Die friedlicheren Formen des Widerstands beim Klimacamp

Von: Marlon Gego
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Samstagsdemo: Die Stimmung kippte, als die Polizei nach langen Diskussionen die Blockade einer Zufahrtsstraße in Titz-Jackerath auflöste. Foto: Wichlatz
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„R-W-E – wo bleibt der See?“: Theaterstück vorm Immerather Dom am Sonntagmorgen. Foto: Gego
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„Sing ein Lied für mich“: Manche nennen Umweltaktivisten wie Todde Kemmerich (re.) auch „Bäumeumarmer“. Foto: Gego
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„Sing ein Lied für mich“: Manche nennen Umweltaktivisten wie Todde Kemmerich (re.) auch „Bäumeumarmer“. Foto: Gego
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„R-W-E – wo bleibt der See?“: Theaterstück vorm Immerather Dom am Sonntagmorgen. Foto: Gego

Erkelenz. Um kurz vor 11 hält vor dem Dom ein Lkw, fünf Umweltaktivisten springen heraus und schleppen gelbe Holzkreuze den kleinen Hügel hinauf, die sie vor der alten Kirche aufstellen. Ein paar Vorbereitungen, Soundcheck, dann beginnt das Theaterstück. Es hat keinen Titel, aber eine Botschaft.

Der Braunkohleabbau im Tagebau Garzweiler soll sofort aufhören, stattdessen soll der Tagebau zum Badesee werden. Nicht erst 2045, sondern jetzt. „R-W-E – wo bleibt der See?“, rufen drei Darsteller, dann ist das Fünf-Minuten-Stück zu Ende. Zwei Ehepaare, die neugierig stehengeblieben waren, applaudieren freundlich.

Erkelenz-Immerath am Sonntagvormittag, es war die letzte größere Aktion des Klimacamps 2016, das erheblich geräuschloser verlief als im Jahr zuvor. Das lag zum einen daran, dass weniger Menschen ins Rheinische Revier gekommen waren als noch 2015, 500, vielleicht 600 im Gegensatz zu 1500 vergangenes Jahr, und zum anderen daran, dass Organisatoren und Teilnehmer beschlossen hatten, keine physischen Konfrontationen zu suchen. Der Protest sollte in diesem Jahr friedlich sein.

Das Problem des friedlichen Protests ist, dass Medien dazu tendieren, ihn zu ignorieren, sofern es nicht ein Massenprotest ist. Friedlicher Widerstand wird weniger wahrgenommen als konfrontativer. Als vergangenes Jahr 805 Umweltaktivisten wie vorher angekündigt mit Gewalt Polizeiblockaden durchbrachen und in den Tagebau Garzweiler eindrangen, waren Journalisten und Kamerateams aus ganz Deutschland vor Ort.

Als am Samstag etwa 140 Aktivisten in zwei Demonstrationszügen auf den nördlichen beziehungsweise den südlichen Aussichtspunkt des Tagebaus zuliefen, waren sechs Journalisten aus der Region dabei.

Erfundene Schläge und Tritte

Die Teilnehmer des Klimacamps sind schon auf den ersten Blick von den Bewohnern des Rheinischen Reviers zu unterscheiden, sie sind so frisiert und gekleidet, dass sie möglichst keinen Konventionen entsprechen. Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne außerhalb der Gesellschaft steht, das Erscheinungsbild signalisiert aber, dass die Aktivisten eine andere Gesellschaftsform bevorzugen würden.

Der Radikalisierungsgrad der Klimacampteilnehmer ist sehr unterschiedlich, manche finden alternative Lebensformen im Allgemeinen und den Klimaschutz im Speziellen ganz interessant, andere sind durchaus bereit, Straftaten zu begehen, um zu bekämpfen, was viele Aktivisten als „das System“ bezeichnen. „Das System“ bezeichnet kapitalistische Gesellschaften.

Wer das Klimacamp betritt, das auf einer mit hohen Hecken eingefriedeten Wiese an der Straße zwischen Erkelenz-Lützerath und -Borschemich liegt, ist erstaunt, dass sich Funktionsweisen des „Systems“ auch im Camp wiederfinden: Die größeren Zelte sind beschriftet, Aktionen oder Workshops werden aufgelistet und angeschlagen, die Essensausgabe ist geregelt, alles hat seine spezielle Ordnung, und Menschen, die nicht zum Camp gehören, werden gemustert. Wie in katholischen Pfingstferienlagern auch.

Die auffälligen Frisuren und Kleidungen lassen sich in diesem Kontext als eine Art Uniformierung begreifen, als identitätsstiftendes optisches Merkmal, das die Zugehörigkeit zu einer wenn auch losen Gruppierung anzeigt.

