Hürtgenwald - Die kleinen Schritte einer großen Kämpferin

Die kleinen Schritte einer großen Kämpferin

Von: Guido Jansen
Letzte Aktualisierung:
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Nadine Pelzer mit zwei ihrer größten Förderer: Peter Bordsdorff und Mutter Anneliese. Foto: Guido Jansen

Hürtgenwald. Nadine Pelzer steht aus ihrem Rollstuhl auf und geht ein paar Schritte. Alleine. Ihr Vater stützt sie nur ganz leicht am Rücken. 1600 Menschen erleben diesen Moment am ersten Sonntag im November mit, in einem Zelt, in dem die Siegerehrung nach dem Rursee Marathon stattgefunden hat. Viele der Zuschauer weinen.

Vor Rührung, oder weil sie das, was sie gerade sehen, nicht glauben können. Die meisten Leichtathleten aus der Region kennen Nadine Pelzer und ihr Schicksal. Sie wissen, dass die schlanke, hoch aufgeschossene junge Frau Tiefen erlebt hat, die sich ein gesunder Mensch nicht vorstellen kann. In den Gesichtern der Augenzeugen dieses Moments zeichnet sich der Respekt vor dem Lebensmut ab, den die 27-Jährige aus der Gemeinde Hürtgenwald aufbringt. Denn das, was Nadine Pelzer in den vergangenen zehn Jahren durchlebt hat, würde normalerweise reichen, um den Mut ganz zu verlieren.

Stattdessen lächelt sie in diesen Tage viel. „Meine Akkus sind so was von voll“, sagt sie. Nadine Pelzer ist bereit für die nächsten Schritte. Im wörtlichen Sinn und im übertragenen. Dass sie nach zehn Jahren an einem guten Tag wieder ein paar Schritte aus eigener Kraft gehen kann, dass sie aus ihrem Rollstuhl aufstehen und sich setzen kann – das gibt ihr Kraft. Und die Tatsache, dass sich so viele Menschen mit ihr freuen.

Über 60 Operationen

Nadine Pelzer kämpft gegen eine Muskel-Dystonie. Ihre Form der Krankheit ist weltweit etwa nur 50 Mal bekannt. Die Muskeln und Sehnen verkürzen sich, sie hat Krampfanfälle und sogenannte Streckspastiken. Wenn es besonders schlimm ist, dann krampft sie so sehr, dass ihre Beine auf ihrer Brust liegen und die Füße neben ihrem Kopf. Oder sie beginnt, sich gegen den Kopf zu schlagen. „Ich kriege davon nie etwas mit, ich bin völlig weg“, sagt Nadine Pelzer.

In guten Zeiten hat sie vielleicht alle drei Wochen einen dieser Anfälle, in schlechten alle paar Tage. Der längste Anfall hat sechs Stunden gedauert, bevor die krampflösenden Medikamente gewirkt haben. Von den vergangenen knapp elf Jahren hat sie fast sieben in Krankenhäusern gelegen. Über 60 Mal ist sie operiert worden, der größte Teil der Eingriffe war schwerwiegend. „Ich habe irgendwann aufgehört, das zu zählen“, sagt sie.

Sie muss viele Medikamente nehmen gegen Krämpfe und Schmerzen, dafür, dass sie Appetit kriegt und dagegen, dass sie das Essen gleich wieder erbricht. Ihre Gelenke von den Zehen bis zu den Knien sind versteift worden, damit sie nicht krampfen können. Ein halbes Jahr hat das gedauert, bis alle dafür notwendigen Eingriffe abgeschlossen waren. Stahlstifte sollten die Zehen stabilisieren. Zehn Minuten, nachdem der Gips ab war, kamen die Krämpfe zurück und haben die Gelenke wieder geknickt.

