Die Geschäfte mit den Rettern vom Roten Kreuz

Von: René Benden und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Das Deutsche Rote Kreuz ist für das Rettungswesen in weiten Teilen der Städteregion Aachen verantwortlich. Doch wegen des gestiegenen Kostendrucks sind Rettungsassistenten, Rettungssanitäter und Rettungshelfer in mehr als der Hälfte der Fälle Azubis, Ehrenamtler oder geringfügig Beschäftigte. Foto: stock/imagebroker
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Der Rettungsdienst in der Städteregion soll nach dem Willen der drei Hilfsorganisationen vorzeitig neu vergeben werden. Foto: Imago/Rust

Aachen. Am 19. März vermischen sich in einem Würselener Unternehmen unterschiedliche Chemikalien. Gefährliches Chlorgas entsteht. Neun Menschen werden verletzt. Ein Rettungswagen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) nach dem anderen rollt an. Als ein Spezialist vom Gewerbeaufsichtsamt aus Köln eintrifft, stellt der erstaunt fest, dass die Feuerwehr gar nicht vor Ort ist. Stattdessen hat ein Retter vom DRK entschieden, die Einsatzleitung auf eigene Faust zu übernehmen.

Die Qualifikation oder gar eine Erlaubnis besitzt der DRK-Rettungsdienst dafür nicht. Trotzdem halten sie die Feuerwehr vom Unfallort fern, gerade so, als wollten die Retter sagen, dass sie auch ohne die Feuerwehr gut zurechtkommen.

Was am 19. März in Würselen geschah, ist bislang nicht an die Öffentlichkeit gedrungen. Dennoch hat dieser Tag die Rettungsorganisation in der Städteregion nachhaltig erschüttert. Das eigenmächtige und amtsanmaßende Auftreten eines DRK-Einsatzleiters ist letztlich das Ergebnis eines schon länger schwelenden Konflikts zwischen den Feuerwehren in der Städteregion und dem DRK. Ein Streit, der eine unangenehme Erkenntnis ans Tageslicht fördert.

Denn da, wo im schlimmsten Fall um Leben und Tod gerungen wird, spielt nicht nur das Wohl des Patienten eine Rolle. Es geht auch um Ansehen, Macht und vor allem um Geld. Denn Lebensretter sein darf meist nur der, der billig ist. Und die Politik, die den Rahmen für das Rettungswesen setzt, schaut dem fragwürdigen Preiskampf auf dem Rettungsmarkt nicht nur zu. Sie fördert ihn sogar.

Viele Einsätze, wenig Personal

Der Streit zwischen Feuerwehr und DRK in der Städteregion ist nur zu verstehen, wenn man sich die Organisation der Rettungsdienste ansieht. Rettungswagen ist nämlich nicht gleich Rettungswagen. Die Stadtgrenzen bestimmen, wer einen in Not geratenen Menschen retten darf. Während die Städte Aachen, Eschweiler, Stolberg und Alsdorf den Rettungsdienst teilweise über ihre Feuerwehren gewährleisten, haben die anderen sechs Kommunen der Städteregion das Rettungswesen an ein und denselben Dienstleister abgegeben: ans DRK.

Zwar ist die Auslagerung des Rettungsdienstes in Deutschland nicht ungewöhnlich. Doch hat eine Kommune dieses Geschäft erst einmal an einen externen Dienstleister vergeben, verändern sich die Rahmenbedingungen bei den Rettern rasant. Während Kommunen ihren Rettungsdienst über verbeamtetes oder fest angestelltes Personal in den Feuerwehren organisieren, unterliegen Wohlfahrtsverbände im weitesten Sinne den Gesetzen des Marktes, wenn sie den Rettungsdienst übernehmen.

Denn im Gegensatz zu einer Kommune muss sich bei einem Dienstleister der Rettungsdienst wirtschaftlich tragen. Im besten Fall spült er Geld in die Kassen der Wohlfahrtsverbände, die zwar keinen Gewinn machen dürfen, die Überschüsse aber zur Finanzierung anderer Tätigkeitsfelder verwenden. Beim DRK in der Städteregion also zum Beispiel für die Rettungshundestaffel, die Wasserrettung oder den Katastrophenschutz.

Der Schlüssel, wie man das Rettungsgeschäft möglichst billig gestaltet, ist simpel: viele Einsätze mit wenig fest angestelltem Personal. In der Praxis sieht das dann so aus: Den etwa 90 fest angestellten Rettern beim DRK der Städteregion stehen knapp 40 Auszubildende zur Seite. Hinzu kommen noch einmal 80 bis 100 Ehrenamtler, die im Monat fest eingeplant werden müssen, um alle Dienste abdecken zu können.

