Die fast vergessene Industrieruine auf der Grenze

Von: Marlon Gego
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700 Arbeitsplätze in der gähnenden Leere des Gewerbegebietes Avantis haben wenigstens 50 Millionen Euro gekostet, jeder Arbeitsplatz ist also mit 71428,57 Euro subventioniert. Effektive Wirtschaftsförderung geht eigentlich anders. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Heerlen. René Seijben findet, dass Vergleiche manchmal klarer sind als Fakten, deswegen erklärt er seine Sicht der Dinge einmal so: „Wenn Kolumbus damals nicht daran geglaubt hätte, Amerika zu entdecken, ja dann wüssten wir heute noch nicht, wo es liegt.” Er lehnt sich zurück, hebt die Hände und lässt sie wieder auf den Tisch fallen.

Seijben gebraucht diesen Vergleich, um zu verdeutlichen, dass das Gewerbegebiet Avantis schon erfolgreich sein wird, wenn man nur irgendwie daran glaubt. Seijben muss es auch glauben, schließlich ist er der Vermarkter des Gebietes.

Was Seijben nicht sagt: Kolumbus wollte Amerika überhaupt nicht entdecken. Er stach in See, um Indien zu finden. Kolumbus hatte sich geirrt. So wie viele glauben, dass Avantis ein mehr als viele Millionen Euro teurer Irrtum war und ist.

Das deutsch-niederländische Gewerbegebiet Avantis, das vom Aachener Nordwesten her nach Heerlen ragt, war wahrscheinlich das umstrittenste Gewerbegebiet Europas. Während seiner Planung in den 90er Jahren war Avantis jahrelang ein regionales Reizthema. Man war für das Gebiet oder dagegen, einen Kompromiss gab es nicht. Es war ein kleines „Stuttgart 21”, dessen Verwirklichung nach erbitterten Argumentationsschlachten weit mehr als 50 Millionen Euro Steuergeld gekostet hat. Mittlerweile liegt das 100 Hektar große Gebiet vergessen da wie eine Industrieruine. Groß wie 155 Fußballplätze, eine Million Quadratmeter. Obwohl es seit zehn Jahren in Betrieb ist, sind gerade einmal fünf Prozent der Fläche bebaut. Vier Gebäude stehen, mehr nicht.

Es sollte ein europäisches Vorzeigeprojekt werden, ein Motor der regionalen Wirtschaft. Einige Monate, bevor Avantis im Dezember 2000 in Betrieb genommen wurde, sagte der damalige Aachener Oberbürgermeister Jürgen Linden einem Wirtschaftsmagazin: „Ich hoffe, dass die EU noch viel von uns lernt.” 10.000 bis 12.000 Arbeitsplätze, glaubte auch Linden, könnten auf Avantis entstehen.

Stattdessen ist Avantis nur ein Gewerbegebiet fast ohne Gewerbe geworden. Heute, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach seiner Inbetriebnahme, sind auf Avantis 700 Arbeitsplätze entstanden, offiziellen Angaben zufolge.

Wie konnte das passieren?

Die Vision eines Gewerbegebietes im Nordwesten Aachens ist etwa 30 Jahre alt. In den 80er Jahren galten Gewerbegebiete als Garantie für Industrieansiedlung und für Arbeitsplätze. Gewerbegebiete waren die Antwort der Kommunen auf steigende Arbeitslosigkeit.

In der weiteren Aachener Region stieg die Arbeitslosigkeit durch die Schließung der Zechen an, zehntausende Bergleute verloren ihre Stellen. Die Kommunalpolitik hätte nun in erster Linie überlegen müssen, wie man vor allem die arbeitslosen Bergleute wieder in Arbeit bringt; möglicherweise hätte es eher vieler kleiner Lösungen bedurft als einer großen. Aber die Aachener Kommunalpolitiker waren sich weitgehend einig, dass ein grenzüberschreitendes Gewerbegebiet für hochschulnahe High-Tech-Unternehmen neue Arbeitsplätze bringen würde.