Im Pressezelt am Rande des Klimacamps sitzt Judith Zimmermann, eine zierliche Frau Mitte 20, deren Haupthaar kurz und deren Beinbehaarung lang ist. Sie hält es ganz bewusst so, sagt sie, um nicht dem zu entsprechen, was ihr die deutsche Gesellschaft, wie sie glaubt, aufnötigt, sie sagt: „Das System erwartet, dass Frauen lange blonde Haare und rasierte Beine haben.“

Judith Zimmermann ist eine der Sprecherinnen des Camps, sie würde sagen, dass die Aktivisten im Camp „Teil einer wachsenden Bewegung sind“. Das Wachsen der Bewegung sei ein Indiz für die steigende Ungerechtigkeit auf der Welt, sagt Judith Zimmermann, und dieser Schluss ist kaum zu widerlegen.

Zwar steht in keinem westlich geprägten Staat eine Revolution bevor, doch die Krisen der vergangenen Jahre haben bewirkt, dass viele Menschen vielleicht nicht „das System“, aber doch die Auswüchse des globalisierten Kapitalismus‘ offen ablehnen.

Die Frage ist eben nur, welche Form Widerstand haben sollte, um zu etwas zu führen.

Am Samstagvormittag startete in Erkelenz-Immerath ein angemeldeter Demonstrationszug mit etwa 80 Klimacampteilnehmern nach Titz-Jackerath zum Skywalk, dem südlichen Aussichtspunkt am Tagebau Garzweiler. Kurz vor Erreichen des Skywalks stoppte der Zug, die Demonstranten setzten sich hin und blockierten die Straße.

Das war insofern problematisch, als sich am Skywalk eine Sammelstelle der Polizei befand, die Blockade war vorher auch nicht angemeldet worden. Autos kamen weder von der Sammelstelle weg noch zur Sammelstelle hin, auch ein älterer Landwirt aus Jackerath musste bei Temperaturen über 30 Grad zwei Stunden lang warten, bis er weiterfahren konnte.

Drei Stunden lang diskutierten mehrere Polizisten, Aachens Polizeipräsident Dirk Weinspach und die Grüne Landtagsabgeordnete Gudrun Zentis aus Nideggen mit den Demonstranten und versuchten zu erreichen, dass zumindest ein Fahrstreifen freigegeben wird. Doch die Demonstranten gaben nicht nach. Gegen 14 Uhr trug die Polizei dann 30 Demonstranten von der Straße, die übrigen gaben die Blockade freiwillig auf. Die Aktion lief friedlich ab, außer beleidigten Gesichtern und den üblichen Polizei-Beschimpfungen gab es keine besonderen Vorkommnisse.

Etwa eine Stunde später wurde über Twitter verbreitet, die Polizei habe die Blockade gewaltsam aufgelöst, die Rede war von Schlägen, Tritten und verletzten Aktivisten. Vor Ort war nichts von dem zu beobachten gewesen.

Kurz darauf wurde von Aktivisten über Twitter ein Video verbreitet, auf dem zu sehen war, wie Polizisten einen angeblicher Sanitäter nicht passieren ließen, um zu den angeblichen Verletzten zu kommen. Was die Aktivisten verschwiegen: Einer der Demonstranten hatte aufgrund der großen Hitze tatsächlich gesundheitliche Probleme bekommen. Er wurde versorgt von der Besatzung eines Rettungswagens, der die Demonstration begleitet hatte. Vielleicht war einigen Aktivisten das Klimacamp 2016 bis dahin ein bisschen zu friedlich verlaufen.

Was bleibt vom Camp?

Was also bleibt vom Klimacamp 2016 wenn schon keine große mediale Wahrnehmung?

Todde Kemmerich (49) aus Aachen hat seine bürgerliche Existenz aufgegeben, vorübergehend oder dauerhaft, das weiß er möglicherweise selbst noch nicht genau. Er ist seit Jahren Teil des Widerstandes im Rheinischen Revier, regelmäßig hält er sich im Dauerprotestcamp am Hambacher Forst auf, bei den Klimacamps ist er vom ersten bis zum letzten Tag dabei.

„Natürlich ist der Widerstand auch frustrierend, weil das Ziel, die Braunkohle zu stoppen, oft unerreichbar scheint“, sagt Kemmerich. „Aber ohne den jahrelangen Widerstand würde nicht einmal mehr über die Braunkohle diskutiert.“

Das große Ziel zu erreichen, ist eine Frage der Hartnäckigkeit, findet Kemmerich, und an der Hartnäckigkeit zweifelt niemand, der die beseelten Aktivisten im Klimacamp erlebt hat. Nach der Theateraufführung am Immerather Dom sammelte Kemmerich die gelben Kreuze ein und machte sich mit ihnen auf den Weg.

Er will jetzt sie in allen Orten aufstellen, die für die Tagebaue im Revier noch zerstört werden sollen. Als Zeichen der Solidarität, sagt Kemmerich, „damit die Bewohner dort wissen: Wir kämpfen auch für sie“.

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