Die Entzauberung der alten Stradivari-Mythen

Von: Marlon Gego
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Aachen. Stradivari, allein der Name schon. Synonym für untergegangene Geigenbaukunst, für Klangmagie, für Geigen, die mehrere Millionen Euro kosten, und die man nur ersteigern kann. Hunderte Jahre altes Holz, Bauen nach Mondphasen, der Lack angereichert mit Jungfrauenblut.

Zuerst ist die Rede von Voodoo und von Alchemie, von Übersinn und Zauberei. So ist es immer, wenn jemand über Stradivaris spricht. Oder von anderen alten Geigen, die genau so toll sind, nur eben weniger bekannt. Besonders wenn man mit jemandem darüber spricht, der einfach nur so darüber spricht, ohne es genauer zu wissen.

Man könnte auch mit Alexander Olowinsky sprechen, der weiß es besser, jetzt. Er hat da mal ein bisschen geforscht. Am Donnerstag hält er im Theater Aachen einen Vortrag darüber.

Und wenn man mit ihm gesprochen hat, dann ist von Zauberei und Voodoo keine Rede mehr. Das Ende aller Stradivari-Mythen. Schade fast.

Mutter und der Mann aus Paris

Olowinsky sitzt draußen in Melaten, Fraunhofer-Institut Aachen, ganz im Westen der Stadt. Ein Bau aus Beton und Glas, zwei Treppen hoch, rechts der erste Gang, auf dem ist sein Büro. Er ist Gruppenleiter am Institut für Lasertechnik, und eigentlich macht er vieles, aber eher nichts mit Geigen. Olowinsky, 41, beschäftigt sich mit Mikrofügetechnik, er entwickelt Bauteile für Kunden aus der Industrie. Anwendungsorientierte Auftragsforschung heißt das. So wie letztens das Mikroventil für einen Industriekaffemaschinenhersteller, das er entwickelt hat, solche Sachen macht er.

Olowinsky ist zwar Maschinenbauer, aber er spielt trotzdem auch Kontrabass, und wenn man ihm das so ins Gesicht sagt, dann muss er selbst ein bisschen lachen. Es gibt nicht so sehr viele Ingenieure, die überdies auch musische Menschen sind. „Ja”, sagt Olowinsky, „so kann man es sagen.”

Wenn Olowinsky einem das mit dem Geigenklang erklärt, wie das alles funktioniert und zusammenhängt, dann erklärt er erst mal kurz, wie so eine Geige eigentlich gebaut wird. Zuerst braucht man mal Holz. Fichte, Ahorn, Bergahorn, so was, zum Teil jahrzehntelang gelagert. Und vor allem muss es aus einem Wuchs sein, sonst wird die Geige nichts. Olowinsky sagt: „Schon die Auswahl des richtigen Baumes ist eine Wissenschaft.”

Dann braucht man Werkzeuge. Die Werkzeuge heißen Wölbungshobel, Stärkemessgerät, Schablone, Stimmsetzer und so weiter. Man sucht sich eine Form, dann geht es los.

Im Grunde ist es so, sagt Olowinsky, dass die Form der Geigen nicht so sehr variiert, sie ist durch die baulichen Notwendigkeiten weitestgehend definiert. Den wirklichen Unterschied machen das Holz und seine Bearbeitung, denn: Decke und Boden des Geigenkörpers sind ziemlich dünn. Je dünner sie sind, desto besser können sie schwingen. Je mehr sie schwingen, desto mehr eigenen Ton entwickeln sie. Der Körper ist der eigentliche Klanggenerator. Hätte man nur Saite und Bogen, wäre der Ton fast nicht zu hören. Der Körper ist es im Wesentlichen, der eine Meistergeige von irgendwelchen Metergeigen unterscheidet.

Es gibt da diese Szene in einem Fernseh-Porträt über die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter, wie sie ihre uralte Stradivari zu einem uralten Geigenbauer nach Paris bringt, weil er die Geige überholen soll. Sie spricht mit ihm über die Geige wie über eine Gottheit. Sie führen das Gespräch auf einem fast metaphysischen Niveau. So etwas trägt entschieden zur Mythenbildung bei.

