Aachen - Die Freiheit der Lehre und das liebe Geld

Die Freiheit der Lehre und das liebe Geld

Von: Peter Pappert
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Sein Forschungsinstitut will Wissenschaft und Praxis verbinden: WZL-Direktor Robert Schmitt

Aachen. Rund 900 Millionen Euro hat die RWTH Aachen im vorigen Jahr für Forschung und Lehre ausgegeben. Ein erheblicher Teil dessen – mehr als 325 Millionen Euro – wird durch sogenannte Drittmittel finanziert. Diese Gelder stammen aus wissenschaftlichen Wettbewerben, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von Stiftungen, öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen.

Mit ihren Drittmittel-Einnahmen liegt die RWTH an der Spitze aller deutschen Universitäten. Nach jetzt veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes warb ein Aachener TH-Professor 2015 im Schnitt 875.900 Euro Drittmittel ein. Es folgen die Uni Stuttgart mit 664.900 Euro und die Technische Universität München mit 633.100 Euro.

Innerhalb der RWTH nahm die Fakultät für Maschinenwesen (Fakultät 4) mit rund 124 Millionen Euro mit großem Abstand die meisten Drittmittel ein. Das renommierte Werkzeugmaschinenlabor (WZL), das zu dieser Fakultät gehört, hat mit seinen vielfältigen wissenschaftlichen Aktivitäten in der RWTH eine Sonderstellung. Nach Aussage von WZL-Direktor Robert Schmitt macht die Grundfinanzierung durch das Land NRW im WZL-Etat nur noch 20 Prozent aus. „Der größte Teil der Drittmittel dient zur Finanzierung von Personal“, sagt Schmitt auf Anfrage unserer Zeitung. „Ohne sie würden Forschung und Lehre zusammenbrechen.“

Schmitt legt Wert darauf, dass sein Forschungsinstitut den größten Teil der Drittmittel dadurch erzielt, dass es in wissenschaftlichen Wettbewerben gewinnt. Ein Drittel bis zur Hälfte der Drittmittel komme von Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft.

Im Ranking der deutschen Universitäten ist die Höhe der Drittmittel ein wichtiges Kriterium geworden. Aber sagt sie tatsächlich etwas aus über die Qualität einer Hochschule? „Alleine die Drittmittel sagen darüber nicht sehr viel aus“, sagt Schmitt. „Aber deren Mix ist schon ein Qualitätsmerkmal. Mittel, die aus einem wissenschaftlichen Wettbewerb stammen und wissenschaftlich begutachtet werden, sind ein deutlicher Indikator für die wissenschaftliche Exzellenz, die wir haben.“ Zuwendungen aus der Industrie sieht Schmitt hingegen als Maßstab dafür, inwieweit sich eine Hochschule mit wichtigen Fragen des Wirtschaftslebens auseinandersetzt. „Das ist kein Indikator für die Güte der Forschung, aber für deren Relevanz.“

Ein großer Teil der industriellen Drittmittel komme aus Firmen, „die wir durch Innovationen wettbewerbsfähig in Deutschland halten“. Dabei gehe es nicht um Spitzenforschung, sondern darum, auch gerade kleinen und mittleren Betrieben für sie wichtige Erkenntnisse zu vermitteln. „Wir wollen unser Wissen nicht in der Bibliothek verschließen, sondern angewendet sehen.“ Aus diesem Gedanken heraus habe sein Kollege Günther Schuh den RWTH-Campus mit all seinen Arbeitsplätzen und Immobilienprojekten entwickelt. „Das ist das wichtigste Stadtentwicklungsprojekt für Aachen geworden.“

Schmitt sieht keine negativen Folgen für die wissenschaftliche Forschung, wenn sie aus Drittmitteln finanziert wird. „Wir arbeiten mit Unternehmen zusammen, wenn es zu uns passt.“ Es gebe Drittmittelverträge, in denen ein Anteil an Lehrtätigkeit für die Hochschule festgelegt sei. „Das wird oft vergessen. So können wir zusätzlich Bachelor- und Masterarbeiten betreuen.“

Unternehmen verbinden mit hohen Forschungsinvestitionen unternehmerische Interessen. Wenn diese Interessen nicht mit den Forschungsinteressen und -erkenntnissen des WZL übereinstimmen, „dann machen wir es nicht“, sagt Schmitt. „Wir müssen ein gemeinsames Interesse haben. Wenn wir uns mit einer Sache nicht identifizieren können, können wir sie auch nicht wissenschaftlich vertiefen. Das sieht die Mehrzahl meiner Kollegen so; da bin ich mir ganz sicher.“

Die Skepsis von Kritikern, ob von der Industrie finanzierte Forschung unabhängig ist, kann Schmitt gut verstehen. „Der Diskurs darüber hat innerhalb der Hochschule große Bedeutung. Da gibt es unterschiedliche Meinungen, und darüber müssen wir intensiv diskutieren. Die Frage, ob und wie wir verantwortungsvoll handeln, ist in unseren kollegialen Gesprächen viel präsenter, als es die Öffentlichkeit wahrnimmt.“ Die Frage „Wozu machen wir das eigentlich?“ sei ganz wichtig.

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