Die Hebammen in der Region streiken

Von: Christina Diels
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Hebammenstreik
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Aachen. Hebammen, die lautstark Parolen proben. Selbst Hebammen, die Trillerpfeifen blasen - Florian beeindrucken sie nicht. Ruhig schläft der Säugling auf dem Hof des Geburtshauses. Vor zwei Wochen hat Hebamme Elisabeth Roentgen dem Jungen im Haus an der Passstraße auf die Welt geholfen.

Seine Eltern sind dem Aufruf der Geburtshelferinnen gefolgt und versammeln sich hier mit rund 70 Müttern und Schwangeren, vereinzelt Vätern, Babies und Kleinkindern, um dann mit Frauen, Männern, Kindern und Kinderwagen Richtung Stadt zu ziehen.

Seit drei Wochen machen Nordrhein-Westfalens Hebammen auf ihre existenzbedrohende Lage aufmerksam. Auf fast 3700 Euro sind die Prämien für die Berufshaftpflicht gestiegen. „Dafür müssen wir zehn Geburten im Jahr machen”, sagt Jutta Augustin, ebenfalls Hebamme im Geburtshaus. 2003 zahlte sie nur knapp 1400 Euro. Ihre Kollegin Gitte Emonts fehlt beim Streik. Wegen einer Geburt.

Nie würde sie die werdende Mutter allein lassen. Das ist eine Herzenssache. Doch Emonts sagt: „Dafür dass wir permanent Verantwortung für zwei Leben tragen, ist die Bezahlung Frust.” An der pauschalen Prämie moniert sie die fehlende Abstufung. Sie berücksichtigt nicht, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Schadensfall bei weniger Geburten sinkt. „Zumal die Erhöhung nicht durch einen Anstieg der Schadensfälle verursacht worden ist, sondern durch massiv angestiegene Pflegekosten der Geschädigten”, sagt Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes.

Augustin liebt ihren Beruf. „Attraktiv, vielseitig, freudig, direkt am Leben”, zählt sie auf. „Erfüllend”, sagt die jüngste Hebamme im Geburtshaus-Team, Liesa Lengersdorf. Die Mutter einer zweijährigen Tochter kam für eine Kollegin, für die sich Geburtshilfe in Teilzeit nicht lohnt. Und Lengersdorf? „Ich versuche zu jonglieren”, sagt sie. Zwischen Familie und Arbeit. Von den 27 Euro, die eine Hebamme pro Wochenbettbesuch bekommt, bleiben netto 7,50 Euro übrig, rechnet der Deutsche Hebammenverband vor. „Dafür geht keiner arbeiten”, sagt Eva Krings, Hebamme aus Simmerath, die sich für den Vormittag in Aachen ein Banner „SOS - gerechtere Bezahlung” gebastelt hat.

„Die Engpässe bei der Versorgung mit Hebammenhilfe werden immer größer”, sagt Angelika Josten, erste Vorsitzendes des Landesverbandes der Hebammen NRW. Es muss sich etwas ändern. Nur wie? Ann Marini, Sprecherin des Spitzenverbandes Gesetzliche Krankenkassen, sagt: „Einen neuen Impuls für die Verhandlungen versprechen wir uns von der laufenden Studie des Bundesgesundheitsministeriums zur Vergütungssituation der Hebammen.” „Die Evaluierung ist lange gelaufen”, sagt Hebamme Augustin. „Die wollen vertrösten”, sagt Lengersdorf. Die zwei Honorarerhöhungen 2010, die Marini nennt, bedeuteten für die Hebammen keine nennenswerte Verbesserung.

Der kleine Florian ist - geschoben vom Papa - am Elisenbrunnen angekommen. Dort verteilt die Hebamme, die ihn auf die Welt geholt hat, Protestkarten an Passanten. Die sollen sie an ihre Krankenkasse schicken. Andrea Kleinbreuer, Sprecherin der Techniker Krankenkasse, versteht die Hebammen. „Eine Steigerung von 300 Prozent ist echt der Hammer”, sagt sie. „Aber wenn ein privater Haftpflichtanbieter die Versichertenbeiträge so hoch setzt, kann die gesetzliche Krankenkasse nicht dafür zahlen.”

Ein Kredit für die hohe Haftpflicht

„Die hohe Haftpflicht schreckt mich ab, in die Freiberuflichkeit zu gehen”, sagt Mira Fleischer, 24. Carla Tiller, 24, müsste einen Kredit aufnehmen - das Risiko umgeht sie. Sie arbeitet freiberuflich, aber nicht in der Geburtshilfe. Roentgen versteht das. Weil ihre Familie ihr den Rücken freihält, kann die vierfache Mutter rund um die Uhr Kindern auf die Welt helfen. So wie Florian.

Ein Nachwuchsproblem sieht Susanne Peters, Leiterin der Hebammmenschule im Luisenhopital, nicht. Der neue Studiengang Hebammenkunde in Bochum könnte ein paar Schülerinnen abgeworben haben, sagt sie. Aber es gebe immer noch deutlich mehr Bewerberinnen als Stellen.

Der Streik in NRW endet am Freitag, am „Equal Pay Day”,vor dem Kölner Geburtshaus. Gleiches Entgelt bei gleich guter Arbeit von Männern und Frauen fordern die 18.000 Hebammen im Land. Die Aachener Hebammen wünschen sich, dass das Geburtshaus erhalten bleibt. Florians Mutter Hannah möchte beim nächsten Kind wieder hier entbinden.
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