Die Kirche lebt, nur anders als früher

Von: Christopher Gerards
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Kurz vor dem Ende der Aachener Heiligtumsfahrt: Der Bikergottesdienst Sonntagnachmittag fand noch auf dem Katschhof statt, die Schlussfeier wurde wegen Regens in den Dom verlegt. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Franz-Josef Staat hat noch keine drei Minuten gesprochen am Sonntag, diesem letzten Tag der Aachener Heiligtumsfahrt, da steht diese These im Raum. Staat sagt: „Kirche lebt, mehr denn je.“ Kurze Pause. „Nur in anderer Form.“

Staat, 55, Brille, rote Allwetterjacke, sitzt auf einer Bank am Rande des Katschhofs in Aachen, auf einem Schildchen, das vor seinem Körper baumelt, steht „Veranstaltungsleiter“. Staat sagt: „Ich nenn‘ mich immer Mädchen für alles.“

Staat ist der mit dem Überblick, er hat jeden Tag der Heiligtumsfahrt erlebt, von der Erhebung am Freitag vor einer Woche bis am Sonntag zur Abschlussfeier. Seine These also begründet Staat zum Beispiel damit, dass es gelungen sei zu zeigen, „dass Kirche auch etwas Buntes ist, kindgerecht sein kann“. Man kann Staat nicht absprechen, dass er in den vergangenen zehn Tagen ziemlich gute Argumente hat sammeln können.

Am Sonntagabend ist die Aachener Heiligtumsfahrt zu Ende gegangen, es gab eine Pilgermesse, einen Gottesdienst für Motorradfahrer und eine Schlussfeier mit Bischoff Heinrich Mussinghoff. Wieder kamen zahlreiche Gläubige, und obschon es ziemlich heftig regnete, hat auch dieser Sonntag verdeutlicht, warum die Heiligtumsfahrt in diesem Jahr besonders schön gewesen ist, warum in den vergangenen Tagen wohl deutlich mehr als 100.000 Menschen nach Aachen gekommen sind, aus allen Teilen Deutschlands, aus Malaysia, den USA oder Kolumbien.

Zwischen Dom und Rathaus, auf dem Kopfsteinpflaster des Katschhofs, steht jetzt Thomas Kramer, 52, seine Anreise war vergleichsweise kurz. Er wohnt in Aachen-Laurensberg und ist das zweite Mal in dieser Woche bei der Heiligtumsfahrt, der Unterschied ist, dass Kramer jetzt mit einer schwarzen Harley Davidson beim Bikergottesdienst steht, 90 PS, vor einer Woche gekauft. Kramer lächelt. Er sagt, er sei ein gläubiger Mensch, deshalb sei er hier und deshalb versuche er auch sonst, als ein guter Mensch zu leben.

Über Thomas Kramer muss man wissen, dass er als Geschäftsführer einer Maschinenbaufirma arbeitet, beruflich bewegt er sich in der Welt der Naturgesetze, was erstmal nach einem ziemlichen Spannungsfeld klingt: auf der einen Seite die Rationalität des Maschinenbauers Kramer; auf der anderen die Spiritualität des Christen Kramer. Aber so wie er es sieht, „gibt es ja genügend Sachen, die mit physikalischen Grundgesetzen nicht zu erklären sind“. Überhaupt findet Kramer die Heiligtumsfahrt sehr ansprechend, die Stadt sei ja normalerweise ein bisschen öde. Jetzt hat er eine Art „grundgute Stimmung“ festgestellt.

In den Tagen der Heiligtumsfahrt lag etwas Freundliches über der Stadt, und das hatte nichts mit der Sonne zu tun, die immer wieder mal geschienen hat. Es lag eher an Menschen, die vorfreudig waren oder einfach nur gut gelaunt, die nach dem Betrachten der Reliquien erleuchtet schienen oder erheitert, auf jeden Fall an Menschen, die guter Dinge waren und in der Stadt so etwas wie Milde und Frieden verbreiteten. Keine Selbstverständlichkeit bei Großveranstaltungen.

„Alle diese Faktoren“

„Die Leute waren glücklich und zufrieden“, sagt Franz-Josef Staat und breitet die Hände aus, so einfach ist das also. Dass diesmal ein paar Zehntausend Menschen mehr gekommen sind als noch 2007, begründet Staat so: Das Image der Heiligtumsfahrt sei diesmal jünger, Kanäle wie Youtube und Facebook würden bespielt. Außerdem seien die Veranstalter noch besser mit den Menschen ins Gespräch gekommen, über einen Info-Container in der Großkölnstraße etwa oder über Pilgerführer. Es habe zudem eine Pilgerraststätte zum Ausruhen gegeben, und Pilgern sei als solches ohnehin wieder ziemlich angesagt. Staat sagt: „Alle diese Faktoren.“

Am Ende großer Veranstaltungen stellt sich immer die Frage, was von ihnen bleibt, und bei einer Wallfahrt ist die Antwort meist weniger eindeutig zu beantworten als bei Annakirmes, beim CHIO oder beim Karnevalszug. Was das bei den Pilgern gewesen ist, lässt sich kaum verallgemeinern, von Erleuchtung bis Enttäuschung und wahrscheinlich alles, was dazwischen liegt. Bei den Beschäftigten des Bistums bleibt wahrscheinlich das Gefühl, sehr nah an sehr vielen Menschen gewesen zu sein, bei den Stadtverwaltern die Zufriedenheit über die vielen Touristen und das viele Geld, das sie nach Aachen gebracht haben. Und sonst?

„Es war einfach begeisternd“, sagt Staat am Sonntagnachmittag, kurz bevor er wieder Richtung Katschhof geht.

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