Die Geschichte des Wegberger Gitarrenbauers

Von: Daniel Gerhards
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Besonders soll das Holz schon sein: Gitarrenbauer Christoph Michael Pesch fertigt sehr individuelle Instrumente. Besonders ist auch die Familiengeschichte des Wegbergers. Foto: Daniel Gerhards
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Christoph Michael Pesch ist auch als Musiker aktiv. Foto: Daniel Gerhards

Wegberg. In der Geschichte von Christoph Michael Pesch geht es um Liebe, Herzblut und Harmonie. Das Herzblut, das in seinen Instrumenten steckt. Die Liebe zu seiner Familie und seiner Heimat. Und die Harmonie von Menschen.

Seine Geschichte beginnt in Wegberg, dort wächst Pesch auf, geht zur Schule, lernt seine Frau kennen, bricht seine Ausbildung zum Erzieher ab und lernt dann das Tischlerhandwerk. Soweit nichts Besonderes, aber der Gesellenbrief ist für ihn nur das Fundament dafür, seiner Leidenschaft noch ein Stück näher zu kommen: der Musik.

Pesch baut Instrumente. Er macht das so gerne, dass er sich, als er 1996 seinen Job verliert, in ganz Deutschland bei Firmen bewirbt, die Instrumente herstellen. Er findet eine Anstellung in Bubenreuth, das liegt bei Erlangen und ist so etwas wie das Mekka des Gitarrenbaus. 2002 macht er als Zupfinstrumentenmacher seinen Meister, er ist der Beste seines Jahrgangs und bekommt den Staatspreis für hervorragende Prüfungsleistungen. Wenig später macht er sich selbstständig.

Sie wollen zurück

Mit seiner Frau kauft er im 145-Einwohner zählenden Ort Schossaritz ein mehr als 300 Jahre altes Haus. Sie bekommen neun Kinder. Die fühlen sich wohl in der Idylle der Fränkischen Schweiz. Und dann fällen die Peschs eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben noch einmal auf den Kopf stellt. Sie wollen nach 18 Jahren zurück nach Hause. Zurück nach Wegberg, zur Familie, zu den alten Freunden. Jetzt leben die Peschs in Wegberg-Arsbeck, wo Christoph Michael Pesch auch eine Werkstatt hat.

Aber wieso geht man einen solchen Schritt? „Wir hatten das Gefühl, dass sich etwas verändern muss. Uns wurde das alles zu eng, wir hatten einen großen Freiheitsdrang“, sagt Christoph Michael Pesch. Damit meinte er es ernst. „Das war ein innerer Impuls, ein Ruf, der hatte Energie. Das war nicht bloß eine Laune“, sagt Pesch. Aber der Ruf nach Freiheit führte Pesch und seine Familie nicht hinaus in die große weite Welt, sondern wieder zurück – in die Heimat.

In Franken hat es die Familie ohnehin nicht immer ganz leicht – zumindest nicht der Teil, der nicht dort zur Welt gekommen ist. Peschs sieben jüngste Kinder sind in Franken geboren. „Wir anderen waren für die Einheimischen immer die Preußen“, sagt Pesch, 47 Jahre.

Und dann ist er auch noch Künstler, ein Exot. Es fällt ihm nicht leicht, mit den Leuten in Franken warmzuwerden. Ihm fehlt die Herzlichkeit, die er von den Menschen im Kreis Heinsberg kennt. Jetzt spüre er sie wieder – sogar bei Telefonaten mit dem Finanzamt. Das liegt an der Mentalität und an der Sprache. „Das Fränkische ist da viel härter, die Leute hier im Kreis Heinsberg sind zuvorkommend und haben eine gewisse Güte“, sagt er.

Pesch ist ein Mensch mit großem Bezug zu Natur, er erzählt davon, dass er als kleiner Junge zum Spielen immer in den Wald gegangen ist. Zwischen Büschen und Bäumen hat er seine Nachmittage nach der Schule verbracht. Deshalb habe ihm auch die Landschaft seiner Heimat gefehlt. Der Wald und der Boden hätten hier einen ganz anderen Geruch als in Bayern – den Geruch seiner Kindheit.

