Die Angst vor einer Zukunft ohne RWE

Von: Marlon Gego
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Die Zeit seines Lebens: Karl-Heinz Rheinländers Lebensmittelpunkt ist Alsdorf-Kellersberg, dort hat er beim SC Kellersberg gespielt und später auch trainiert. Das intakte Ortsleben und der bescheidene Wohlstand wurden von der Steinkohle finanziert. Seit dem Ende der Steinkohle kann man in Alsdorf beobachten, was passiert, wenn plötzlich viele Menschen keine Arbeit mehr haben. Rheinländer befürchtet, dass es mit dem Ende von RWE, bei dem er arbeitet, und dem Ende der Braunkohle noch schlimmer wird. Foto: Gego
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„Einen Arbeitgeber wie RWE muss man erst mal finden“: Karl-Heinz Rheinländer (59, rechts) und Steven McLarren, 27, beide Elektriker bei RWE. Foto: Gego
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„Ende Gelände“: Am 15. August drangen 805 Aktivisten in den Tagebau Garzweiler ein. Für viele RWE-Angestellte völlig unakzeptabel. Foto: Pay Numrich

Alsdorf. Als die Aktivisten Mitte August in den Tagebau Garzweiler stürmten, saß Karl-Heinz Rheinländer zu Hause und hörte Radio. Er schaute im Internet nach, er telefonierte mit Kollegen, die vor Ort waren. Rheinländer sammelte jede Information aus Garzweiler, die er bekommen konnte, und mit jeder neuen Information sah er sich in seinem Weltbild bestätigt.

Die Aktivisten brechen Gesetze, sie gefährden die Zukunft von RWE und damit die Existenz von Tausenden Angestellten und ihren Familien, auch seine eigene. Für Rheinländer geht es um alles.

An einem Tag Ende August sitzt Rheinländer, 56, im Esszimmer seines Reihenhauses in Alsdorf-Kellersberg und entrüstet sich schon wieder über die Aktivisten, die es seiner Meinung nach auf das Ende von RWE abgesehen haben. Und wenn RWE erst mal am Ende ist, sagt Rheinländer, suchen die Aktivisten sich eine neue Sau, die sie durchs Dorf treiben können. „Und wir, was machen wir dann?“

Eine neue Dimension des Protests

Die Großdemonstration in Garzweiler am 15. August war in der Tat eine neue Dimension des Protests gegen die Braunkohle. Es waren keineswegs nur Berufsdemons-tranten und linksextreme Weltverbesserer, die den Tagebau stürmten, sondern auch Mütter, Väter, Studenten und Rentner, die das führen, was man als völlig normales Leben bezeichnen könnte.

Der Protest gegen die Braunkohle ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, selbst Barack Obama und Angela Merkel haben beim G 7-Treffen in Elmau im Sommer mehr oder weniger deutlich gesagt, dass es mit der Braunkohleverstromung so nicht weitergehen kann. Die Aktie von RWE befindet sich seit Wochen im freien Fall, beinahe täglich erreicht sie neue Tiefstände.

Es gibt nicht vieles, das schädlicher für das Weltklima ist als der Braunkohleabbau, und in der westlichen Welt weiß das bis auf ein paar Unbelehrbare jeder, auch Karl-Heinz Rheinländer. Was er aber nicht versteht, ist, dass die relativ sauberen deutschen Braunkohlekraftwerke abgeschaltet werden sollen, während in Polen oder China noch uralte Kraftwerke in Betrieb sind, die Rheinländer als „Dreckschleudern“ bezeichnet.

Als es mit dem Eschweiler Bergwerksverein (EBV) in den späten 80er Jahren zu Ende ging, bei dem Rheinländer als junger Mann ein paar Jahre lang arbeitete, hat er erlebt, wie das Steinkohlekraftwerk in Siersdorf abgebaut wurde, das gerade eine neue Entschwefelungsanlage bekommen hatte. Es wurde verkauft, nach China gebracht und dort wieder aufgebaut – „ohne Entschwefelungsanlage“, sagt Rheinländer und schlägt mit der Hand auf den Esstisch.

In der Tat hat RWE in den vergangenen Jahren Millionen darauf verwendet, seine Kraftwerke sauberer und effizienter zu machen, in Neurath stehen die beiden modernsten Braunkohlekraftwerksblöcke des Planeten. Rheinländer findet, dass das in der Diskussion um die Zukunft der Braunkohle nicht genügend Beachtung findet, was damit zusammenhängen könnte, dass die modernen Blöcke das Klimaproblem höchstens marginal verkleinern. Wahrscheinlich stünde RWE heute besser da, wenn der damalige Vorstand während der guten Jahre in regenerative Energien investiert hätte statt sich darauf zu verlassen, dass es mit Atomkraft und Braunkohle immer so weitergeht.

Doch Rheinländer zeigt auf die Polen, die Chinesen, auf alle Länder, in denen Kraftwerke am Netz sind, die mehr CO2 emittieren als die von RWE. „Uns als Dreckschleudern zu bezeichnen, ist unfassbar“, sagt er, und wer RWE verurteile, verurteile die 10 000 Menschen, die im rheinischen Revier für den Konzern arbeiten.

Rheinländer sagt: „RWE, das sind wir.“

Von 1983 bis 1989 hat Rheinländer für den EBV gearbeitet, der in der Region die Steinkohle aus der Erde geholt hat wie RWE jetzt die Braunkohle. Sein Urgroßvater war Bergmann beim EBV, sein Großvater und sein Vater auch. Der EBV hat über Jahrzehnte Zehntausende Existenzen in der Region finanziert, eigentlich eine ganze Gesellschaft. Rheinländer kann in Kellersberg zeigen, was das Ende des EBV und der Steinkohle mit dem Ort gemacht hat.