Ein halbes Jahr voller Operationen war dahin, ein weiteres halbes Jahr folgte. Seitdem funktioniert die Versteifung. „Eine so außergewöhnliche Erkrankung und solch einen schweren, schicksalhaften Krankheitsverlauf habe ich in 40 Jahren als Arzt nie erlebt“, sagt der Dürener Orthopäde Manfred Berger. Viele Jahre, bis zu seinem Ruhestand, hat er Nadine Pelzer begleitet. Eine Prognose, wie ihr Leben weitergeht, kann er nicht leisten. Und kein anderer Arzt.

Was hat Nadine Pelzers Leiden ausgelöst? Nach der Antwort haben die Familie und viele Ärzte gesucht. Vergeblich. Angefangen hat alles mit einer Bandscheiben-Operation. Sie war 16, ein ganz normaler Teenager, gesund. In Hürtgenwald-Gey hat sie im Karnevalsverein getanzt und gehörte dem Schützenverein an. Schülerprinzessin ist sie gewesen. Die Ausbildung zur Krankenschwester sollte drei Monate später beginnen. Die Bandscheiben-Operation 2003 hat alles verändert.

Jahre lang hat die Familie versucht herauszufinden, ob bei dem Eingriff etwas schiefgelaufen ist. Einen Beweis gibt es nicht. Die Nervenwurzeln starben ab, die damals 16-Jährige spürte ihre Beine nicht mehr und ist seitdem an den Rollstuhl gefesselt. Damit lebt Nadine Pelzer heute und ist daran nicht zerbrochen.

Die Augenblicke, in denen sie Schluss machen wollte, hat es trotzdem gegeben. Auch heute noch stellt sie sich immer und immer wieder die Frage, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn das, was 2003 mit ihr geschehen ist, nie gewesen wäre.

„Vor allem gesund sein ...“

Sie blickt dann auf das Leben ihres Zwillingsbruders, der mittlerweile eine kleine Familie gegründet hat. „Wir haben 16 Jahre lang alles gemeinsam gemacht. Ich blicke auf sein Leben und frage mich oft: Wo würdest du heute arbeiten? Hättest du eine Familie? Kinder? Ein Haus? So wie man sich eigentlich eine Zukunft vorstellt“, sagt sie und wird ganz leise. „Vor allem gesund sein ...“, schiebt sie nach einer Pause hinterher und kann nicht weiter sprechen, weil die Tränen ihre Stimme ersticken.

In dem Moment ergreift Peter Borsdorff das Wort. Der Rentner aus Düren ist der bekannteste Läufer der Region. Nicht, weil er am schnellsten ist. Borsdorff sammelt seit 1995 Geld für behinderte Kinder. Running for Kids heißt seine Aktion. Bei fast 800.000 Euro ist der Spendenstand angelangt. Vor drei Jahren traf er Nadine Pelzer und entschied sich, ihr zu helfen.

„2010 habe ich sie in einem Liegerollstuhl kennengelernt. Ihre Mutter hat die Fußstützen abgemacht und ihre Beine blieben einfach so stehen. So steif war sie damals. Seelisch war sie ganz weit unten, sie hat mir von ihrer Zeit erzählt, in der sie ihren Lebensmut völlig verloren hatte“, sagt Borsdorff über den Moment, in dem er sich entschieden hat, von seiner Prämisse abzuweichen, für Kinder zu sammeln. „Wenn ich mir jetzt anschaue, welche Fortschritte du gemacht hast – das ist einfach unfassbar“, sagt Borsdorff und spielt damit auf den Moment nach dem Rursee Marathon an, als Nadine Pelzer ein paar Schritte getan hat. Die junge Frau lächelt und wischt die Tränen aus dem Gesicht.

