Stolberg - Die bizarren Beutezüge des Harald B.

Die bizarren Beutezüge des Harald B.

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Peitschen, Sonnenschirme, Gardinen: Nach dem Sommer könnte eine der bizarrsten Diebstahlserien der Region vor dem Amtsgericht Aachen verhandelt werden. Angeklagt ist ein 48 Jahre alter Stolberger, der wegen Diebstahls von Gardinen und Sonnenschirmbespannungen vorbestraft ist. In seiner Wohnung fand die Polizei neben Sonnenschirmstoff auch 200 Reitpeitschen. Foto: imago/Frank Sorge/imagebroker/Gerhard Leber
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Peitschen, Sonnenschirme, Gardinen: Nach dem Sommer könnte eine der bizarrsten Diebstahlserien der Region vor dem Amtsgericht Aachen verhandelt werden. Angeklagt ist ein 48 Jahre alter Stolberger, der wegen Diebstahls von Gardinen und Sonnenschirmbespannungen vorbestraft ist. In seiner Wohnung fand die Polizei neben Sonnenschirmstoff auch 200 Reitpeitschen. Foto: imago/Frank Sorge/imagebroker/Gerhard Leber

Stolberg. Wenn die Sonne untergegangen war, machte Harald B. sich auf den Weg. Er stieg auf seinen roten Motorroller und fuhr zum Tatort, manchmal ein Restaurant, manchmal eine Imbissbude, manchmal auch eine Bäckerei oder ein Biergarten.

Harald B. wählte die Tatorte danach aus, ob er ohne größere Probleme an einen Sonnenschirm kommen konnte oder nicht. Er stellte seinen Motorroller ab, löste die Sonnenschirmbespannungen vom Gestänge, verstaute sein Diebesgut und fuhr im Schutz der Dunkelheit wieder zurück zu seiner Wohnung nach Stolberg. Jedenfalls glaubt die Polizei, dass es sich so zugetragen haben muss.

Nach dem Sommer könnte der Prozess gegen den 48 Jahre alten Harald B. beginnen, die Aachener Staatsanwaltschaft wirft ihm Diebstahl, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte vor. Die zentrale Frage wird sein, was B. eigentlich mit all den Sonnenschirmbespannungen wollte, das Amtsgericht Aachen, vor dem der Prozess verhandelt werden soll, hat einen psychiatrischen Sachverständigen beigezogen, wie ein Gerichtssprecher am Sonntag mitteilte.

Auch deshalb, weil Harald B. sich gegenüber den Ermittlern bislang nicht sonderlich kooperativ verhalten hat. Dienten die Sonnenschirmbespannungen einem bislang nicht bekannten Zweck? Oder ist Harald B. lediglich ein Stofffetischist?

Als sich 2015 eine Reihe seltsamer Anzeigen bei der Aachener Polizei sammelte, waren die Ermittler zunächst ratlos. Restaurantbetreiber, andere Gastronomen, Bäcker und Hausbesitzer berichteten, dass ihnen die Bespannung eines oder mehrerer Sonnenschirme nachts gestohlen worden war.

Da es sich zum Teil um riesige Schirme gehandelt hat, ging der entstandene Schaden in die Zehntausende Euro. Die Polizei untersuchte die Tatorte, wirklich verwertbare Spuren fand sie aber nicht. Überhaupt fehlte der Polizei zu diesem Zeitpunkt jeder erfolgversprechende Ermittlungsansatz.

Im Spätsommer 2015 war die Zahl der Anzeigen weiter gestiegen, ohne dass die Polizei gewusst hätte, nach wem sie suchen soll. Doch dann half das gute Gedächtnis eines älteren Kriminalpolizisten. Der Mann erinnerte sich, dass er Anfang des Jahrtausends an den Ermittlungen gegen einen Dieb beteiligt gewesen war, der mehrfach in Häuser und Wohnungen eingebrochen war.

Der Mann stahl Gardinen, sonst nichts, an Wertsachen war er nicht interessiert. Der Kriminalpolizist erinnerte sich ebenfalls, dass er um 2008 herum gegen einen Mann ermittelt hatte, der in Reitställe eingebrochen war und neben diversen Reitutensilien auch Sonnenschirmbespannungen gestohlen hatte.

Der Kriminalpolizist begann zu recherchieren und stellte fest, dass beide Ermittlungsverfahren damals zu Verurteilungen geführt hatten. Der Täter: Harald B. aus Stolberg.

Obwohl Polizei und Staatsanwaltschaft die im Sommer 2015 vorliegenden Anzeigen über einen bloßen Verdacht hinaus nicht mit Harald B. in Verbindung bringen konnten und auch sonst nichts gegen ihn in der Hand hatten, beantragten sie beim Amtsgericht einen Hausdurchsuchungsbefehl – und bekamen ihn auch.

Ende August 2015 klingelten Polizeibeamte an Harald B.s Wohnungstür und verschafften sich gegen heftigen Widerstand des 48-Jährigen Zutritt. Sie fanden, wonach sie gesucht hatten: mehr als 200 Reitpeitschen und die säuberlich zerschnittenen Bespannungen von etwa 60 Sonnenschirmen.

Doch weil B. leugnete, Peitschen und Stoff gestohlen zu haben, hatte die eigentliche Ermittlungsarbeit gerade erst begonnen. Die Polizei musste die sichergestellten Teile der Schirmbespannungen mit allen Anzeigen einzeln abgleichen.

Nach dieser Puzzlerecherche stand fest: elf der in Harald B.s Wohnung gefundenen Sonnenschirmbespannungen stammen aus Diebstählen in Stolberg, Eschweiler und Aachen. Woher die Peitschen kommen, wem B. die übrigen Schirmstoffe stahl oder ob er sie gekauft hat, ist offen.

Die Ermittler hoffen, dass der Prozess die offenen Fragen klären kann, vor allem aber eine: Wie kann man Harald B. längerfristig helfen?

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