Die Stradivaris, sagt Olowinsky, sind großartig gearbeitet. Tolles Holz, große Baukunst. Es ist aber nicht so, dass man Geigen heute so nicht mehr bauen könnte. Im Gegenteil. Es gibt da auch andere Geigenbauer als den aus dem Mutter-Porträt.

Martin Schleske heißt einer, er lebt in München. Schleske ist es eigentlich, der die Mythen der alten Geigen entzaubert hat. Schleske ist nämlich nicht nur Geigenbauer; er ist auch Physiker.

Schleske hat sich mal so eine Stradivari kommen lassen und sie vermessen. Genauer gesagt: Er hat ihr Schwingungsverhalten gemessen. Modalanalyse heißt das, aber das ist nur eine Bezeichnung. Die Kurven, die aus solchen Analysen entstehen, sehen aus wie wild zerklüftete Mittelgebirge. Der Klang jeder Geige hat eine eigene Kurve, ist also ein eigenes Gebirge, einzigartig. Jedenfalls weitgehend.

Olowinsky sagt, dass eine solche Analyse aufwendig sei, sicher 1000 Messungen an ein paar hundert Messpunkten am Körper einer einzigen Geige. Olowinsky hat eine Messung mal grafisch aufbereitet und sie animiert.

Dabei sieht man, wie der Körper der Geige sich nach oben und nach unten wölbt, wie er tanzt, wie er sich verdreht, gegen sich und in sich selbst.

Die Geige schwingt.

In Olowinskys Animation sehen Geigenboden und -deckel wie Netze aus, die hereingeworfenen Bällen nachgeben. Tatsächlich bewegt sich das Holz nur millimeterweise, aber es bewegt sich, es schwingt und versetzt auch die Luft in Schwingung. Das ergibt den Ton.

Der Geigenbauer Schleske hat aufgrund dieser Messergebnisse der Stradivari-Geige eine Stradivari nachgebaut; indem er versucht hat, das Schwingungsverhalten der Stradivari zu kopieren.

Warum muss man das wissen?

Das geht nicht einfach so. Ein Geigenbauer muss spüren, wo er wie viel vom Holz abhobeln kann, wo er es in Ruhe lassen muss und wo er ran kann. Olowinsky hat die Modalanalyse von Schleskes Stradivari-Nachbau auch grafisch aufgearbeitet und ihn der Stradivari-Grafik gegenübergestellt.

Und siehe da: Die beiden Geigen schwingen ziemlich gleich. Nicht ganz gleich, aber doch ziemlich.

Und was gleich schwingt, das klingt auch gleich, egal, ob es aus Holz ist oder aus Kunststoff. Erst recht ist es egal, welches Holz man verwendet, wenn das Schwingungsverhalten identisch ist. Auch das steht unterm Strich von Olowinskys Untersuchungen.

Am Ende bleibt die Frage, wozu man das alles wissen muss, wozu man die Voodoo- und Zauberei-Mythen widerlegen muss. Reicht es nicht zu hören, dass eine Geige klingt, dass diese Geige anders klingt als jene? Olowinsky denkt kurz nach, schaut an die Decke und sagt: „Vielleicht hilft dieses Wissen, die Wertschätzung für das Instrument zu schärfen.” In der Tat, ein guter Grund.

Donnerstag: Vortrag im Theater Aachen

Alexander Olowinskys Vortrag trägt den Titel „Stradivari und die Physik des Klanges. Oder: Wie funktioniert eine Geige aus materialtechnischer Sicht?”. Er hält ihn am Donnerstag, 8.Oktober, um 19 Uhr im Spiegelfoyer des Theater Aachen am Theaterplatz.

Nach dem Vortrag, der etwa eine Stunde dauern soll, wird ein Violinist des Sinfonieorchesters mit einer Konzerteinlage die Klangunterschiede zwischen Massen- und Meistergeige demonstrieren.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei, allerdings bittet das Theater Aachen um eine Voranmeldung unter 0241/4784428 oder per E-Mail: ursula.schelhaas@mail.aachen.de
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