Als kleines Kind musiziert Pesch bereits. Die Musikalität sei ihm in die Wiege gelegt worden: „Das war im Starterset mit drin.“ Als kleiner Junge spielt er auf einer Orgel mit vier Oktaven den ersten Schneewalzer für seine Oma. Dann lernt er immer neue Instrumente: Schlagzeug, Mundharmonika, Blockflöte. Als Jugendlicher hat er noch etwas Geld von seiner Kinderkommunion übrig und kauft sich einen E-Bass.

Wenig später hat er eine Band. Er lernt Gitarre, Keyboard und Trompete. Später noch – aus beruflichen Gründen – Mandoline, Zither und Hackbrett. Das meiste hat er sich selber beigebracht. Pesch baut nicht nur Instrumente, er macht auch als Gitarrist Karriere. Er mag ruhige, etwas zurückgenommene Musik und klassische Volkslieder. Er komponiert eigene Stücke, nimmt CDs auf und spielt Konzerte.

2007 steht er auf der Bühne der Carnegie Hall in New York. Für ihn ist das wie ein Ritterschlag. Aber für Pesch auch ernüchternd. „Da ist ein Riesenandrang. In der Carnegie Hall ist den ganzen Tag lang Programm“, sagt er. Es muss ruckzuck gehen: anziehen, auf die Bühne, spielen und wieder runter. Zehn Minuten später stehe man wieder auf der Straße, auf der 7th Avenue in Manhattan.

New York, London, Berlin, das ist nicht die Welt von Christoph Michael Pesch. Er mag es eher beschaulich. Er lebt gern auf dem Land. Er liebt die Natur, der Großstadtrummel ist ihm zu viel. Vielleicht braucht er die Ruhe, um sein Leben zu managen. Selbstständigkeit und eine Großfamilie unter einen Hut zu bringen, ist eine echte Meisterleistung. Ausflüge, Schulaufgaben und Wocheneinkäufe sind bei den Peschs gleich neunmal komplizierter als in den meisten anderen Familien. Eigentlich wollten die Peschs fünf Kinder bekommen. Aber als sie vier hatten, kamen Zwillinge – und dann noch einmal drei hinterher. Aber das hätten sie schon alles so gewollt, sagt Pesch.

Während Pesch von seiner Familie erzählt, von der riesigen Leistung, die seine Frau Tag für Tag mit all den Kinder vollbringe, sitzt er in seiner Werkstatt. Er baut und repariert vorwiegend Gitarren und Mandolinen. Für seine Instrumente verwendet er nur europäische Hölzer, zum Beispiel Hochgebirgsfichte, Eiche oder Nussbaum. Oder wenn das Holz besonders dunkel sein soll, auch mal 3000 Jahre alte Mooreiche. Die Mooreiche, die er für seine eigene siebenseitige Konzertgitarre verwendet hat, gehörte mal zu einer Furt-Befestigung zwischen Würzburg und Nürnberg. Pesch kann eine ganze Geschichte zu diesem Stück Holz erzählen.

Alles Handarbeit

Das Holz in Peschs Werkstatt ist ohnehin handverlesen. Das Holz für die Gitarrendecken kauft er zum Beispiel in Mittenwald im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Er fährt dorthin und sucht jedes Stück einzeln aus. Dann muss das Holz noch mindestens fünf Jahre trocknen, bevor er es verarbeiten kann. Er macht alles in Handarbeit, aufwendige Schnitzereien inklusive. Etwa einen Monat braucht Pesch, um eine Gitarre zu bauen.

Dieser Aufwand hat seinen Preis. Zu Christoph Michael Pesch kommen Profimusiker und Hobbygitarristen, die sich den großen Wunsch erfüllen wollen, ein wirklich individuelles Instrument zu spielen. Wenn Pesch über solche Dinge spricht, dann lernt man seine spirituelle Seite kennen. Er orientiert sich an einem Satz, den er mehrfach im Gespräch sagt: „Leb’, was du bist, tu’, was du bist.“ Er habe eine „spirituelle Anbindung“ und sei religiös, Individualität und Ursprünglichkeit seien für ihn wichtige Begriffe. Damit halte er auch nicht hinter dem Berg: „Ich habe schon ein Sendungsbewusstsein“, sagt Pesch.

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