Ehrenamtler und Azubis

Das allein sagt noch nicht unbedingt etwas über die Qualität des DRK-Personals aus. Denn gewiss gibt es unter den Ehrenamtlern beim DRK sehr kompetente Kräfte, die auch in ihren Berufen medizinisch tätig sind. Doch bei dieser Menge an ehrenamtlichen Einsatzkräften sind große Qualitätsunterschiede unvermeidbar. Daraus ergibt sich eine Schieflage beim Vergleich mit kommunalen Rettungsdiensten. Auf der einen Seite Profis, auf der anderen Seite ein Rettungsdienst, dessen personelles Rückgrat aus höchst unterschiedlichen ehrenamtlichen Rettern besteht.

Die Schieflage vergrößert sich, wenn man sich die Crews der Rettungswagen ansieht. Eine Besatzung muss aus einem Rettungsassistenten und einem Rettungssanitäter bestehen. Das erfüllen sowohl die kommunalen Retter als auch das DRK in der Städteregion. Allerdings ist es nach Informationen unserer Zeitung beim DRK beispielsweise nicht unüblich, als Rettungssanitäter junge Fahrer einzusetzen, die erst am Beginn ihrer Ausbildung zum Rettungsassistenten stehen.

Bis auf die weitgehend theoretische Ausbildung zum Rettungssanitäter bringen diese Azubis nicht viel mehr mit als einen Führerschein. Ob sie auf die teilweise schockierenden Einsatzszenarios, die die Retter vor Ort erwarten, fachlich und psychisch ausreichend vorbereitet sind, kann man zumindest in Frage stellen.

Hinzu kommt, dass es DRK-Fahrern regelmäßig an Ortskenntnissen fehlt. Während Feuerwehren einen relativ kleinen Einsatzraum abdecken, muss das DRK seine Retter regelmäßig auf unterschiedlichen Wachen in der Städteregion einsetzen, um alle erforderlichen Dienste leisten zu können. Manchmal kennen die Fahrer eines Rettungswagens die Orte nicht, in denen sie Einsätze fahren. Unter Feuerwehrleuten erzählt man sich deshalb folgenden Witz: „Was passiert, wenn man einem DRK-Fahrer das Navigationsgerät aus dem Auto nimmt? Er findet den Einsatzort nicht mehr.“

Eschweiler ist eine der wenigen Kommunen, die sich noch einen städtischen Rettungsdienst leisten. Das soll nach dem Willen von Bürgermeister Rudi Bertram auch so bleiben. Und doch wird die Stadt regelmäßig unter Druck gesetzt, den Rettungsdienst auszulagern. „Alle Kommunen in der Städteregion sind aufgrund ihrer schlechten Haushaltslage dazu angehalten, Personal einzusparen. Viele machen das bei der Feuerwehr, indem sie den Rettungsdienst abgeben“, sagt Bertram.

Doch dies sei nicht nur aus Gründen der Qualität eine schlechte Entscheidung. „Dieser Personalabbau bringt in der Haushaltsbilanz nichts, denn der Rettungsdienst ist kostenneutral“, sagt Bertram. Will heißen: Was der Rettungsdienst kostet, wird fast zur Gänze über Gebühren finanziert. Recherchen unserer Zeitung ergaben, dass lediglich drei bis fünf Prozent der Kosten nicht von den Krankenkassen bezahlt werden, wenn eine Kommune die Lebensrettung selbst übernimmt. Ein überschaubarer Betrag.

Wenn man wissen möchte, warum Kommunen trotzdem ihren Rettungsdienst abgeben, muss man mit Marlis Cremer sprechen. Sie ist die Leiterin des Amtes für Rettungswesen und Bevölkerungsschutz in der Städteregion Aachen. „Manche Kommunen möchten nicht das Personal für den Rettungsdienst vorhalten, andere finden gar nicht genug qualifiziertes Personal, um den Rettungsdienst selbst zu organisieren“, sagt Cremer.

Außerdem können Externe den gleichen Job „zu deutlich günstigeren Konditionen“ machen. Doch die Ausschreibung ist durchaus problematisch. Denn am Ende gibt es nur ein wichtiges Ausschreibungskriterium: Der billigste Anbieter gewinnt. Qualität spielt eine untergeordnete Rolle. Derart untergeordnet, dass Markus Heim, Prokurist beim DRK-Kreisverband in der Städteregion Aachen, sagt: „Ich würde mir wünschen, Qualität würde bei der städteregionalen Ausschreibung stärker berücksichtigt.“

Vier Euro pro Stunde

Billig wird ein Anbieter nur, wenn er seine Personalkosten drückt. Weil aber in den Vergabekriterien festgehalten ist, dass sich die Bieter an Tariflöhne bei fest angestelltem Personal halten müssen, werfen Wohlfahrtsverbände wie das DRK Personal ins Rennen, das sie nicht einstellen müssen: Ehrenamtler. Die Kosten: nur vier Euro die Stunde. Amtsleiterin Cremer geht davon aus, dass der Anteil der Ehrenamtler beim DRK „etwa zehn Prozent“ beträgt. Tatsächlich liegt der Anteil bei weit über 30 Prozent. Rechnet man Azubis und geringfügig Beschäftigte zu den Ehrenamtlern, beträgt deren Anteil sogar 55 Prozent. Eine beunruhigende Zahl.