Ein erstes Gutachten von Wirtschaftsgeograph Helmut Breuer errechnete 1993 die Möglichkeit von 5000 bis 6000 Arbeitsplätzen auf Avantis, „innerhalb von 15 Jahren” erinnert sich Breuer und zieht die alten Unterlagen aus dem Schreibtisch. Da diese Zahlen einigen Aachener Politikern zu niedrig gegriffen schienen, wurde Breuers Prognose im allgemeinen Sprachgebrauch einfach verdoppelt. Man sprach wie selbstverständlich von 10000 bis 12000 Arbeitsplätzen, und außer den Avantis-Kritikern stellte niemand diese Zahlen in Frage. Welche Politiker genau seine Zahlen manipuliert oder zumindest fehlinterpretiert haben, will Breuer nicht sagen.

Feldhamster und Juchtenkäfer

Verschiedene Vereine wie das „Forum der Arbeit”, einige Naturschutzorganisationen und insbesondere die Grüne Ortsgruppe Aachen-Richterich bezweifelten den Sinn des teuren Gewerbegebietes: aus ökologischen Gründen, aber auch, weil sie den Bedarf für Avantis in Zweifel zogen. In einer im Oktober 1997 veröffentlichten Studie der Universität Maastricht, die in Deutschland offenbar niemand zur Kenntnis genommen hat, hieß es: „Unterschiedliche Schätzungen (der) Beschäftigungsstellen können nicht akzeptiert werden. Ohne solide Stellenschätzung sollte das Projekt verworfen werden.” Es wurde nicht verworfen.

Als keine Argumente mehr halfen, führten die Naturschutzorganisationen ins Feld, dass dort, wo Avantis gebaut werden sollte, unter Artenschutz stehende Feldhamster leben. Der Feldhamster war für die Avantis-Gegner das, was heute der Juchtenkäfer für die „Stuttgart 21”-Gegner ist, der im Schlosspark vor dem alten Bahnhof heimisch sein soll. Es geht aber damals wie heute weniger um den Artenschutz; es geht um eine Möglichkeit, ein vielleicht ja unvernünftiges und viel zu teures Projekt zu verhindern, das die Allgemeinheit bezahlen soll, obwohl sie es in großen Teilen nicht will.

Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit über die tatsächliche Existenz der Hamster auf Avantis. Erst in Deutschland, dann in Holland. Jürgen Linden sagte 1998, er wolle sich „Avantis nicht durch geschützte Feldhamster kaputtmachen lassen”. Der Moderator Jean Pütz bezeichnete Avantis 1999 im WDR als „Beispiel für die Ignoranz und Arroganz der Politik”.

Im Verlaufe verschiedener Feldhamster-Prozesse gelang es der niederländischen Regierung nicht, einen Nachweis für den tatsächlichen Bedarf für Avantis zu erbringen. Es durfte trotzdem weitergebaut werden.

Im Dezember 2000 ging das nun fertiggestellte Gewerbegebiet in Betrieb. Allein: Entgegen anderslautender Versprechungen von Vermarktern und Politikern interessierte sich kaum jemand dafür, schon gar keine Investoren.

Jürgen Linden sagt heute, die ursprünglichen steuerlichen und rechtlichen Vorteile eines grenzüberschreitenden Gewerbegebietes seien vor der Inbetriebnahme von Avantis eigentlich schon nicht mehr gegeben gewesen. „Aber es war damals der Wille der Politik, ein hochschulbezogenes Gewerbegebiet zu bauen”, sagt er. Dass sich kaum eine der Erwartungen erfüllt hat, die mit Avantis verbunden waren, erklärt Linden mit mehreren Faktoren: dem schlechten Image durch die Feldhamster-Prozesse, der Immobilienkrise Ende der 90er Jahre, einem schlechten Vertrieb und schlechter Vermarktung, einem zu restriktiven Bebauungsplan und dem unzureichenden Anschluss des Gebietes an den öffentlichen Verkehr und an die Autobahn.

