Die braunen Fäden in der Region werden nicht nur in Stolberg gezogen

Von: Michael Klarmann
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Entgegen der Realität und den Bitten der Eltern des Opfers: Am 12. April vergangenen Jahres marschierten Rechtextreme in Stolberg auf, um dem von einem Migranten erstochenen „Kameraden” zu gedenken. Diesen Samstag, 4. April, wollen sie ihre Aktion wiederholen. Foto: Michael Klarmann

Aachen. „Autonom - Militant - Nationaler Widerstand”, schallte es am 12. April 2008 durch Stolberg. Rund 800 Neonazis waren aufmarschiert, um einem von einem Migranten erstochen Heranwachsenden zu „gedenken”, den die rechte Szene gegen Bitten der Eltern zum „Kameraden” und „Märtyrer” verklärt.

Insgesamt fanden in Stolberg im April 2008 drei große „Trauermärsche” statt. Die Neonazis schrieen Migranten entgegen: „Wir kriegen Euch alle!”

Am 4. April 2009 wollen Neonazis abermals zum „Gedenken” an das Opfer aufmarschieren. Durch die Stolberger Innenstadt ziehen werden sie indes diesmal nicht, denn ein breites gesellschaftliches Bündnis wird aus Protest gegen den braunen Spuk zahlreiche Veranstaltungen und Kundgebungen abhalten.

Weil die Polizei die ursprüngliche Anmeldung und Wegstrecke der NPD für den 4. April nicht anerkannt hatte, hat die rechtsextreme Partei unterdessen aus Rache auch einen Fackelmarsch in der Stolberger Innenstadt in den Abendstunden des 3.Aprils angemeldet.

Und wenn am heutigen Montag Landesinnenminister Ingo Wolf (FDP) den NRW-Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2008 vorstellt, könnte Stolberg wegen jener Aufmarschserie wie eine braune Hochburg erscheinen.

Dabei stellt die Kupferstadt wegen der Märsche und dreier rechtsextremer Ratsherren im Stadtrat nur die Spitze des Eisbergs dar.

Insgesamt marschierten Neonazis im Jahr 2008 unter anderem dreimal in Stolberg, zweimal in Aachen, zweimal in Düren und einmal auf dem Soldatenfriedhof Vossenack auf.

In Wegberg kam es zu einer „Mahnwache”, in der Aachener Innenstadt attackierten im März 2008 dreißig bis vierzig Neonazis - darunter NPD-Funktionäre aus Düren - eine Demonstration von Nazigegnern.

Junge Mitläufer

Der NPD-Kreisverband Düren hielt 2008 in der Region mindestens drei größere „Rednerabende” ab, einmal mit dem stellvertretenden NPD-Vorsitzenden und Hamburger Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger, einmal mit NPD-Chef Udo Voigt.

Die Neonazi-Bande „Kameradschaft Aachener Land” (KAL) hielt Ende 2008 in Stolberg-Venwegen ein Fest ab. Längst existiert also vor Ort eine braune „Erlebniswelt”, die junge Mitläufer und „Kameraden” - aber auch „Kameradinnen” - anzieht.

Auffallend ist, dass zwar Stolberg als Hochburg gilt, viele Fäden aber an anderer Stelle gezogen werden. Polizeikreisen zufolge ist heute nicht mehr der Vorsitzende des NPD-Kreisverbandes Aachen und Stolberger Ratsherr, Willibert Kunkel (Jahrgang 1950), die einflussreiche Person in der Region.

Der „eigentlich gefährliche” NPD-Kopf in der Region ist demnach der NPD-Kreischef aus Düren, Ingo Haller (Jahrgang 1972). Er schuf vor einem Jahr mit Neonazis den Mythos, ein „Kamerad” und „NPD-Sympathisant” sei in Stolberg „ermordet” worden. Polizeikreisen zufolge hat Haller Kunkel dabei „vor sich her getrieben”. Kunkel selbst hatte etwa bestritten, dass das Opfer der rechten Szene angehört habe.

Haller tritt sehr aktivistisch und radikal auf und will jährlich bis 2018 „Trauermärsche” in Stolberg abhalten. Mitte 2008 wurde der aufstrebende NPD-Kader zum Beisitzer im Landesvorstand und stellvertretenden NRW-Organisationsleiter der NPD gewählt.

Er kooperiert mit rechtsextremen, bisweilen antisemitisch auftretenden Russlanddeutschen im Kreis Düren, die unter dem Namen „Russlanddeutsche Konservative” und „Schutzgemeinschaft Deutsche Heimat´ der Deutschen aus Russland” auftreten. Zudem arbeitet Haller eng mit Neonazi-Gruppen zusammen und dürfte den Veranstaltungsmarathon im Superwahljahr 2009 fortführen.

Schon am 4. Januar hatte Haller einen „Neujahrsempfang” der NPD-Düren organisiert. Hauptredner war der Chef der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs.

Pastörs stammt aus dem Kreis Heinsberg. Geboren in Wegberg, lebte er lange in Wassenberg. Als Uhrmacher und Schmuckhändler war er in Hückelhoven in den 1990er Jahren hoch angesehen - zugleich hielt er schon Kontakte zur rechtsextremen Szene.

Anfang des Jahres betonte er als Gast der NPD-Düren, dass die Kooperation zwischen NPD und „Freien Kameradschaften” fortgeführt werden müsse - gemeint war damit die Zusammenarbeit der rechtsextremen Partei mit militanten, radikalen Neonazis.

Wenige Wochen später leitete die Staatsanwaltschaft Saarbrücken Ermittlungen gegen Pastörs ein, weil er auf einer NPD-Versammlung im Saarland unter Gejohle der „Kameraden” die Bundesrepublik eine „Juden-Republik” genannt hatte, die es zu bekämpfen gelte.

Mandate erringen

Worüber Pastörs auf dem konspirativ abgehaltenen „Neujahrsempfang” der NPD-Düren sprach, ist kaum überliefert. Der Kölner Neonazi Axel Reitz fand auf der Versammlung am 4. Januar jedoch deutliche Worte.

Reitz wird bei den Kommunalwahlen für die NPD im Rhein-Erft-Kreis kandidieren und skizzierte, warum er als „Nationaler Sozialist” für die NPD in ein Kommunalparlament gewählt werden will: „Der Soldat geht dahin, wo seine Feinde sitzen. Die Feinde sitzen auch im Parlament. Und dort ist es ganz wichtig, dass wir als Systemalternative klarmachen, dass wir mit denen nichts zu tun haben und auch nichts zu tun haben wollen, sondern dass wir in die Parlamente gehen, um ihnen den Kampf anzusagen, Kameradinnen und Kameraden.”

Die NPD will in der Region besonders bei den Kommunalwahlen antreten und Mandate erringen.
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