Aachen - Die Fortsetzung einer alten Plagiatsaffäre

Die Fortsetzung einer alten Plagiatsaffäre

Von: Hermann Horstkotte und Marlon gego
Letzte Aktualisierung:
12978966.jpg
Bei der Kinderuni: Walter Frenz, Universitätsprofessor an der RWTH Aachen, hat sich durch das Aufwärmen einer eigentlich schon abgeschlossenen Plagiatsaffäre selbst belastet. Foto: Archiv/Andreas Steindl
4516644.jpg
RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg ließ eine von Frenz auf einer RWTH-Website veröffentlichte Pressemitteilung wieder löschen.

Aachen. Um es zu verstehen, muss man das Drama um Ehre und Ehrgeiz auf akademischer Bühne vielleicht von vorne erzählen, es läuft seit 2011, als eine Doktorandin der RWTH ihre Doktorarbeit vorlegte. Die Doktorandin war Mitarbeiterin bei Walter Frenz, der Berg-, Umwelt- und Europarechtler an der RWTH Aachen ist.

Das Drama begann, als Frenz eine gute Note für die Doktorarbeit vorschlug. Doch der Mitgutachter aus Bonn stellte fest, dass die Doktorarbeit seitenlang mit Frenz‘ Handbuch zum Europarecht übereinstimmte. Frenz änderte seine Meinung und plädierte nun für die Ablehnung der Arbeit.

Nur: Wer hatte hier bei wem abgeschrieben?

Die Doktorandin behauptete, die in Frage stehende Passage der Doktorarbeit stamme von ihr. Sie habe sie vor einer Babypause verfasst, während der dann Frenz‘ Handbuch erschien, 2008 war das. Frenz erklärte, dass die stillschweigende Übernahme von Mitarbeitertexten „in den Rechtswissenschaften bei Hand- und Lehrbüchern übliche Praxis“ sei. In diesem Fall aber hätte Frenz sich „schützend vor die Doktorandin stellen“ können statt sie fallen zu lassen, schieb Gerrit Stumpf in einem juristischen Fachaufsatz. Stumpf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Öffentliches Recht der Uni Bonn.

Der Professor antwortet nicht

Weil die RWTH kein Promotionsrecht für Juristen hat, gab es eine Kooperation zwischen Frenz und der Uni Bonn, auch in besagtem Promotionsverfahren. Tatsächlich erkannten die Bonner Rechtsgelehrten 2011 keine Täuschungsabsicht seitens der Aachener Doktorandin. Sie gaben die Promotionsschrift wegen der Dubletten allerdings „zur Überarbeitung“ zurück – und kündigten gleichzeitig jede weitere Zusammenarbeit mit Frenz auf. Das war seit 2011 der Stand der Dinge.

Ende Juni 2016, also fünf Jahre später, erschien eine offiziell wirkende Pressemitteilung auf einer Website der RWTH: „Plagiatsverdacht gegen Prof. Frenz entkräftet“ lautete die Überschrift. Zu diesem Ergebnis komme die Kommission zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens nach fünf Jahre währenden Untersuchungen. Nicht der Doktorvater Walter Frenz habe für ein Handbuch bei der Doktorandin abgeschrieben, sondern die Doktorandin habe Dutzende Seiten ihrer Dissertation bei Frenz plagiiert.

Laut der Pressemeldung hat auch die Uni Bonn „eine Überprüfung aller von Prof. Frenz betreuten Dissertationen vorgenommen“ und dabei nach einem aktuellen Bescheid des Bonner Juristen-Dekans Rainer Hüttemann „keine Beanstandungen betreffend die Einhaltung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis“ gegen Frenz erhoben.

Doch kurze Zeit später stellte Hüttemann gegenüber unserer Zeitung klar: Die Feststellung der Untersuchungskommission beziehe sich unmissverständlich nur „auf andere Promotionsverfahren“ mit Frenz, keineswegs auf alle und „nicht auf das Verfahren 2011, in dem ein Plagiatsverdacht bestand“. RWTH-Rektor Ernst Schmachtenberg ließ die Pressemeldung löschen. Er habe sie nie genehmigt.

Aber warum hat Frenz die für ihn überaus peinliche Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen?

Mit der scheinbar offiziellen Pressemeldung wollte Frenz kritische Medienberichte von 2011 über ihn abändern oder ganz löschen lassen, er schrieb verschiedene Verlage an. Doch die Verlage renommierter Zeitungen machten das nicht mit. Der Münchener Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble stellt fest, jeder Wissenschaftsautor müsse damit rechnen, „dass sein Werk in jeder Hinsicht diskutiert wird – auch mit Blick auf dessen Herkunft. Wissenschaft ist gefährlich“.

Vor einigen Tagen dann folgte der vorerst letzte Akt des Dramas um Walter Frenz und die Plagiatsaffäre. Frenz verbreitete die Stellungnahme einer seiner derzeitigen Mitarbeiterinnen, in der steht, dass sie 2009 den Entwurf besagter Doktorarbeit gelesen hatte. Damals seien die 40 Seiten, die sowohl in der Doktorarbeit wie auch in Frenz‘ 2008 veröffentlichtem Buch enthalten sind, noch nicht Teil des Entwurfs gewesen. Offenbar glaubt Frenz, mit dieser Zeugenaussage Zweifel aus der Welt räumen zu können, er habe bei seiner früheren Studentin abgeschrieben.

Daraus ergeben sich jedoch zwei Fragen: Wenn stimmt, was seine Mitarbeiterin in dem Schreiben behauptet, warum hat sie ihre Zeugenaussage nicht schon 2011 den offiziellen Untersuchungskommissionen der RWTH und der Uni Bonn zur Verfügung gestellt? Und warum hat sie überhaupt den Entwurf der Doktorarbeit gelesen?

Auf Anfrage unserer Zeitung teilte die RWTH nämlich mit: „Grundsätzlich ist es so, dass es eine Dienstpflichtverletzung ist, wenn Erst- oder Zweitbetreuer von Promotionen den Entwurf oder die Endfassung der Dissertation Dritten zur Kenntnis geben, die an dem Promotionsverfahren nicht beteiligt sind.“ Dass Frenz‘ Mitarbeiterin am Promotionsverfahren damals beteiligt war, geht aus ihrer Stellungnahme aber nicht hervor.

Seit mehr als einer Woche hat Frenz eine Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet gelassen. Deswegen bleibt offen, wieso seine Mitarbeiterin damals den Entwurf der Doktorarbeit überhaupt gelesen hatte.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert