„Die Erde sieht von oben verletzlich aus“

Von: André Schaefer
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Astronaut mit Leib und Seele: Thomas Reiter bei einem Außenbordeinsatz während der Astrolab-Mission 2006 (großes Bild). Der Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS (kleines Bild) war sein letzter Ausflug ins All. Foto: Nasa, dpa, Andreas Schmitter
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Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp erklärte: „Wenn Ingenieure die Welt bewegen, dann ist die Auszeichnung des Astronauten und Ingenieurs Thomas Reiter sicherlich ein Volltreffer.“
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Der deutsche Astronaut Thomas Reiter schwebt in der Internationalen Raumstation ISS. Foto: NASA/dpa

Aachen. Es gibt Menschen, denen kann man stundenlang zuhören. Thomas Reiter ist so einer. Wenn der ehemalige Astronaut über seine Ausflüge ins Weltall erzählt, dann gelingt es ihm spielend leicht, seine Zuhörer zu fesseln.

Reiter, der 1995 als damals erst achter deutscher Astronaut den Weg ins All antrat, hat seine Leidenschaft für die Raumfahrt bis heute nicht verloren. Seit Anfang des Jahres ist er bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) Koordinator im ISS-Programm und Berater des Generaldirektors. Freitagabend ist er mit dem Aachener Ingenieurpreis ausgezeichnet worden. Im Interview spricht Reiter über das Gefühl der Schwerelosigkeit, seine größten Herausforderungen im All und die Chance, schon bald den Mars zu erkunden.

Herr Reiter, was bedeutet es Ihnen, den Aachener Ingenieurpreis entgegenzunehmen?

Reiter: Als ich Ende März telefonisch darüber informierte wurde, dass ich den Preis erhalte, habe ich mich riesig gefreut, das können Sie mir glauben. Auch ohne einen direkten Bezug zu Aachen ist diese Auszeichnung eine ganz besondere Ehre für mich.

Die Jury legt Wert darauf, Persönlichkeiten auszuzeichnen, die ein Vorbild für Studenten und angehende Ingenieure sind. Sehen Sie sich als Vorbild?

Reiter: Ich habe im vergangenen Jahrzehnt immer wieder junge Menschen getroffen, die mir gesagt haben, dass sie wegen mir Luft- und Raumfahrttechnik studieren oder studiert haben. So etwas macht einen natürlich unheimlich stolz. Wenn ich nun, und in diesem Zusammenhang sehe ich diesen Preis, meine Erfahrungen der Raumfahrt an Studenten und jüngere Kollegen weitergeben kann, ist das etwas ganz Fantastisches. Vorbildfunktion heißt für mich aber auch, jungen Menschen zu verdeutlichen, worauf es als Ingenieur auch ankommt: Nämlich niemals die Begeisterung für das Neue zu verlieren, und diese Begeisterung mit anderen zu teilen.

Zu wem haben Sie als junger Mensch aufgeschaut?

Reiter: Ich war elf Jahre alt, als Neil Armstrong seine ersten Schritte auf dem Mond gemacht hat. Er war in diesem Moment so etwas wie eine Heldenpersönlichkeit. Aber eine Laufbahn als Astronaut ist nicht planbar. Ich hätte damals nie damit gerechnet, dass es wirklich einmal so kommt. Mir war damals nach dem Abitur klar, dass die Wahrscheinlichkeit, in Europa eine Astronautenlaufbahn zu starten, nahezu null ist. Trotzdem war es mein Wunsch, als Ingenieur in der Luft- und Raumfahrt arbeiten zu können. Meine Leidenschaft habe ich nie aus dem Auge verloren.

Reden wir über den 20. Oktober 1995: Sie öffnen die Luke der „Mir“ und treten als erster deutscher Astronaut aus einer Raumstation aus. Wie präsent ist Ihnen dieses Gefühl von damals heute noch?

Reiter: Beim Gedanken daran komme ich immer wieder ins Schwärmen. Dieser Augenblick ist mir noch sehr präsent. Auf der anderen Seite ist diese Erfahrung so weit jenseits dessen, was man auf der Erdoberfläche erleben kann. Was ich nie vergesse, ist dieser Augenblick, in dem ich zum ersten Mal die Raumstation mit eigenen Augen von außen sehen konnte – und all das vor dem Horizont der aufgehenden Sonne. Da stockt einem der Atem. Es sah wunderschön aus, quasi wie im Bilderbuch. Und auf der anderen Seite doch so unwirklich.

Was waren Ihre größten Herausforderungen im All?

Reiter: Es gibt viele Herausforderungen, die man auf einer Raumstation meistern muss. Neben der Arbeit, die dort oben auf die Sekunde genau ausgelegt ist, spielt auch die Schwerelosigkeit eine Rolle. Klar, schwerelos zu sein ist ein faszinierendes Gefühl. Aber die Schwerelosigkeit hat auch ihre Schattenseiten. Man muss da oben einiges dafür tun, um fit zu bleiben. Die Muskeln werden dort bei weitem nicht so gebraucht wie hier auf der Erde. Deshalb muss man jeden Tag etwa zweieinhalb Stunden Sport machen, um einigermaßen in Form zu bleiben. All das nimmt man aber sehr gerne in Kauf. Und was viele nicht glauben: Das Essen dort oben ist okay, auch wenn man allein deswegen sicher nicht ins All reisen würde (lacht).

Wie verändert der Blick von oben das Verständnis für unseren Planeten?

Reiter: Wenn man die Möglichkeit hat, in 90 Minuten unseren Planeten zu umrunden und dabei teilweise über ganze Kontinente schauen kann, sind das Eindrücke, die überwältigend sind. Man ist beeindruckt von dieser unglaublich zarten Schicht der Atmosphäre, die sehr verletzlich erscheint. Die Erde sieht von oben tatsächlich sehr verletzlich und winzig aus. Man sieht mit bloßem Auge die Auswirkungen des Menschen, zum Beispiel die Abholzung des Regenwaldes. Als ich 2006 dort oben war, gab es den Konflikt zwischen Israel und dem Libanon. Gerade noch begeistert vom Anblick der Sahara, des Roten Meeres und des Nil-Deltas, sah ich beim Überflug von Beirut Rauchwolken aufsteigen. Dieser Kontrast – die Schönheit unseres Planeten auf der einen und die von Konflikten geprägte Wirklichkeit in manchen Regionen auf der anderen Seite – stimmt einen sehr nachdenklich. Und man fragt sich in diesem Moment, warum man es nach Tausenden von Jahren der Menschheitsgeschichte immer noch nicht schafft, miteinander auszukommen.

Sie haben das Jahr 2006 schon angesprochen, Sie begaben sich mit der Raumfähre Discovery zur Internationalen Raumstation. Ist die ISS wirklich ein so faszinierender Ort, wie viele Ihrer Kollegen sagen? Oder handelt es sich am Ende doch nur um eine mit Technik vollgestopfte kleine Wohngemeinschaft?

Reiter (lacht): Die ISS ist natürlich eine Umgebung, die vollgestopft ist mit Technik. Sie ist kein Hotel, der Komfortlevel ist nicht besonders hoch. Aber es ist halt auch der Ort, an dem unglaublich viel Wissenschaft stattfindet. Es ist toll, mit so vielen wissenschaftlichen Teams aus verschiedenen Bereichen arbeiten zu können und Mosaiksteinchen zusammenzutragen, die dann die Forschung in dem jeweiligen Bereich weiterbringt. Die ISS ist ein besonderer Ort, den wir brauchen und auch in Zukunft weiter nutzen wollen.

Schauen wir in die Zukunft: Ein viel diskutiertes Thema ist eine bemannte Mars-Mission. Wann, glauben Sie, wird diese erstmals möglich sein?

Reiter: Die Nasa hat gerade im vergangenen Jahr sehr viel Werbung für solch eine Mission gemacht. Heute ist die Rede davon, dass es Mitte der 2030er Jahre möglich sein sollte, was ich mir sehr gut vorstellen kann. Allerdings bin ich wie unser Generaldirektor der ESA der festen Überzeugung, dass der Weg zum Mars über den Mond führt. Denn so eine Mission zu unserem Nachbarplaneten dauert mehr als zwei Jahre. Es macht Sinn, alle Technologien, die dafür erforderlich sind, erst einmal in einer etwas geringeren Entfernung zur Erde zu erproben. Und da bietet sich der Mond an.

Sind bemannte Missionen überhaupt noch notwendig? Können wir mit New Horizons, Rosetta und Philae das Weltall nicht auch unbemannt erkunden?

Reiter: Ich glaube, dass auch in Zukunft vieles per Roboter gemacht wird. Aber am Ende stoßen auch vollautomatische Systeme an ihre Grenzen. Die einzigartige Kombination von kognitiven und sensorischen Fähigkeiten des Menschen, die Fähigkeit, seine Hände als sehr universelle Werkzeuge zu gebrauchen und in komplexen Situationen auch mal intuitiv zu handeln, sehe ich so schnell nicht durch irgendwelche Maschinen realisiert.

Sie verließen als erster deutscher Astronaut eine Raumstation, kein europäischer Astronaut war länger im All als Sie. Sie sind ein Treiber der europäischen Raumfahrt geblieben: Trotzdem reden viele nur über Alexander Gerst. Stört Sie das?

Reiter: Nein, überhaupt nicht. Wie in jedem Beruf gehört es auch in der Raumfahrt dazu, dass Generationswechsel stattfinden. Früher sprachen alle über Sigmund Jähn, der als erster deutscher Astronaut im All war. Irgendwann war meine Zeit gekommen, und nun sind halt andere an der Reihe, das ist doch ganz normal. Jede dieser Generationen hatte eine bestimmte Aufgabe, und jede hat auf ihre Art kommuniziert. Die Art und Weise, wie Astronauten damals ihre Erfahrungen aus dem All in die Öffentlichkeit transportieren konnten, hat sich massiv geändert. Die neue Generation der Astronauten nutzt beispielsweise die Sozialen Medien, und Alexander Gerst hat auch in dieser Beziehung wirklich hervorragende Arbeit geleistet, das kommt bei den Menschen gut an.

Würden Sie eigentlich gerne noch mal ins All reisen?

Reiter: Ja, da müsste ich nicht zweimal überlegen. Aber das ist eine hypothetische Frage, das wird nicht mehr stattfinden. Jetzt ist die nächste Generation am Zug, und ich freue mich natürlich, dass ich in Zukunft dazu beitragen kann, deren Missionen vorzubereiten. Zudem würde es mich riesig freuen, wenn einer meiner europäischen Kollegen oder Kolleginnen tatsächlich mal den Fuß auf die Oberfläche eines anderen Himmelskörpers setzen kann.

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