Die Angst vor dem Ernstfall, der nie kam

Von: Elke Silberer
Letzte Aktualisierung:
urft04-bu
Impression aus dem Bunker: das Zimmer des Ministerpräsidenten. Foto: dpa

Urft. Hinter drei Meter dicken Wänden beginnt die Angst vor Chaos, Tod und Weltuntergang. Schutzanzüge, Entgiftungsraum, nackte Räume ohne Tageslicht. Sogar ein kleines Hörfunkstudio für den Ministerpräsidenten, damit der per Radiobotschaft die Bevölkerung beruhigen kann.

Der frühere Atombunker der nordrhein-westfälischen Landesregierung ist auch mehr als 30 Jahre nach seinem Baubeginn noch immer die Versinnbildlichung aller Ängste seiner Zeit. Heute gehört der Bunker in Urft im Kreis Euskirchen dem Rentner Claus Röhling.

Kaum sichtbar im Hang

Es ist ein Eintauchen in die Zeit des Kalten Krieges, in die Angst vor einem atomaren Schlag, die Fiktion einer realen Bedrohung. Im Ernstfall wäre der Ministerpräsident mit 200 Beamten nach Urft geeilt. Die Verpflegung reichte für 30 Tage. Der Bunker wäre zur Stabsstelle für Maßnahmen gigantischen Ausmaßes geworden: Evakuierung gefährdeter Gebiete, Versorgung von Flüchtlingen, Organisation neuer Verkehrswege, Sicherung des Trinkwassers. Der Bunker wurde in den 60er Jahren gebaut und 1993 stillgelegt.

Die Anlage liegt kaum sichtbar in einem Waldhang. Der Eingang wird durch zwei Garagentore getarnt, „wie bei James Bond”, findet Röhling. Über eine Treppe geht es in den viergeschossigen Bau, der in einen Waldhang gebaut ist. „Der Bunker wurde auf den dürftigen Erkenntnissen über die Hiroshima-Bombe gebaut. Später erkannte man, der ist nicht adäquat und muss verändert werden”, sagt Röhling.

Er hat die Dokumente des Bunkers aufmerksam gelesen, Kartenmaterial und Logbücher studiert, mit Menschen gesprochen, die hier an Übungen teilnahmen. Auch wenn es den Ernstfall nie gab, die Angst vor Spionage war groß. „Radios waren verboten. Man hätte ja Funkgeräte bauen können. Es galt die höchste Geheimhaltung.”

Einen hat man aber nicht bemerkt. Als Beschäftigter einer Montagefirma getarnt hat ein DDR-Agent den Bau ausspioniert. Der Eifeler Bunker sei in Ostberlin nachgebaut worden. Der überlieferte Satz „Herr Ministerpräsident, Sie sind Gefangener der NVA” lässt erahnen, was da geübt wurde.

100 Betten für 200 Menschen bedeutete Arbeit rund um die Uhr. Es sollte in Schichten geschlafen werden, in Räumen, die nichts für Menschen mit Platzangst sind. Alles ist noch original, auch die Stapel von Toilettenpapier, die groben Zahnbürsten, die Gasmasken, das Einzelbett für den Ministerpräsidenten. „Es war aber nie einer hier”, sagt Röhling.

Sein Schwiegervater war eine Art Hausmeister, tauschte abgelaufene Lebensmittel aus und hielt Bunker und Technik in Schuss. Einmal im Jahr sei ein Tross aus Düsseldorf zur Übung gekommen. In erster Linie sollte die Technik überprüft werden: Telefone mit Drehscheiben, Stecker und Knöpfe der telefonischen Handvermittlung, Fernschreiber. Das hatte der Bunker dem atomaren Ernstfall entgegenzusetzen, mehr nicht.

Röhlings Schwiegervater hing an dem Bunker, auch nach der Stilllegung noch. Röhling wollte ein Labor für physikalische Tests aus dem Bunker machen, doch als der Kauf nach langen Verhandlungen perfekt war, gab genug andere Labore für solche Tests. Der Bunker stand ungenutzt leer und Claus Röhling ist jetzt selbst Rentner. Hin und wieder führt er Neugierige durch den Bunker, mehr lässt sich im Moment nicht daraus machen.

Führung durch den Bunker am 26. April

Erstmals wird der frühere Atombunker der NRW-Landesregierung in Urft jetzt für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Besichtigung ist im Rahmen einer Führung am 26. April möglich. Voraussichtlich wird es im Mai weitere Termine geben.

Anmeldungen nimmt das Büro Ahrtal-Tourismus entgegen. Von dort wird sowohl die Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Bad Neuenahr-Ahrweiler als auch den Ausweichsitz in Urft betreut; 02461/917165.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert