, dass das Aufsuchen einer Toilette während des vierstündigen Zuges nicht möglich ist. Aus diesem Grund bekommen die Kinder vorsorglich nichts zu trinken. Dabei liegen vor den vier Stunden Zugweg noch etwa zwei Stunden Wartezeit am Aufstellungsort. Es kann natürlich nur Zufall sein, aber meist setzt ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt leichter Nieselregen ein.

Anfänger machen den taktischen Fehler, die eigene Familie, die den Mitlaufenden frenetisch zujubeln soll, schon zu Beginn des Zugweges zu postieren. Das ist natürlich psychologisch grundfalsch, denn damit ist der Erlebnishöhepunkt aus Sicht des Kindes bereits überschritten. Unter Garantie wird es dann kurz danach erstmals fragen: „Wie lange noch?” Man vermeide in diesem Fall jede Zeitangabe und antworte ortsbezogen, etwa in der Art: „Da hinter den Häusern ist schon der Kölner Dom!” Das stimmt zwar, aber heißt gar nichts. Der Zug bewegt sich die ganze Zeit in weitem Umfeld um den Kölner Dom herum.

Wichtig ist, immer den Anschluss zur Vordergruppe zu halten - es darf keine Lücke entstehen. Deshalb ertönt ständig der Ruf: „Aufschließen! Los! Beeilt euch!” Aber das ist noch das kleinste Problem. Viel diffiziler ist die Frage: Wie viel Kamelle darf ich werfen? Hier existieren einander widersprechende Lehrmeinungen. Manche lassen sich von der Stimmung mitreißen und werfen mit vollen Händen alles raus. Das Ergebnis: Ungefähr auf Höhe des Einsturzortes des Historischen Stadtarchivs, also noch ziemlich zu Anfang des Zugweges, ist alles weg. Das ist dann natürlich blöd, denn dann muss man bei den anderen klauen, und das gibt böses Blut.

Dann gibt es die Vorsichtig-Sparsamen. Die werfen erst mal kaum was, bemerken irgendwann, dass sie bereits auf die Zielgerade zusteuern, und leeren dann in Panik fünf Säcke auf einmal aus. Deshalb stellen sich viele erfahrene Kölner auch ans Ende der Strecke. Und dann sind da noch jene Kinder, die die besten Sachen für sich behalten wollen und sie deshalb in ihrem Handwagen horten und ungerührt an allen vorbeigehen, die bittend und bettelnd die Hände nach ihnen ausstrecken. Ja, Kinder können grausam sein.

Warum um alles in der Welt nimmt man das alles auf sich? Darauf gibt es nur eine einzige Antwort: Vier Stunden an Hunderttausenden von Gesichtern vorbeizuziehen, die einen anlachen und anspornen, schlägt jedes Psychopharmakon. Das ist ein Erlebnis, das sonst nur Top-Sportlern und Hollywood-Stars zuteil wird. Und darum sind wir dieses Jahr alle wieder mit dabei.
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