Die Glockengießerei in der Vulkaneifel

Von: Marlon Gego
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Die wahrscheinlich einzige Glockengießerin der Welt: Cornelia Mark-Maas in ihrer Glockengießerei in Brockscheid. Sie ist die einzige in ihrem 13-Mann-Betrieb, die jedes Detail des Glockengießens kennt. Nach und nach gibt sie alles an ihren Sohn Julius weiter, der die Gießerei eines Tages übernehmen wird. Foto: Marlon Gego
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Das wichtigste Werkzeug der Glockengießer: Die Schablone wird für jede Glocke einzeln angefertigt. Mit ihr werden die Lehmschichten auf der aufgemauerten Glockenform modelliert. Foto: Marlon Gego

Brockscheid. Die Werkhalle der Glockengießerei in Brockscheid hat etwas von einer Kathedrale, hohe Decken, Stille, in sich gekehrte Männer, nur einen Altar gibt es nicht. Es ist auch nicht kühl, sondern warm, es riecht nach brennendem Buchenholz, drei große Glockenformen werden gerade ausgebrannt, die Feuer sind 800 Grad warm.

Einer der Männer feuert schweigend nach, damit die Temperatur nicht sinkt, ein anderer schiebt eine Karre mit Lehm heran, für die nächste Glockenform. Niemand lässt sich aus der Ruhe bringen, niemand sagt ein Wort.

Wer nach Brockscheid kommt und eine Glocke bestellt, der kommt mit heiligem Ernst. Eine Glocke ist bis heute so etwas wie die Visitenkarte einer Kirchengemeinde, und je kleiner der Ort, in dem die Kirche steht, desto wichtiger die Glocke.

Der Pfarrgemeinderat und der Pfarrer haben oft jahrelang darüber beraten, welche Glocke angeschafft werden soll, wie groß sie wird, wie teuer sie sein darf, wie sie zu klingen hat, bevor ihre Herstellung in Auftrag gegeben wird. Wer nach Brockscheid kommt, trägt den Geist der Gemeinde dorthin, damit er sich später im Klang der Glocke widerspiegeln kann.

Cornelia Mark-Maas sitzt in ihrem Büro und bringt Ordnung in die Abrechnungen, von der Andächtigkeit der Werkhalle ist in der Buchhaltung ihrer Glockengießerei nicht viel zu spüren. Mark-Maas ist wahrscheinlich die einzige Glockengießerin der Welt, sie führt einen von noch vier Betrieben in Deutschland, die vom Geschäft mit den Glocken leben.

Die Familie Mark ist eine deutsche Glockengießerdynastie, die sich bis 1620 zurückverfolgen lässt, ihre Vorfahren fingen als Wanderglockengießer an. Sie gingen dahin, wo es Glocken zu gießen gab, erst 1840 ließen die Marks sich in Brockscheid nieder und sind dort bis heute. Vulkaneifel, zehn Minuten von Daun, entfernt, inmitten der alten vulkanischen Mulden, die dort Maare heißen.

Jenseits der Globalisierung

Seit die Marks 1620 mit dem Glockengießen begannen, hat sich am Herstellungsprozess eigentlich nicht viel geändert, die Industrialisierung und später auch die Globalisierung haben das Glockengießen so gut wie nicht beeinflusst. Es gibt auch keine Kirchenglocken, die billig in Ostasien hergestellt, zu Tausenden mit Schiffen nach Europa gebracht und dann in jedem Dorf in die Kirchentürme gehangen werden. Das hat etwas Tröstliches.

An dem Versuch, den Prozess der Glockenherstellung zusammenzufassen, sind schon viele gescheitert, auch Friedrich Schiller ist es im „Lied von der Glocke“ eigentlich nur so halbwegs gelungen. Und das, obwohl Schiller zehn Strophen des Gedichts allein dem Herstellungsprozess gewidmet hat und es in den vergangenen 2000 Jahren nicht sehr viele Menschen gab, die die Dinge sprachlich besser auf den Punkt bringen konnten als Herr Schiller.

Kurz gesagt funktioniert es etwa so: Die Form der Glocke besteht aus drei Teilen, der erste wird gemauert, die beiden anderen mit mehreren Schichten Lehm hergestellt. Am Ende wird einer der drei Teile entfernt, und in den Hohlraum zwischen den beiden anderen Formteilen wird die Glockenbronze gegossen. Dazu kommen dann noch gefühlte hunderttausend Zwischenschritte.

Das Gießen selbst ist ein spirituelles Ereignis, bei dem der Auftraggeber und der Pfarrer meist dabei sind, und das einem festen Ritual folgt. Durch Mark-Maas‘ Werkhalle fließt dann in einer kleinen Rinne auf 1100 Grad erhitzte Glockenbronze, eine gefährliche Sache.

Der glühende Bronzestrom, der ein bisschen wie fließende Lava aussieht, kann die Glockengießer oder die Zuschauer schwer verletzen, beim Gießen sind schon Menschen gestorben. Nicht ganz so schlimm ist es, wenn die Glocke bricht, dann beginnt der ganze Herstellungsprozess eben von vorn. Das Herstellen einer Durchschnittsglocke dauert drei Monate, die eines Glockengiganten wie dem dicken Pitter im Kölner Dom ein Jahr.

Sicher muss ein Glockengießer über ein gewisses Maß an Leidenschaft verfügen, aber wichtiger ist noch, sorgfältig zu sein. Die Glocke muss exakt auf den vorher festgelegten Ton gestimmt werden, wer Fehler macht, beginnt von vorn. Mehr als alles andere muss ein Glockengießer Pragmatiker sein, der die Kosten im Blick hat, sonst kann man die Gießerei auch gleich schließen. Je länger die Herstellung einer Sache dauert, desto größer ist die Gefahr, dass die Kosten aus dem Ruder laufen, zumal dann, wenn kein Auftrag wie der andere ist.

Mark-Maas sagt, dass vom Glockengießen allein heute kein Betrieb mehr leben kann. Dass in den Bistümern gespart wird, merken auch die Glockengießer. Eine wichtige Einnahmequelle sind deswegen die Wartungsarbeiten. Wer eine neue Glocke bestellt, kauft meistens die Wartungsarbeiten für die nächsten Jahre mit, denn eine Glocke, die nicht gewartet wird, macht es nicht besonders lang. Eine Glocke hingegen, die vernünftig gewartet wird, kann Hunderte Jahre lang geläutet werden.

Cornelia Mark-Maas (53) ist die einzige in der Glockengießerei, die alle Details des Glockengießens kennt, sie sind nirgendwo aufgeschrieben. Sie hat alles von ihrem Vater erfahren, der es wiederum von seinem Vater wusste und so fort. Sie ist dabei, alles an ihren Sohn Julius (24) weiterzugeben, er wird die Gießerei übernehmen. So haftet dem Glockengießen ewig auch etwas Mystisches an. Die Glocke ist nicht einfach irgendein Ding, sondern wird vollständig in Handarbeit hergestellt und entwickelt einen Klang, der sich auch am Computer nicht vollständig simulieren lässt. Große Kunst.

Begreift sich die Glockengießerin also auch . . . „als Künstlerin?“, fragt Cornelia Mark-Maas und schaut etwas verwundert. „Ich bin“, sagt sie, „keine Künstlerin, ich bin Handwerkerin.“

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