Die 27-Jährige war Anfang November gerade zurück von der Karibik-Insel Curaçao. Dort hatte sie ihre fünfte Delfin-Therapie gemacht. Die war Dank Borsdorffs finanzieller Unterstützung möglich geworden. Das Spendengeld ist nicht das einzige, das Borsdorff für die schwer kranke junge Frau tut. Der Rentner ist ihr Mutmacher. Nadine Pelzer nennt ihn deshalb oft ihren „zweiten Papa“. In diesen Tagen ist das Mutmachen nicht schwer. In den Momenten des Gesprächs, in denen Nadine Pelzer mit den Tränen kämpft, braucht Borsdorff nur anzufangen, über ihre großen Fortschritte zu schwärmen. Sofort kehrt das Lächeln auf ihr Gesicht zurück. „Ich hätte Anfang des Jahres nicht daran geglaubt, dass ich so weit komme“, sagt sie.

Das Mutmachen war nicht immer so einfach. Mit ihrer Krankheit hat Nadine Pelzer die meisten ihrer Freunde verloren. „Mit mir kann man nicht mehr shoppen oder tanzen gehen“, sagte sie. Neben ihrer Familie ist ihr nur eine Freundin geblieben. Die Kontakte zu den Vereinen, in denen sie als gesunder Mensch Mitglied war, rissen ab. Bis Peter Borsdorff kam. Indem er immer wieder für sie gesammelt hat, wurde das schwere Schicksal der jungen Frau bekannt. Pelzer wurde Edel-Piratin im Jülicher Ausdauersport-Team Juliacum-Pirate und fand so einen Zugang in die Läufer-Szene.

Borsdorff startete eine Art Facebook-Therapie. Er zündete im Internet virtuell Kerzen an, wenn die nächste schwere Operation anstand oder der Gesundheits- oder Gemütszustand im Keller waren. Er schrieb, dass er Reibekuchen mit ins Krankenhaus gebracht hatte, weil Nadine Pelzer es sich gewünscht hat, als erste Mahlzeit nach vier Monaten. Mehr und mehr Menschen haben das mitbekommen. „Das hat mir im Krankenhaus oft Kraft gegeben, wenn ich gesehen habe, wie viele Menschen an mich gedacht haben und mir gute Besserung und viel Kraft gewünscht haben“, sagt Nadine Pelzer.

Mittlerweile ist die Sympathie für sie übergeschwappt aus der virtuellen in die wirkliche Welt. Viele Menschen haben ihre Berührungsängste abgelegt, sprechen die Frau an, die Borsdorff gerne „die große Kämpferin“ nennt. „Wenn ich das merke, dann sage ich zu mir: Scheiß drauf, wenn es gerade schwierig ist. Ich kämpfe weiter“, sagt sie über die Kraft, die sie aus dem Interesse an ihrer Person und an ihrem Schicksal zieht.

Im Sommer, wenn Peter Borsdorff zu seinem großen Benefizlauf zu Gunsten behinderter Kinder startet, will sie selbst auf die Laufbahn. Ein paar Meter gehen, vielleicht eine Runde oder zwei. Der Moment wird emotional. So wie nach dem Rursee Marathon. Vorher wartet die nächste Operation: Im Januar geht es darum, einen Darmverschluss zu verhindern. Und es wird Rückschläge geben. Beispielsweise jetzt, wenn es kalt ist. Im Winter kann sie ihre kleine Wohnung oft nicht verlassen, die an das Elternhaus angebaut ist.

„Ich muss realistisch bleiben. Ein Leben ganz ohne Rollstuhl wird es für mich nicht geben. Trotzdem werde ich nicht aufgeben“, sagt Nadine Pelzer. Peter Borsdorff sammelt bereits Geld für die Delfin-Therapie 2014. „Es wäre toll, wenn ich irgendwann in der Lage wäre, mich selbstständig in meiner Wohnung zu bewegen, alleine in die Küche oder auf Toilette gehen könnte“, formuliert sie Ziele. Einen Traum hat sie. Irgendwann will sie in der Lage sein, den Kinderwagen mit ihrem Kind ohne Hilfe durch den Ort zu schieben.

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