Die Autodiebe und die brennende Halle

Von: Marlon Gego
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Gangelt am Aschermittwoch, nur wenige Meter vor der deutsch-niederländischen Grenze: In dieser ausgebrannten Lagerhalle fand die PolizeiTeile von etwa 30 gestohlenen BMWs. Es kam zu drei Verhaftungen, seitdem wurde im Kreis Heinsberg kaum ein Auto mehr gestohlen. Foto: Ralf Roeger

Aachen/Heinsberg. Um den Brand zu löschen, mussten am Aschermittwoch 70 Feuerwehrmänner nach Gangelt kommen, aus dem Dach der Halle quoll schon dichter schwarzer Rauch. Gleich neben der Halle steht eine Scheune, die Feuerwehr musste zusehen, dass das Feuer sich nicht weiter ausbreitete.

Der Einsatz wäre trotz aller Eile kaum mehr als eine Notiz wert gewesen, wenn nicht die Polizei etwas später eine überraschende Entdeckung gemacht hätte: Die Halle stand voller Autos, dazu fanden die Ermittler Teile von etwa 30 als gestohlen gemeldeten Autos, fast ausschließlich BMWs.

Ein Versteck der BMW-Bande

Die Heinsberger Polizei und die Aachener Staatsanwaltschaft nahmen die Ermittlungen auf, und schon kurze Zeit später gab es fünf Verdächtige: Zwei Niederländer und ein Deutscher sitzen in Untersuchungshaft, zwei weitere Niederländer sind zwar verdächtig, blieben aber zunächst auf freiem Fuß. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Handel mit gestohlenen Autos, also gewerbsmäßige Bandenhehlerei. Höchststrafe: zehn Jahre Haft.

Die Staatsanwaltschaft sagt wegen der weiterhin laufenden Ermittlungen im Moment nicht viel; doch darf trotzdem vermutet werden, dass die Halle in Gangelt, die umgeben von Feldern nur wenige Meter von der niederländischen Grenze entfernt liegt, der BMW-Bande als Versteck diente. Dieser Bande werden seit Anfang 2016 mehr als 100 allein im Kreis Heinsberg gestohlene BMWs zugerechnet. Doch in der Halle fanden sich nach Informationen unserer Zeitung auch Teile von Autos, die im Raum Aachen gestohlenen wurden.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen deswegen weiter, denn es ist gut möglich, dass die Halle und die fünf Verdächtigen nur ein Teil eines sehr viel größeren Bandennetzwerkes sind. Vergangenen Donnerstag durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der Gangelter Halle zwei weitere Immobilien. Wo diese Immobilien liegen und wem sie gehören, wollte Staatsanwalt Jost Schützeberg am Freitag nicht bekannt geben, „um die weiteren Ermittlungen nicht zu gefährden“. Doch es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ermittler nach weiteren Hintermännern suchen, die es auch in diesem Fall geben muss.

Die Drahtzieher des organisierten Autodiebstahls sind nach Erkenntnissen von auf Autodiebstahl spezialisierten Ermittlern der Aachener Polizei in fast allen Fällen Gebrauchtwagenhändler, Kfz-Werkstättenbetreiber oder Autolackierer, Betriebe mit legalem Anstrich. Viele im holländischen, nicht ganz so viele im deutschen Grenzgebiet.

Verunsicherte Diebesbanden

Die Heinsberger Polizei hatte 2016 wiederholt beobachtet, dass gestohlene BMWs auf direktem Weg Richtung holländische Grenze gefahren wurden. Die Vermutung liegt daher nahe, dass zumindest einige der BMWs wenige Tage nach dem Diebstahl auf Wirtschaftswegen zurück über kleine, völlig ungesicherte Grenzübergänge in die Halle nach Gangelt gebracht wurden. Dort wurden sie dann in ihre Einzelteile zerlegt und vermutlich zum Verkauf vorbereitet.

In den Wochen nach dem Hallenbrand am 1. März wurden im Kreis Heinsberg kaum mehr Autos gestohlen, schon gar keine BMWs. Erst am 6. April, also mehr als einen Monat nach dem Feuer, meldete die Polizei den Diebstahl eines 1er BMW. Doch die Diebstahlszahlen blieben niedrig, nicht nur im Kreis Heinsberg. Es sieht danach aus, als hätten die Verhaftungen bei den Diebesbanden für Verunsicherung gesorgt.

Der Raum Aachen gehört zu den Regionen, in denen bundesweit die meisten Autos gestohlen werden, vergangenes Jahr waren es mehr als 1200. Doch auch und besonders dort sank die Zahl der gestohlenen Autos fast schon dramatisch, allerdings nicht erst seit dem Feuer in Gangelt. Es passierte nämlich noch etwas, mit dem im Aachener Polizeipräsidium kaum jemand gerechnet hatte.

Die Aachener Polizei beklagte sich jahrelang darüber, dass die niederländischen Kollegen kaum etwas gegen die Autodiebe unternehmen, die seit Jahrzehnten von Holland aus Autos im Großraum Aachen stehlen. Da die Aachener Polizei in Holland nicht aktiv werden darf und die niederländische Polizei nur die Straftaten verfolgen muss, die sie als verfolgenswert erachtet, konnten die Diebe einigermaßen risikolos ihre Beutezüge in Deutschland fortsetzen. Die über die Grenze gebrachten Autos waren in Holland lange sicher.

Doch nach Recherchen unserer Zeitung gab es im Laufe des Januars in Holland einen gezielten Schlag gegen die eigentlichen Drahtzieher der Autodiebstähle. Die niederländische Ermittlungsgruppe „Wake up“ („Aufwachen“) nahm 18 Männer fest, denen zur Last gelegt wird, bandenmäßig Autos zu stehlen und/oder gewerblich mit gestohlenen Autos zu handeln. Drei der Festgenommenen sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft.

Die Brandursache

Die niederländische Polizei ließ eine diesbezügliche Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet, kein Kommentar. Doch für die Aachener Polizei ist der Schlag gegen niederländische Autodiebe der wichtigste Grund dafür, dass in der Region Aachen, Düren, Heinsberg in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres rund ein Drittel weniger Autos gestohlen bzw. zu stehlen versucht wurden als im selben Zeitraum 2016. Ein großer Erfolg.

Am Freitag gab die Aachener Staatsanwaltschaft bekannt, was den Gangelter Hallenbrand am Aschermittwoch eigentlich ausgelöst hatte. Einer der Verdächtigen, die nun in Untersuchungshaft sitzen, war an diesem Tag mit Schweißarbeiten beschäftigt. Vermutlich, sagte Staatsanwalt Schützeberg, setzten umherfliegende Funken umherstehende Autositze in Brand.

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