Linden sagt: „Das Ergebnis ist bedrückend, ernüchternd. Avantis ist sicher kein Ruhmesblatt meiner Amtszeit.” Nur für Radfahrer und Fußgänger, die dort weitgehend ungestört sind, sei Avantis ein Erfolg.

Für die Vermarktung der Gewerbeflächen müssen deutsche und niederländische Steuerzahler jährlich etwa 600.000 Euro aufbringen. So hoch sind die Betriebskosten der Avantis AG, die 3,8 Stellen ausweist, inklusive Geschäftsführer René Seijben. Die AG kümmert sich um die Vermarktung von Avantis und gehört zu gleichen Teilen der Stadt Aachen, dem NRW-Wirtschaftsministerium, der Stadt Heerlen und der öffentlichen Limburger Entwicklungsgesellschaft Liof. Weil der AG das Kapital ausging, musste sie vergangenes Jahr 5,4 der 100 Hektar von Avantis verkaufen - an ihre vier Gesellschafter.

Obwohl die Gesellschafter die gesamten 100 Hektar vor Beginn der Erschließung in den 90er Jahren von Landwirten für 15 Millionen Mark gekauft und der AG übertragen hatten. Die Gesellschafter kauften 5,4 Prozent der Fläche ein zweites Mal und zahlten vergangenes Jahr fünf Millionen Euro an die AG, um deren Überleben zu sichern: zum zwölffachen Quadratmeter-Preis, den sie ursprünglich bezahlt hatten.

Wirtschaftsgeograph Breuer hält die jährlichen Betriebskosten der AG auch angesichts ihres beachtlichen Misserfolgs „für unverhältnismäßig teuer”.

Jürgen Linden andererseits findet, es müsste gar noch mehr Geld für die Vermarktung zur Verfügung gestellt werden.

Marcel Philipp ist Lindens Amtsnachfolger und teilt diese Einschätzung seines Vorgängers. Es zeichne sich ab, sagte Philipp vergangene Woche, „dass wir in einer guten Entwicklung sind”. Man sei dabei, den Bebauungsplan für Avantis zu ändern, damit potenzielle Investoren ihre Gebäude flexibler planen könnten. Gespräche würden geführt, die Aussichten seien nicht schlecht.

Und René Seijben? Hat noch einen Vergleich, er geht so: „Wenn man am Ufer sitzt und angelt, darf man im Wasser keine Wellen machen, sonst beißt nie ein Fisch an.” Wenn man ihn in Ruhe arbeiten ließe, glaubt Seijben, dann werde sich der Erfolg geradezu zwangsläufig einstellen. Aber wann?

Aachens Oberbürgermeister Philipp glaubt, „2020 müssten wir mit der Belegung von Avantis durch sein”. Seijben glaubt, dass bis 2020 „etwa 70 Prozent der verbliebenen Fläche verkauft sein müssten”. Der niederländische Staatsrat hingegen, der „Rad van Staate”, hat in seiner letzten Prognose 2001 errechnet, dass Avantis das Potenzial für gerade einmal tausend Arbeitsplätze habe. Tausend.

Darüber kann René Seijben nur lachen. „Wenn wir mit fünf Hektar verkaufter Fläche schon 700 Arbeitsplätze geschaffen haben, kann man sich ja ausrechnen, wie viel wir etwa mit 60 Hektar schaffen werden.” Dass die restlichen 55 Hektar möglicherweise nie verkauft werden, zieht Seijben gar nicht erst in Betracht. Er sagt: „Der Markt glaubt an Avantis.”

Wenn man über die jetzt schneebedeckten Wiesen des Gewerbegebietes geht und in die unverbaute Ferne sieht, dann hat man eher den Eindruck: Dem Markt ist Avantis egal.

Und bis auf seinen Glauben hat René Seijben und im Moment auch niemand anders einen Beweis dafür, dass Avantis nicht doch ein teurer Irrtum war.
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