Er geht die Hauptstraße entlang und zeigt, wo früher überall Geschäfte waren. Dort der Metzger, da der Friseur, hier eine Kneipe, da ein Krämerladen. Heute sind dort überwiegend Leerstände. Kellersberg war ein funktionierender Ort mit funktionierender Gesellschaft, die meisten hatten Arbeit, das soziale Leben fand zwischen Kneipen, Kirche und Fußballplatz statt. Wie in so vielen Orten, vor allem wie im Ruhrgebiet zur großen Zeit der Kohle.

Wer als Gastarbeiter nach Kellersberg kam, wurde über die Arbeit und den Sport integriert, der EBV-Betriebsleiter war auch Präsident des SC Kellersberg. Rheinländer war ein guter Fußballer, Verteidiger, sein Spitzname war „Terrier“, so wurde auch Berti Vogts genannt. Wenn ein wichtiges Spiel anstand, durften die Fußballer, die beim EBV arbeiteten, ein bisschen weniger arbeiten, damit mehr Zeit zum Trainieren blieb. Und wenn am Sportplatz etwas gemacht werden musste, wurden Arbeiter des EBV freigestellt, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Rheinländer war als Fußballer privilegiert, er verschaffte seinen Eltern eine der begehrten modernen Wohnungen im Neubaugebiet, die nur 300 Mark Miete kostete.

Wenn Rheinländer heute an den Wohnungen vorbeigeht und sieht, wie heruntergekommen sie sind, dass sie kaum mehr vermietet werden können, bricht es ihm fast das Herz. Er sagt es so nicht, aber man sieht es in seinem Gesicht. Er sitzt auf der Trainerbank auf dem Sportplatz des SC Kellersberg, dessen beste Zeiten Jahrzehnte zurückliegen, und erzählt von früher. Er geht durch die Straßen und sieht soziale Brennpunkte, wo früher Menschen mit geregeltem Einkommen lebten. Sieht Kneipen, in denen heute mit Drogen statt mit Bier gehandelt wird, jedenfalls glaubt er das.

Ein unlösbarer Konflikt?

Als die Bergwerke schlossen und der EBV sich davonmachte, die Politik es versäumt hatte, sich rechtzeitig um einen Strukturwandel zu kümmern und es zum Strukturbruch kam, war für Rheinländer das Leben, wie er es kannte, vorbei. Er hat Angst, dass das noch mal passieren könnte, wenn es jetzt RWE an den Kragen geht, ohne dass sich die Politik darum gekümmert hat, was nach RWE kommt.

Aber was soll die Politik tun?

Es gibt die Idee, irgendwo zwischen A 4 und A 44 ein großes Logistikzentrum anzusiedeln, Logistik ist ein ganz großes Wort, wenn es um die Zukunft der Region geht. Die gute Lage in der Nähe der großen Seehäfen Antwerpen und Rotterdam, mit gut ausgebautem Bahn- und Autobahnnetz. Doch welche Waren kämen dann später aus den Seehäfen in dieses Logistikzentrum? Kleidung aus Bangladesch? Unterhaltungselektronik aus Taiwan? Artikel aus China für die Ein-Euro-Läden?

Das Problem, dass die großen Konzerne dort produzieren lassen, wo es keine Tariflöhne gibt, wo Menschenrechte und Umweltschutz eine untergeordnete Rolle spielen, werden die Landräte und Bürgermeister im rheinischen Revier nicht lösen können. Was fehlt, sind Arbeitsplätze für die, die früher die sogenannte Arbeiterklasse gebildet haben, die in rasendem Tempo von einer Unterschicht abgelöst wird, die man inzwischen als Prekariat bezeichnet. Für die einfachen Menschen gibt es in Deutschland mit dem Fortzug der industriellen Produktionsstätten nach Osteuropa oder Asien immer weniger Arbeitsplätze.

Arbeitsplätze, wie RWE sie noch bietet.

Wenn Rheinländer von den Protesten gegen RWE und den Braunkohleabbau liest, greift ihn das persönlich an. Nicht, weil er gegen die Energiewende wäre, er hat sein eigenes Haus ja auch energieeffizienter gemacht; sondern weil es den Rest des funktionierenden Teiles der Gesellschaft bedroht, weil er viele alte Menschen kennt, die die Rechnungen für Strom und Heizung kaum noch bezahlen können. Und weil er sich nicht vorstellen kann, von welcher Arbeit seine Enkel, die er sich wünscht, später einmal leben sollen.

Auf der einen Seite die Aktivisten, die das Weltklima retten wollen. Auf der anderen Rheinländer, der sein Kellersberg retten will. Kann es für solch einen Konflikt überhaupt eine Lösung geben?

Als Rheinländer den Sportplatz in Richtung seines Hauses verlässt, dreht er sich am Ausgang noch einmal um und schaut auf das Vereinsheim, das er mit gebaut hat. Ihm fällt Egon Bahr ein, der große alte Sozialdemokrat, der vor ein paar Tagen gestorben ist. Bahr, sagt Rheinländer, habe mal drei Worte gesagt, die ihm sein ganzes Leben in Erinnerung geblieben sind: „Wandel durch Annäherung“.

Rheinländer findet, dass sich der Konflikt zwischen RWE und den Aktivisten so doch eigentlich lösen lassen müsste.

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