Von Ausbeutung der eigenen Ehrenamtler will man beim DRK allerdings nichts wissen. Attila Nagy, Interimsgeschäftsführer beim DRK in der Städteregion, betont die Freiwilligkeit der Ehrenamtler. Außerdem biete die Einbindung von Ehrenamtlern in den Rettungsdienst auf breiter Basis einen großen Vorteil: „Im Katastrophenfall haben wir viel Personal, das wir einsetzen können“, sagt Nagy.

Das ändert nichts daran, dass bei vielen DRK-Rettern Unzufriedenheit herrscht. Sie haben viel Arbeit, tragen große Verantwortung bei geringem Lohn und ungewisser Freizeit. Nach Recherchen unserer Zeitung ist es keine Seltenheit, dass Ehrenamtler mehr als 100 Stunden pro Monat eingesetzt werden, fest angestellte Retter haben regelmäßig nicht einmal ein freies Wochenende im Monat. Das, sagt Nagy, sei tatsächlich nicht hinnehmbar.

Der benachbarte Kreis Heinsberg geht seit einigen Jahren einen anderen Weg. Er organisiert seinen Rettungsdienst selbst, nachdem auch dort über lange Jahre Wohlfahrtsorganisationen für die Rettung zuständig waren. Aus Qualitätsgründen habe man sich entschieden, den Rettungsdienst wieder selbst zu übernehmen, sagt Landrat Stephan Pusch (CDU). „Um die Qualität zu bekommen, die wir haben wollen, brauchen wir Profis“, sagt der Landrat.

Seine Behörde hatte die Arbeit des Rettungsdienstes bei den Wohlfahrtsverbänden analysiert. Auch dort waren viele Mitarbeiter mit ihrer Arbeit unzufrieden. Aus den Gesprächen ging hervor, dass viele Retter von ihrer Arbeit alleine nicht leben konnten. Außerdem führte die hohe Personalfluktuation dazu, dass zahlreiche Rettungskräfte keine Ortskenntnisse bei ihren Einsatzfahrten hatten. Die allgemeine Motivation war schlecht.

Aus diesem Grund nahm der Kreis Heinsberg das Rettungswesen wieder selbst in die Hand, gründete eine Tochtergesellschaft und gab den Rettern ein auskömmliches Beschäftigungsverhältnis. Das ist nicht billig. „Im wirtschaftlichen Vergleich mit vielen anderen Kreisen ist unser Rettungswesen sehr teuer“, sagt Landrat Pusch. Doch das Rettungswesen sei Teil der Daseinsvorsorge, für die der Kreis eben zu sorgen habe. „Und ich bin der festen Überzeugung, dass ein Lebensretter von seiner Arbeit leben können muss, wenn er gute Arbeit leisten soll.“

Von dieser Sichtweise ist man bei der Städteregion nicht überzeugt. Ein flächendeckendes kommunales Rettungswesen gilt hier als zu teuer. Doch vielleicht gibt es auch noch einen anderen Grund, warum man das Rettungswesen in Händen des DRK belassen will. Denn: Viele Führungskräfte in Politik und Verwaltung der Städteregion befinden sich in einem Interessenkonflikt. Fast jeder Bürgermeister der Städteregion ist Ortsverbandsvorsitzender des DRK in seiner jeweiligen Kommune.

Städteregionsrat Helmut Etschenberg ist Vorsitzender des Ortsverbandes Monschau. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU in der Städteregion, Peter Timmermanns, ist hauptamtlicher Geschäftsführer des DRK. SPD-Landtagsabgeordnete Daniela Jansen ist im DRK-Kreisvorstand, und Marlis Cremer, Amtsleiterin für Rettungswesen und Bevölkerungsschutz in der Städteregion, ist im DRK-Landesverband tätig.

Kein Wunder, dass die Feuerwehren fürchten, aus dem Rettungswesen langfristig ganz herausgedrängt zu werden. Wenn, wie am 19. März, das DRK beginnt, noch weitere Feuerwehraufgaben zu übernehmen, kann dies von der Feuerwehr nur als unlauterer Expansionsversuch gewertet werden. Das ist für alle, die in Not geraten sind und sich darauf verlassen, dass alle Räder ineinander greifen, eine schlechte Nachricht.

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